Freitag, 22. Oktober 2010

An Autumn Crocus

Mit gierigen Augen richtete der Mensch seinen Blick auf den nächsten Stoß Akten. Darin stecken lauter kleine Sünderschicksale über die es zu richten galt. Man muss es sie wissen lassen, ihre Schlechtheit. Ihre Primitivität. Ihr seelischer Gestank stieg auf und erfüllte den Raum. Schnell eine Kerze angezündet. Der Allmächtige wachte über den ziemlichmächtigen Richter. Ein kurzes Gebet, damit seine Seele nicht erschaudert. Da ruhte er wieder. In sich und in Gott. Er atmete schwer. Leise zog er die Luft an.

Er musste aufstehen. Hin zum Altar. Das Wachs der Kerzen war noch nicht ganz getrocknet. Immer wieder waren ihm am heutigen Tage Schauerwellen durch die Glieder gefahren. Diese Würmer mit menschlicher Existenz wurden unerträglicher. Von Tag zu Tag. Das wusste er. Er sah es ihnen an. Diese verlotterten, asozialen Schmarotzer empfanden keinerlei Dankbarkeit dafür, dass sie auf der Welt ihr Treiben fortsetzen durften. Solange bis sie ihm gegenüber standen. Dann wurde der irdischen Gerechtigkeit genüge getan. Noch suhlten sie sich in der trügerischen Sicherheit der aufschiebenden Wirkung. Weil sie keine Ahnung hatten, wer als nächstes über sie zu richten berufen war.

Er spürte ihre verbrecherische Energie. Mit jeder Aktenseite bohrten sie sich selbst ein tieferes Loch in ihre Seelen. Immerzu der Verdammnis entgegen. Sie brauchten kein Mitleid. Das hatten sie sich nicht verdient. Allein der Gedanke daran erschien ihm absurd. Jeder sei seines Glückes Schmied, hieß es. Doch nur er fertigte auch die Unglücksseite hinzu. Was bleibt vom irdischen Irren, wenn man nie geirrt hat, hatte ihn eines dieser Geschwüre aus Haut und Knochen gefragt. Zwei jahre scharf und ein beruhigendes Gefühl. Das verblieb zumindest ihm.

Er zündete die Kerzen an. Jetzt musste er seinen Herren fragen. Drüben auf der anderen Seite des Flusses erblickte er das blitzende Licht eines Krankenwagens. Mit wenigen Schritten erreichte er das Fenster und betrachtete das Geschehen darunter. Wie sie in der Dunkelheit vor ihren alltäglichen Sünden zu flüchten suchten. Hinein in die eigenen vier Wände. Verkrochen unter einer Decke aus Dekadenz und Scham lebten sie in ihren Häusern. Ihr verkommenes Dasein teilten sie mit ihnen gleich gesinnten Kreaturen. Familie mochten sie es nennen. Er nannte es einmal die Zellteilungen der Gewöhnlichkeit.

Er war bereit, sich ein weiteres Mal an diesem Tage zu bekennen. Zuflucht zu suchen unter dem ewigen Herrscher. Sein Reich komme, sein Wille geschehe. Hier in diesem Raum wurde dieser fromme Wunsch wahrhaftig. Im Namen der Gerechtigkeit.