Ein Klingeln ließ ihn aufschrecken. Tief aus seinen Gedanken stieg er empor, hinauf in die wirkliche Welt. Manchmal ist man erfreut über diesen Umstand. Er war es nicht. Kim Yong Ill war sauer.
Gerade war ihm ein Reim eingefallen, auf den er schon so lange hatte warten müssen. Jetzt, wenige Augenblicke nachdem ihm dieses Wort vor seinem geistigen Auge erschienen, wusste er es nicht mehr. Dieses schreckliche Telefon, dachte er. "Warum schafft es die Realität des Menschen Kreativität auf solch banale Art zu zerstören? Wie um alles kann man Realist sein, wenn man zugleich ein glückliches Leben führen will? Meine Gedanken sind hier nicht frei! Ich will töten!"
Leider war das seine Antwort auf fast alles. War er sauer, tötete er. War er verliebt, tötete er nach kurzer Zeit seine Gespielinnen. Sogar Selbstbefriedigung betrieb der kleine, untersetzte Koreaner nur aus dem Grund um mit zu erleben, wie Millionen kleiner Spermien einen sinnlosen Tod starben.
Das Telefon auf seinem Schreibtisch klingelte noch immer. Er hob ab und schrie -nicht laut, aber bestimmt- in den Hörer: "Wissen Sie einen Reim auf Lendenschurz, Sie Nichtsnutz?" Am Ende erklang ein verängstigte, ausgehungerte aber unterwürfige Stimme: "Ähm, nein,... ja doch, ähm, Hasenfurz!" "Sie niveauloser, heuchlerischer, untalentierter Volltrottel," schnaubte der Diktator. "Wenn Sie Südkoreaner wären, ich müsste Sie auf der Stelle erschießen lassen." Dass er als Nordkoreaner erst morgen exekutiert werden würde, sagte Kim nicht dazu. Wozu auch?
"Was wollen Sie überhaupt, Sie speichelleckender Wurmfortsatz eines entzündeten Blinddarms?" "Ich rufe an, weil ich Ihnen, ergebener Führer, von den Nuklearraketentests erzählen wollte. Sie haben hervorragende Ergebnisse erzielt! Ein Hoch dem Führer des nordkoreanischen Volkes! Sie führen uns in eine glorreiche Zukunft in einer Welt, in der wir das letzte Land sind, das über keine Kernwaffen verfügt."
Kim Yong Ill hasste sein Volk. In seinen Augen waren seine Landsmänner einfach nur mehr blöd. Uninformierte, abgehungerte und übelriechende Kakerlaken an der Schuhsohle des wahren Kommunismus.
Er hatte nicht immer so über seine Untertanen gedacht. Früher, da war es noch lustig, das ganze Land für dumm zu verkaufen. Wie gerne hatte Kim noch selbst die Nachrichten gefälscht und Massenerschießungen angeordnet, teilweise selbst durchgeführt. Irgendwann hatte sich das ganze -von ihm allein geschaffene- Werk verselbstständigt und seine Schergen ließen ihn die ganzen spaßigen Sachen gar nicht mehr machen. In vorauseilendem Gehorsam erledigten seine Handlanger all seine Jobs, die er früher doch so gerne selber getan hatte. Er war ein Gefangener in einem von ihm erbauten Elfenbeinturm. Sein Frust entlud sich dann und wann in wirren Gedichten, in denen er die Alltagsbekleidung mitteleuropäischer Landwirtschaftskulturen durch den kommunistischen Fleischwolf drehte.
Atomwaffen waren ihm egal. Drauf geschissen, hatte er einmal in einem derben Wodkarausch in einem menschenleeren Lokal in Pyöngyang geschrieen. Das hatte damals niemand gehört. Die Besitzer des Lokals waren bereits tot.
Kim Yong Ill stand von seinem Schreibtisch auf, ging zur Balkontüre, atmete tief durch und kehrte auf seinen Stuhl zurück. Es war nicht sein Tag. Nordkorea war ihm Wurscht. Hunger vor Schönheit! Sein Motto. Es stand auf zahlreichen Bannern in der Hauptstadt und ihm gefiel die abgründige Bosheit dieser Worte. Schließlich stammten die auch von ihm.
Und plötzlich lächelte er, griff entschlossen zu einem Stift und einem Stückchen Papier und kritzelte etwas darauf. Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck ging er aus seinem Büro, schnappte sich seinen Sekretär und würgte diesen zu Tode. Dieser war zu ausgehungert um sich zu wehren. Und außerdem Staatspräsident und so.
Auf dem Zettel in des Ills Büro stand:
Es entledigt sich der Bauer des Lendenschurz
Wenn er riecht den schiarchen Hasenfurz!
Hunger vor Schönheit!
Kim Yong Ill.
Hut ab.
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