Als Kapitän und Entdecker James Cook am 24. August des Jahres 1770 die Insel östlich des so eben entdeckten Landes ( welches später Australien genannt werden sollte) betrat, war er grantig und hungrig. In seinem Hunger lag der Hauptgrund für seinen Zorn, denn er hatte schlecht gefrühstückt. Was heißt schlecht, eigentlich hatte er noch gar nichts zu essen gehabt. Seinem tollpatschigen österreichischen Schiffsjungen war es doch tatsächlich gelungen den allmorgendlichen Haferschleim in eine ungenießbare Brühe zu verwandeln.
„Dabei,“ dachte sich Kapitän Cook, als er die steilen Klippen hinaufstieg:“ kann man bei Haferschleim so gut wie nichts falsch machen.“ Aber bei seinem Österreicher, der sich irgendwann als Crewmitlgied beworben hatte und angab Koch gelernt zu haben, wunderte den Kapitän nichts mehr. Anstatt sich mit dem Erlernen neuer Rezepte zu beschäftigen oder zumindest hin und wieder an Deck zu gehen um zu sehen wo die Reise hinging, saß der wunderliche Junge vor einem Art Tagebuch und kritzelte irgendwelche Notizen hinein. Noch dazu auf deutsch, was Cook weder in Sprache noch in Schrift beherrschte.
Grundsätzlich galt der Kapitän als ein wirklich toleranter Mann. Diesem Umstand allein hatte es der junge Mitteleuropäer zu verdanken, dass er noch nicht über Bord gegangen war. Außerdem gelang es ihm die gesamte Mannschaft mit lustigen Parodien von europäischen Königen zu manch vorgerückter Stunde zu unterhalten. Was der Kapitän jedoch nicht wusste, auch er war hinter seinem Rücken gelegentlich Ziel der Blödeleien des Schiffsjungen.
Nach zehn Minuten hatte Cook die Anhöhe oberhalb des Strandes erreicht. Vor ihm erstreckte sich die Insel, die sie seit gestern entlang gesegelt waren, gegen Süden und ihm gefiel was er sah. So eine Insel hatte er noch nicht gesehen. Offensichtlich bestand sie einzig aus Sand und nichts anderem. Sie war von dichtem Urwald bewachsen, aber dennoch schien der gesamte Untergrund aus Sand zu bestehen. Strategisch mochte sie zwar nichts hergeben, aber irgendwie überkam den Entdecker der Gedanke, alle fünfe gerade zu lassen und schwimmen zu gehen. Aber im selben Moment wurde ihm klar, dass er als Kapitän seiner Mannschaft eine Vorbildsfunktion zu erfüllen zu hatte und nicht einfach Halli-Galli-Stimmug einreißen lassen durfte.
Die letzten Wochen war er sowie so schon besorgt gewesen über die Moral innerhalb seiner Crew. Zu oft endeten gemütliche Feierabendbiere in feucht fröhliche Saufgelagen, wurde mit den Schiffsmaitressen Unzucht getrieben und manches Mal hatte er zwei einsame Seefahrer an der Reling eng beieinander stehend gefunden. In James Cook stieg die Frage hoch, ob er nicht ein konsequenteres Regiment über seine Mannschaft ausüben sollte. Doch im Grunde war es eine zuverlässige und solidarische Crew, die er da mit sich führte und bis auf den Österreicher waren sie alle wirklich tüchtige und geschickte Seefahrer.
Im Magen des Kapitäns rumorte es. Und in seinen Lenden empfand der alte Seebär ein beunruhigendes Jucken. Hatte er sich bei seiner letzten Unterredungen mit seiner Exklusivmaitresse Matilda etwas eingefangen? In London hatte man ihm noch von einer neuartigen Krankheit berichtet, die hauptsächlich die Geschlechtsteile befiel und später zu einem unbekannten Siechtum und manchmal sogar bis zum Verlust des Verstandes führen konnte. Nichts fürchtete der Kapitän mehr als Geschlechtskrankheiten. Und Weltwirtschaftskrisen.
Natürlich ließ sich der stolze Seefahrer seine Unsicherheiten nicht ankennen. Vor der Mannschaft markierte er immer den harten Hund und gestrengen Lehrmeister, aber in Wirklichkeit verlangte es ihm manches Mal nach einer Umarmung und einen intimen Gespräch. Aber das stand in diesem Moment selbstverständlich nicht zur Debatte. Statt dessen bemerkte der Kapitän, dass alle Augen seiner Mitstreiter auf ihn gerichtet waren. Er schreckte aus seinen Gedanken auf. Er kannte diese Blicke. Immer, wenn sie auf ihrer Entdeckungsreise an Land gingen, war es seine Aufgabe dem Platz einen Namen zugeben. Und zwar einen Namen, der auf Ewigkeit Bestand haben sollte. Eine Bezeichnung, die auch in 230 Jahren die Menschen gebrauchen könnten und ihn nicht durch irgendwelche neumoderne Begriffe austauschen würden.
Diese Tätigkeit war an und für sich nicht besonders schwer. Vor seiner Abreise hatte der König Cook höchstpersönlich eine Liste mit Namen überreichen lassen, die er in jedem Fall zu gebrauchen hatte. Diese Liste hatte nur einen kleinen Fehler. Sie war nur für Orte am Festland ausgelegt, bei Inseln hatte der Kapitän freie Hand. Ein Umstand, der dem Gelegenheitspoeten Cook an sich viel Freude bereitet hatte, denn er liebte es Flecken auf Gottes Erde, die noch kein Mensch vor ihm betreten hatte , mit einem Geschöpf seiner Gedanken zu schmücken.
Allerdings tat er das am liebsten mit vollen Magen. Einen solchen hatte er an diesem Tag jedoch nicht. Deshalb fiel ihm nichts ordentliches ein. Und sein Hunger wurde auch nicht geringer. Etwas hilflos blickte der Kapitän um sich und sah plötzlich seinen österreichischen Diener unbeteiligt auf dem Gras liegend und in seinem Heft schreibend. Dieser Blick brachte das an sich sanfte Gemüt des Kapitäns endgültig zum Überkochen und schrie den Schreiberling an: „Oi, what in heaven’s name are you doing?“ Der Österreicher blickte auf und war ebenso verärgert, hatte er doch geglaubt, dass ihm die Frage nicht vom Kapitän höchst selbst gestellt worden war, sondern von einem anderen Crewmitglied. Deshalb antwortete er auf eine seine eigene patzige Weise und in unmöglichem englisch
„ After what does it then LOOK OUT?“
Der Kapitän war einen Moment einfach nur baff. Sprachlos. Doch plötzlich musste er zu lachen beginnen, so richtig herzhaft lachen, angesichts der Frechheit und der gleichzeitigen Unmöglichkeit der erhaltenen Antwort. James Cook schüttelte sich vor lachen und konnte nicht mehr aufhören. So etwas bescheuertes hatte er schon lange nicht mehr gehört.
Aus diesem Grund heißt seit dem 24. August 1770 der Ort am nördlichsten Punkt von Stradbroke Island „ Point Lookout“, benannt durch James Cook.
Als erster Bürgermeister des Ortes fungierte übrigens ein junger österreichischer Koch. Man hatte ihn allein auf der Insel zurückgelassen.
Hut ab.
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