Donnerstag, 30. Oktober 2008

Exploration

Als Kapitän und Entdecker James Cook am 24. August des Jahres 1770 die Insel östlich des so eben entdeckten Landes ( welches später Australien genannt werden sollte) betrat, war er grantig und hungrig. In seinem Hunger lag der Hauptgrund für seinen Zorn, denn er hatte schlecht gefrühstückt. Was heißt schlecht, eigentlich hatte er noch gar nichts zu essen gehabt. Seinem tollpatschigen österreichischen Schiffsjungen war es doch tatsächlich gelungen den allmorgendlichen Haferschleim in eine ungenießbare Brühe zu verwandeln.
„Dabei,“ dachte sich Kapitän Cook, als er die steilen Klippen hinaufstieg:“ kann man bei Haferschleim so gut wie nichts falsch machen.“ Aber bei seinem Österreicher, der sich irgendwann als Crewmitlgied beworben hatte und angab Koch gelernt zu haben, wunderte den Kapitän nichts mehr. Anstatt sich mit dem Erlernen neuer Rezepte zu beschäftigen oder zumindest hin und wieder an Deck zu gehen um zu sehen wo die Reise hinging, saß der wunderliche Junge vor einem Art Tagebuch und kritzelte irgendwelche Notizen hinein. Noch dazu auf deutsch, was Cook weder in Sprache noch in Schrift beherrschte.
Grundsätzlich galt der Kapitän als ein wirklich toleranter Mann. Diesem Umstand allein hatte es der junge Mitteleuropäer zu verdanken, dass er noch nicht über Bord gegangen war. Außerdem gelang es ihm die gesamte Mannschaft mit lustigen Parodien von europäischen Königen zu manch vorgerückter Stunde zu unterhalten. Was der Kapitän jedoch nicht wusste, auch er war hinter seinem Rücken gelegentlich Ziel der Blödeleien des Schiffsjungen.
Nach zehn Minuten hatte Cook die Anhöhe oberhalb des Strandes erreicht. Vor ihm erstreckte sich die Insel, die sie seit gestern entlang gesegelt waren, gegen Süden und ihm gefiel was er sah. So eine Insel hatte er noch nicht gesehen. Offensichtlich bestand sie einzig aus Sand und nichts anderem. Sie war von dichtem Urwald bewachsen, aber dennoch schien der gesamte Untergrund aus Sand zu bestehen. Strategisch mochte sie zwar nichts hergeben, aber irgendwie überkam den Entdecker der Gedanke, alle fünfe gerade zu lassen und schwimmen zu gehen. Aber im selben Moment wurde ihm klar, dass er als Kapitän seiner Mannschaft eine Vorbildsfunktion zu erfüllen zu hatte und nicht einfach Halli-Galli-Stimmug einreißen lassen durfte.
Die letzten Wochen war er sowie so schon besorgt gewesen über die Moral innerhalb seiner Crew. Zu oft endeten gemütliche Feierabendbiere in feucht fröhliche Saufgelagen, wurde mit den Schiffsmaitressen Unzucht getrieben und manches Mal hatte er zwei einsame Seefahrer an der Reling eng beieinander stehend gefunden. In James Cook stieg die Frage hoch, ob er nicht ein konsequenteres Regiment über seine Mannschaft ausüben sollte. Doch im Grunde war es eine zuverlässige und solidarische Crew, die er da mit sich führte und bis auf den Österreicher waren sie alle wirklich tüchtige und geschickte Seefahrer.
Im Magen des Kapitäns rumorte es. Und in seinen Lenden empfand der alte Seebär ein beunruhigendes Jucken. Hatte er sich bei seiner letzten Unterredungen mit seiner Exklusivmaitresse Matilda etwas eingefangen? In London hatte man ihm noch von einer neuartigen Krankheit berichtet, die hauptsächlich die Geschlechtsteile befiel und später zu einem unbekannten Siechtum und manchmal sogar bis zum Verlust des Verstandes führen konnte. Nichts fürchtete der Kapitän mehr als Geschlechtskrankheiten. Und Weltwirtschaftskrisen.
Natürlich ließ sich der stolze Seefahrer seine Unsicherheiten nicht ankennen. Vor der Mannschaft markierte er immer den harten Hund und gestrengen Lehrmeister, aber in Wirklichkeit verlangte es ihm manches Mal nach einer Umarmung und einen intimen Gespräch. Aber das stand in diesem Moment selbstverständlich nicht zur Debatte. Statt dessen bemerkte der Kapitän, dass alle Augen seiner Mitstreiter auf ihn gerichtet waren. Er schreckte aus seinen Gedanken auf. Er kannte diese Blicke. Immer, wenn sie auf ihrer Entdeckungsreise an Land gingen, war es seine Aufgabe dem Platz einen Namen zugeben. Und zwar einen Namen, der auf Ewigkeit Bestand haben sollte. Eine Bezeichnung, die auch in 230 Jahren die Menschen gebrauchen könnten und ihn nicht durch irgendwelche neumoderne Begriffe austauschen würden.
Diese Tätigkeit war an und für sich nicht besonders schwer. Vor seiner Abreise hatte der König Cook höchstpersönlich eine Liste mit Namen überreichen lassen, die er in jedem Fall zu gebrauchen hatte. Diese Liste hatte nur einen kleinen Fehler. Sie war nur für Orte am Festland ausgelegt, bei Inseln hatte der Kapitän freie Hand. Ein Umstand, der dem Gelegenheitspoeten Cook an sich viel Freude bereitet hatte, denn er liebte es Flecken auf Gottes Erde, die noch kein Mensch vor ihm betreten hatte , mit einem Geschöpf seiner Gedanken zu schmücken.
Allerdings tat er das am liebsten mit vollen Magen. Einen solchen hatte er an diesem Tag jedoch nicht. Deshalb fiel ihm nichts ordentliches ein. Und sein Hunger wurde auch nicht geringer. Etwas hilflos blickte der Kapitän um sich und sah plötzlich seinen österreichischen Diener unbeteiligt auf dem Gras liegend und in seinem Heft schreibend. Dieser Blick brachte das an sich sanfte Gemüt des Kapitäns endgültig zum Überkochen und schrie den Schreiberling an: „Oi, what in heaven’s name are you doing?“ Der Österreicher blickte auf und war ebenso verärgert, hatte er doch geglaubt, dass ihm die Frage nicht vom Kapitän höchst selbst gestellt worden war, sondern von einem anderen Crewmitglied. Deshalb antwortete er auf eine seine eigene patzige Weise und in unmöglichem englisch
„ After what does it then LOOK OUT?“
Der Kapitän war einen Moment einfach nur baff. Sprachlos. Doch plötzlich musste er zu lachen beginnen, so richtig herzhaft lachen, angesichts der Frechheit und der gleichzeitigen Unmöglichkeit der erhaltenen Antwort. James Cook schüttelte sich vor lachen und konnte nicht mehr aufhören. So etwas bescheuertes hatte er schon lange nicht mehr gehört.
Aus diesem Grund heißt seit dem 24. August 1770 der Ort am nördlichsten Punkt von Stradbroke Island „ Point Lookout“, benannt durch James Cook.
Als erster Bürgermeister des Ortes fungierte übrigens ein junger österreichischer Koch. Man hatte ihn allein auf der Insel zurückgelassen.


Hut ab.

Mittwoch, 29. Oktober 2008

View

Wäre er nicht vorbeigekommen, ich würde noch immer dort sitzen und auf den Bus warten. So stand ich einfach von der Bank in der Haltestelle vor dem Hostel auf und ging mit ihm. Manchmal ist es so einfach und besonders einfach scheint alles auf Straddie zu gehen. Da gingen wir also. Wie sich herausstellte war mein Weggefährte Kanadier und arbeitete bereits seit vier Monaten auf der Insel, was ihn befähigte den komplizierten Busplan zu lesen und Wartezeiten richtig einzuschätzen.
Es war eine dieser Begegnungen, die durch nichts gerechtfertigt werden können, denen aber ein Charme innewohnt, der zu erklären genauso unmöglich scheint wie der Busplan des Straddie-Links.
Da gingen wir also und unterhielten uns. Einfach der Straße entlang, der Hauptstraße auf Straddie. Am blauen Himmel schien die Sonne so erbarmungslos auf uns herunter wie sie das schon den ganzen Tag gemacht hatte. Allerdings wurde dieser Umstand weder von dem Kanadier noch von mir als störend empfunden. Es gehört zu Straddie wie der Sand, der 4-Wheel-Drive und die Fähre.
Da gingen wir also und redeten über Norwegen. Ein Kanadier und ein Österreicher spazieren auf einer australischen Insel und tauschen sich über Norwegen aus. Ein Klassiker. Danach erzählte ich von meinen Surferfahrungen des frühen Nachmittags und er über die Zukunft der Insel. Nach einer Viertelstunde war unser gemeinsamer Weg auch wieder zu Ende und er bog zum Inselpub ab, dem einzigen im Ort. Er verdient dort nämlich sein Geld. Vielleicht kann er mit diesem Geld nach Skandinavien reisen um seine Freundin in Bergen zu besuchen. Zu wünschen wäre es ihm. Dem Guy. Unter diesem Namen hatte er sich schlussendlich vorgestellt.
Da stand ich nun und ging einfach weiter. Ich setzte einen Schritt nach dem anderen während sich über mir die Dämmerung für ihren Auftritt bereit machte. Um mich herrschte eine Ruhe, die unheimlich schien. Unheimlich schön. Egal welchen Weg ich einschlug, ich war mit mir allein und ganz bei mir. Vor mir erstreckte sich legendlich der Pazifik, welcher an idyllischen Stränden auf die Insel traf. Das Rauschen der Wellen umhüllte mich wie eine Decke aus Musik. Die Sonne malte in ihrer Untergangsstimmung die verschiedensten Farben an den Horizont. Und es schien als wäre ich der einzige der das alles miterleben durfte. Ich war ganz ruhig und ließ alles auf mich einströmen. Jeden Filter den mein Verstand über diese Augenblicke zu legen versuchte legte ich zur Seite. Einzig meine Beine ruhten nicht und liefen immer weiter.
Mein Ziel hatte ich längst aus den Augen verloren. Oder gab es jemals ein Ziel? Es schien nicht mehr wichtig zu sein, solange meine Sinne nur aufmerksam alles was die Natur ihnen bot aufsogen wie ein neuer Schwamm. In diesem Zustand gibt es weder Zukunft noch Vergangenheit. Nur mehr Zufriedenheit. Und Dankbarkeit.
Letzten endlich hielten meine Beine am Main Beach von Point Lookout. Ich ließ mich auf dem Gras nieder und schaute meinen Surferkollegen zu, wie sie Wellen ritten, die wohl zu erst mein Board und danach mich in zwei brechen würden. Aber das zählte nicht mehr. Der Strand erstreckte sich soweit ich blicken konnte. Über den Sandhügeln verabschiedete sich langsam die Sonne von mir und der Insel. Die Schatten wurden immer länger und schließlich von der Dämmerung zur Gänze geschluckt.
Ich saß da und blickte in die Ferne. Irgendwie schien es als wäre ich angekommen. Von solch einem Ort Abschied zu nehmen ist nicht einfach. Und wäre die Dunkelheit nicht über mir hereingebrochen, ich würde noch immer dort sitzen. Im Gras und in die Ferne blickend.


Hut ab.

Problems

Um bei der Wahrheit zu bleiben. Ich hatte ein Problem. Ich könnte mir zwar andere Erklärungen anbieten, aber diese würden dem Problem nur verschiedene Titel verleihen und dadurch nicht mehr stimmen.
Obwohl ein Gedanke hat mir an sich schon ganz gut gefallen. Halbzeitpause. Wie beim Kicken brauchte auch ich ein wenig Zeit um mich wieder zu fangen. Für das Wochenende hatte ich nämlich gewissermaßen die Zeitenwende errechnet, Halbzeit quasi. Ab sofort stehen mir nur noch so viele Tage meiner Aus-Zeit zur Verfügung , wie ich bereits verlebt habe. Leider habe ich keinen Coach bei mir, der mir eine profunde, detaillierte und in schlechtem Deutsch vorgetragene Halbzeitansprache liefern hätte können. Keiner, der den ganzen Sinn hinter unserem Dasein, sei es im Leben oder im Spiel, mit zwei simplen Worten zusammenfassen kann. „Mehr aggressiv!“ Das nachher geknurrte „ Burrrsch(a)nn“ lasse ich besser unerwähnt.
Mehr aggressiv also. Aber wie sooft im Sport ist es auch im Leben nicht immer einfach diese Forderung in die Realität umzusetzen. Und genauso wie der Fußballer bei solchen sinnfreien Halbzeitansprachen das Gehirn auf Durchzug schaltet und an seinem isotonischen Getränk nuckelt, habe auch ich die letzten Tage in mir geruht.
Nicht, dass sich nichts ereignet hätte. So war das auf keinen Fall. Und es waren zahlreiche unvergleichliche Momente darunter. Seltsamerweise waren jedoch die Situationen am schönsten in denen ich einfach in den Himmel blickte und tiefe Zufriedenheit zu spüren bekam. Augenblicke in denen alles einen Sinn erhielt, indem es keinen Sinn mehr machte.
Damit ich dieser Sinnbefreitheit auch genügend Tribut zolle, befinde ich mich jetzt auf Strandbroke Island. Besser gesagt, Northern Straddie Island.
Straddie, wie die Insel von den Heimischen genannt wird, ist die kleine, verhurte Schwester von Fraser Island. Fraser war immer schon ein wenig größer, zierlicher und natürlicher als Straddie. An sich besteht zwischen den beiden kein großer Unterschied. Beide sind Inseln, die aus nichts anderem bestehen als Sand. Straddie hat sich darauf aber nie so viel eingebildet wie ihre große Schwester. Diese prahlte bei jeder Gelegenheit mit ihrer Unberührtheit, die sie durch den Status eines Nationalparks auf alle Zeit konserviert zu haben schien. Die etwas südlicher von Brisbane gelegene Straddie hatte nie eine Chance sich auf diesem Gebiet gegen die arrogante und zunehmend selbstsichere Fraser durchzusetzen und begann deshalb sich zu öffnen. Jeder der genug Bargeld zur Verfügung hatte, durfte sich sein Ferienhaus auf ihr aufstellen. Auch die Wochenendtouristen mit ihrem unbändigen Drang nach Alkohol und schlechtem Benehmen nahm Straddie auf. Die Menschen lieben Straddie dafür. Auch wenn alle sagen, dass Fraser die schönere der beiden ist, wissen sie genau, dass Straddie mehr Spass macht.
Es stimmt. Straddie hat was verführerisches an sich, das nur schwer in Worte zu fassen ist. Womit mir wieder bei meinem Problem angelangt wären. Im Moment kann ich leider nicht wirklich beschreiben, was um mich herumgeschieht und schon gar nicht in mir. Die Wahrheit liegt so klar vor mir und erstreckt sich so weit am Horizont, dass mein kleiner Fotoapparat namens Hirn sich außer Stande sieht, sie an dieser Stelle abzulichten. Es würde nur ein verschwommenes und unklares Bild entstehen, dass man gleich wieder löschen würde, wenn man die richtige Taste dazu hätte. Weil man nicht glauben will, dass man es nicht besser fotografieren kann. Deshalb hat es gedauert bis ich wieder etwas geschrieben habe.
Ich habe so viele Bilder im Kopf, die man alle nicht auf Film bannen kann. Auch wenn man glaubt ein guter Fotograph zu sein.

Hut ab.

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Tables

Henning sitzt im Café und trinkt einen Cappuccino. " Manno, was ist das denn für eine widerliche Plörre!", denkt er sich. Sagen tut Henning aber: " Sis coffee tastes not good. In Homburg we had better coffee, I can tell you." Und wie er könnte. Henning mag nämlich Geschichten erzählen. Er hat ja auch so viele auf Lager. Zu jeder Situation besitzt immer ausgerechnet Henning die passende Anekdote. Sogar zu schlechtem Cappuccino hätte er eine kurzweilige und für seine Verhältnisse eher lustige parat. Doch jetzt will er die nicht verkünden, denn Henning ist sauer.
Er lässt seinen Blick durch die Runde schweifen. Da sitzen sie, seine Freunde. Grete und Mareike. Die waren immerhin pünktlich. Eines nämlich kann Henning überhaupt nicht ab und das ist Unpünktlichkeit. Um 15 Uhr im Three Monkeys war ausgemacht. Eine Minute vor drei beginnt Henning vorsorglich ein wenig Wut und Trotz in sich aufzubauen, denn er ist sich ziemlich sicher, dass Dörte den Termin nicht einhalten wird können. Sie wollte vor ihrem morgigen Psychoseminar an der Uni noch geschwind ihre Dreads nachziehen lassen, so wie das jede Woche macht. Denn Dörte mag keine unordentlichen Dreadlocks.
" I sink, shat Dörte will be late", raunzt der Homburger. Seit einem dreiviertel Jahr ist er nun schon hier in Brisbane und gleich lange kennt er auch schon Dörte. Die war auch damals schon unpünktlich. Nicht nur wegen ihrer Dreads sondern so auch. Für Henning läufts gerade nicht so.
"Yes, probably." Die Antwort kommt von Mareike. Sie mag Unpünktlichkeit auch nicht, aber noch weniger mag sie Leute, die sich in einem fremden Land über Unpünktlichkeit aufregen. Das will sie Henning, mit dem sie im gleichen Unikurs sitzt, jetzt auch sagen. Leider fällt ihr nicht ein, was Unpünktlichkeit auf englisch heißt. Deshalb schweigt sie. Statt dessen erzählt Henning nun doch seine Cappuccino-Geschichte. Und zwar so lebendig und so laut, dass auch die Nachbartische die Möglichkeit erhalten den Erzählungen in voller Lautstärke zu folgen. Objektiv gesehen ist diese Geschichte eher ein Verhau. Nichtsdestoweniger schwingt sich Henning in seiner Laune hoch und mit seiner eindringlichen und relativ plastischen Darstellung der Begebenheit bringt er alle zum Lachen. Zumindest seine Tischgenossen. Alle anderen Besucher, die im Gartenbereich Platz genommen haben zwar auch zugehört. Besser, zuhören müssen. Aber den meisten fehlt es an den Sprachkenntnissen um der Komik der beschriebenen Situation folgen zu können. Die, die des deutschen mächtig sind, finden sie nicht lustig.
Aus reiner Höflichkeit weist keiner Henning auf diesen Umstand hin. Er glaubt natürlich, die Bombenstory der Woche angebracht zu haben, schütteln sich seine Kolleginnen doch scheckig.
Man muss Henning nicht unbedingt kennen um ihn nicht zu mögen. Was nicht unbedingt seine Schuld ist. Solche wie ihn gibt es der Stadt zuhauf. Er nennt sie Landsleute und die Australier Germans.
So einen wie Henning kommt man nicht aus. Irgendwann steht er auch vor einem und beginnt mit der typischen Eröffnungsfrage, die in den folgenden Dialog mündet.
"What's your name?"
"Flo. What's yours?"
"My name is Henning. Nice to meet you."
"Du bist Deutscher, oder."
"Yes, I am."
"Na, dann könnten wir ja auch Deutsch miteinander reden."
"We could."
"Also."
"Sorry, I have to go to se toilett."
Da steht Dörte vor dem Tisch. Es ist drei Minuten nach drei Uhr. Henning setzt schlagartig sein patziges Gesicht auf und begrüßt die Frischgebürstete unfreundlich. Plötzlich kann er nicht anders und fängt an zu lachen. "See, you have also buyed sat strange coffee, hahaha," brustet es aus ihm heraus, weil er den Cappuccino in Dörtes Hand gesehen hat." Und by se way, I must tell you sat story I just told se osers."
Am Nebentisch steht eine halb leere Tasse Cappuccino. Im Grunde war sie gut. Wäre da nicht der fatale Nebengeschmack vom großen Nachbarn gewesen.


Hut ab.

Dienstag, 21. Oktober 2008

Dismount

In Brisbane schneit es nicht. Faktum. Wer jetzt von dieser Erkenntnis nicht unbedingt Herzrasen bekommt, dem soll man nicht böse sein. Es ist auch geographisch leicht erklärbar, von wegen Subtropen und Meereshöhe. Das alles spricht für die Tatsache, dass hier im Südosten Queenslands niemals Schnee fällt. Was wiederum für die Kreativität der Einwohner spricht ist allerdings, dass viele hier trotzdem regelmäßig Schnee zu Gesicht bekommen. Oder ins Gesicht. Besonders gerne tunken die Menschen ihre Nasen in den Schnee am Ufer des Brisbane Rivers, in ihren Autos sitzend und in die Abendsonne starrend.
Aber darum geht es gar nicht. Es geht um Gerechtigkeit. Also, wie bereits gesagt, schneit es Brisbane nicht. Niemals. Auch sinken an diesem Ort die Temperaturen höchstens alle 347 Jahre in einen einstelligen Bereich, sodass so gut wie nie die Gefahr von Frost besteht. Klar, Subtropen, Meereshöhe und Klimaerwärmung.
Als die Stadt sich anschickte die drittgrößte des Landes zu werden, hatten der Bürgermeister und der Gemeindesekretär demnach eines nicht zu beachten. Nämlich die Straßen Brisbanes auch für winterliche Verhältnisse zu rüsten. Selbst die aus Deutschland eingewanderten Gemeinderäte gaben nach drei Wintern auf und legten ihre Forderung nach einem Salzdepot für den Winterdienst ad acta. Nachdem diese politischen Hindernisse aus der Welt geschafft worden waren, begann man also die Vorstädte Brisbanes mit Straßen zu schmücken. Und es wurden viele Straßen angelegt. Um es für die Mitarbeiter der Asphaltierunternehmen einfacher zu machen, wurde erst gar nicht versucht irgendwelche komplizierten Verkehrsführungen oder gar Kurven einzubauen. Derart entstand ein weit gespanntes Netz an Straßen und Wegen, die im rechten Winkel zu einander lagen beziehungsweise noch immer liegen.
Zusammengefasst, die meisten Verkehrsstränge sind kerzengerade. Was an und für sich kein Problem wäre, würde Brisbane in einem ebenen Becken liegen. Das tut es nicht. Völlig überflüssiger Weise erstreckt sich die ganze Stadt über eine Unzahl von Hügeln und Kuppen. Keiner dieser Hügeln ist für sich genommen erwähnenswert hoch. Selten dass einer die halbe Länge des Schmollner Berges erreicht.
Allerdings nehmen die Straßen auch keine Rücksicht auf diese topographischen Anomalien. Hauptsache die Straße läuft gerade dahin. Mit dem Auto kein Problem, denn es besteht niemals Rutschgefahr. Denn in Brisbane schneit es nicht. Oder es gefriert der Regen auf der Straßenoberfläche.
Wenn man aber mit dem Rad unterwegs ist, dann kann das manchmal auch ziemlich nerven. Angenommen man begibt sich auf eine Radtour und erklimmt den höchsten Berg ( wirklich gröbere Erhebung), den Mount Kootha, in der schwülen Vormittagshitze eines Wochentages. An der Spitze angelangt biegt man danach von der Straße ab und absolviert einige interessante Mountainbike Trails. Kurz gesagt, man strampelt sich neunzig Minuten die Seele aus dem Leib. Noch dazu, wenn dein Tourgenosse Paul Melloy heißt und der Rad fährt als haute er sich täglich 22 EPO-Spritzen in die Bauchfalte. Anscheinend geht das ja relativ einfach.
Erreicht man nun völlig erschöpft wieder den Waldesrand des Mount-Kootha-Ressorts und will einfach nur mehr kurz von Chapel Hill heim ins West End gemütlich ausradeln, hat man die Rechnung ohne die Hügeln gemacht, auf denen keine Kapelle steht. Aber über die muss man genauso drüber, ob man nun will, kann oder nicht.
Der Paul hat auch schon ganz geschnauft, was bedeutete, dass ich mich nahe der Bewusstlosigkeit befunden habe. Diese kleinen, lästigen und teilweise extrem giftigen Anstiege raubten mir die letzten Kräfte und ich war mehr als erleichtert als ich in die flache, jawohl da liegt kein Berg dazwischen, Montague Road einbog und den letzten Kilometer vor mir hatte.
Da schlug die Gerechtigkeit zu, wie ein Vorschlaghammer des Glücks. In Brisbane schneit es nicht. Dafür ist es oft sehr heiß. Besonders um die Mittagszeit, wenn die Sonne am höchsten steht. Da flüchten sich die meisten in den Schatten und trinken kalte Getränke. Am besten schmecken dann die Getränke für die man nichts bezahlen muss. Nichts bezahlen muss man in Brisbane für Eiskaffee. Vorausgesetzt man trifft auf die Ice-Breaker-Girls die guten Eiskaffe von Paul's Milk an die hart arbeitenden Menschen der Stadt verteilen und diesen so eine Freude bereiten. Manchmal bekommt aber auch ein verschwitzter, dreckiger und außer Atem geratener Österreicher auf einem Mountainbike eine Flasche Eiskaffee in die Hand gedrückt.
Der trinkt die dann Ratz Fatz aus und glaubt dann weiter an so etwas wie Gerechtigkeit. Gerechtigkeit dafür, dass es Brisbane niemals schneit.

Hut ab.

Montag, 20. Oktober 2008

Ants

Nur kurz. Maximal zwei Stunden war ich weg. Nicht einmal richtig weg, im Sinne von den Ort verlassen zu haben, war ich. Einzig in der Küche habe ich mich nicht aufgehalten und schon war es passiert. Keinesfalls wollte ich mich vor der mir aufgetragenen Arbeit drücken. Ich sah nur nicht ein, warum ich es gleich erledigen sollte.
Ein paar Teller abzuwaschen ist ja auch nicht wirklich schwer. Das dauert maximal, bei geringer Lust oder genauerer Ausführung, fünf Minuten. Vielleicht auch zehn, aber da muss die Lust es zu tun schon sehr gering oder die Ausführung irrational genau sein. Wie gesagt, bei mir lag weder das eine noch das andere vor. Es fehlte mir einfach der Grund es sofort zu tun. Diese Teller abzuwaschen. Fünf Teller um genau zu sein. Ein typisches australisches Lunch hatte sich kurze Zeit davor darauf befunden.
Tomaten-Käse-Sandwiches sind an den heißen, sommerlichen (für mich jedenfalls, die Australier nennen es noch Frühling) Tagen ein willkommener Snack zur Mittagszeit. Leicht getoastet schmecken sie besonders gut, sind schnell gemacht und besitzen einen angenehmen Fülleeffekt.
Verzerrt waren sie auch innerhalb kurzer Zeit. Um Platz vor der Spüle zu sparen wurden die benutzten Teller aufeinander gestellt und zur weiteren Bearbeitung dort belassen. Neben der Spüle, so wie immer.
Ich warf einen kurzen Blick auf die Teller und sah ein paar Stückchen Tomate darauf kleben. Dachte nichts dabei und beließ es bei einer zweistündigen Denkpause in der Weiten des Internets.
Im selben Moment warf auch jemand anders einen Blick in Richtung der Teller. Ihm gefiel, was er sah und rief seine Freunde. Sie sollten gefunden haben, was sie bereits den ganzen Tag gesucht hatten. Nahrung. Ausgerechnet Tomate. Ihre Lieblingsspeise. Was für ein Glück. Wie aus dem Nichts tauchten all seine Freunde auf und sie begannen ihre Arbeit. Stück für Stück der Tomatenreste wurde den einzelnen Arbeitern auf den Rücken geladen und von diesen in Richtung Heimat transportiert.
Die Nachricht von dem Sensationsfund hatte sich schnell unter den anderen herumgesprochen. Ohne Verzögerung begannen die erfahrenen Vorarbeiter die Kolonnen, die einerseits zu den Tellern strömten und andererseits bereits bepackt auf dem Heimweg waren, zu ordnen. Jeweils 2 Spuren wurden für den Hin- und Rückweg gebildet. Artig und ohne zu drängeln ging das vor sich. Im Grunde war es ein Einsatz wie jeder andere. Alles lief wie am Schnürchen und alle freuten sich auf ein köstliches Samstagabendmahl.
Doch plötzlich tauchte der Schatten auf und legte sich über die vormals freudige Transportpartie.
Mit Befremden hatte ich beim Verlassen meines Zimmers die schwarze Spur wahrgenommen, die von den Tellern in Richtung Küchenfenster verlief. Ameisen, überall Ameisen. Sie hatten die Teller erobert. Es schien als würden zigtausende der fleißigen Insekten sich daran zu schaffen machen, nicht nur die Sandwichreste sondern auch gleich noch die Teller wegzutragen. Hatte ich eine Ahnung, wie stark australische Ameisen sein können? Hatte ich nicht.
Mein Ziel war es die Teller zu retten. Deshalb ließ ich Wasser in Spüle ein, gab Spülmittel hinzu und tauchte das oberste Teller ein. War es Augenblicke zuvor noch schwarz gewesen, so hatte im nächsten Moment der Schaum Oberhand gewonnen. Keine Ameisen mehr. Je mehr Teller ich hastig abspülte desto mehr verfärbte sich die Spüle schwarz. All jene Ameisen, denen die Flucht nicht gelungen war, hatte ich auf dem Gewissen.
Seitdem sind kaum noch Ameisen in der Küche zu finden. Ich frage mich, ob sie wieder kommen werden. In der Hoffnung beim nächsten Mal mehr Glück zu haben und ihren Job vollenden zu können. In Zukunft werde ich wohl lieber gleich abwaschen. Das bin den Opfern meines Abwaschmassakers schuldig. Darunter haben sich auch diverse Lebensmenschen (pardon, Lebensinsekten) befunden.


Hut ab.

Sonntag, 19. Oktober 2008

Perfect

Was gibt es schöneres als von Sonnenstrahlen, die zaghaft durch das Fenster eines Zimmers lugen, geweckt zu werden? Im Grunde nichts. Sie kitzeln im Gesicht und machen den Augen deutlich, dass ein neuer Tag angebrochen ist. Aber sie fordern nicht, sie bieten nur an aufzustehen um zu sehen, was sich die Natur für einen Tag wieder einfallen hat lassen.
Manchmal sind dann auch Tage dabei, da sollte man die Augen erst gar nicht aufmachen. Wenn das Munterwerden genau die falsche Option darstellt. Meistens hat man dann aber den Schlaf vergrault und aufgestanden wird nur um sich ihn wieder zu verdienen.
Dennoch kann ich behaupten, dass solche Tage, die vor Mieselsucht zu stinken scheinen wie verrottende Äpfel, uns immer wieder aufs Neue abgegolten werden.
Mit Tagen wie diesem hier. Einem Tag, an dem es nichts ausmacht, dass man sich erst vor drei Stunden niedergelegt hat. Nur um von Babygeschrei geweckt zu werden. Und den Sonnenstrahlen dazu. Die sollte man nicht unerwähnt lassen. An so einem Tag ist es kein Problem, wenn es unerklärlich scheint, warum man sich senkrecht auf den Beinen halten kann, weil der Vodka im Blut nach Vertikalität ruft. Man funktioniert. Da setzt man sich zum Frühstück und hat Probleme mit der Muttersprache. Und dies ist kein Problem, denn man unterhält sich sowieso auf englisch. Außerdem muss man ja nicht jedes Gespräch aktiv mitgestalten, zuhören kann manchmal auch sehr viel bringen. Essen an solchen Tagen, bereitet dem Körper keine Schwierigkeiten, hat man erst den Punkt überwunden, an dem die Nahrungsaufnahme keine Herausforderung mehr darstellt. Danach kaut man an gebratenem Speck herum und mischt beinahe gierig Spiegeleier mit Bohnen auf seinem Teller und stopft schlussendlich noch Toastbrot in den Mund hinzu.
Weil es besondere Tage sind, von denen gesprochen wird. Sie enden nicht einfach nach dem Frühstuck. Sie gehen weiter. An einem anderen Ort zwar, aber dieser ist es allein schon Wert, dass man dranbleibt. Dieser Ort bietet für zehn junge Menschen Mittagessen. So etwas schätzen junge Menschen zwar immer, aber an Tagen von denen hier die Rede ist, schmeckt es ihnen auch, wenn es streng genommen wohl die erste Mahlzeit des Tages sein sollte. Da kann der junge Mensch bereits um zwölf Uhr ein Bierchen zischen, obwohl er vier Stunden zuvor geschworen hat, das nie wieder tun zu wollen. Erstaunlicher Weise schmeckt es ihm sogar. Und weil die Getränk so gut schmecken, trinken dann alle auch noch ein bisschen Sekt oder Wein, sodass die meisten Essensteilnehmer sich ihren Rausch vom Vorabend gemütlich aufgewärmt haben.
Allerdings ist das an gewissen Tagen irrelevant. Denn kurz nach dem Weltessen, das man serviert bekommen hat, schwitzt man sich den Alkohol bei einer gemütlichen und keinesfalls hochklassigen Tennispartie eh wieder heraus. Die anderen jungen Menschen sitzen derweilen im Schatten und brauchen nicht viele Worte um sich verstehen zu können.
Sie blicken auf den Tag, auf die Natur, die sich vor ihnen in Form eines Golfplatzes erstreckt. Wie der Tag sich dem Ende zu neigt, aber die Sonne sich noch nicht geschlagen gibt und unaufhaltsam vom blauen Himmel strahlt, wird ihnen klar, dass man für solche Tage dankbar sein sollte. Dankbar, dass man das erleben darf. Da kann es schon mal passieren, dass die Zufriedenheit in einem hochsteigt um kurze Zeit später wie ein mit Wasser gefüllter Ballon zu zerplatzen und den ganzen Körper zu bedecken.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt weiß man, dass dieser Tag ein spezieller ist. Kein Tag wie jeder andere. Es scheint als wären all der Frust, die Angst und Ungewissheit, die ansonsten jeden Tag bei manchen vorbeischauen, schön verpackt im "Erledigt"-Ordner gelandet und für lange Zeit dort verschwunden.
An solchen Tagen will man seinem treuen Begleiter, der Sonne, bis zu dessen Abschied nahe sein. Deshalb sucht man das Ufer eines nahegelegenen Flusses und sagt leise "Auf Wiedersehen" ins Abendrot hinein. Wenig später kann man dann auch gleich die Sterne begrüßen, die sich anschicken ebenfalls einen großartigen Job in Sachen Menschenunterhaltung abzuliefern.
Irgendwann gehen dann solche Tage zu Ende. Meistens dort, wo sie begonnen haben. Im Bett. Und manchmal, wenn man ganz genau hinhört, hört man die ganze Welt noch kurz "Danke" sagen.
Ein solcher Tag war gestern. Gestern war Sonntag. Danke.

Hut ab.

Donnerstag, 16. Oktober 2008

Busted

Take my foto off the wall,
as if it just won't spin (im Orginial: sing) for you

Im Juli. Australien war noch weit weg, irgendwo auf einer Landesstraße eines salzburgerischen Gebirgsgaus. Im Radio unseres Busses lief der immer gleiche Kommerzradiostuss. Trotzdem habe ich hingehört. Ich wollte nichts verpassen, wenn wieder einmal das Programm für eine Schaltung in die französischen Berge unterbrochen wurde. Dort nämlich vollbrachtest (?) du jeden Tag aufs Neue Heldentaten, bist Passstrassen hochgeklettert als wären es Uferradwege. Hast Punkte gesammelt, immer mehr Punkte und schließlich haben sie dir einige dieser Punkte sogar auf dein Leiberl gedruckt, damit jeder in den Bergen und vor dem Fernseher sehen konnte, dass du die meisten Punkte hattest. Bis Paris hast du das Leibchen (oder Trikot, spielt alles keine Rolle mehr) nicht mehr ausgezogen, obwohl es den Anschein hatte, als würden sie dir jeden Tag eine neues überreichen, nach dem Rennen. In Paris haben dich dann alle, und ich meine wirklich alle, hochleben lassen, haben dir gratuliert und sich für dich und mit dir gefreut. Und du hast gelächelt. Hände geschüttelt, dich ablichten lassen von denen, die ein Foto wollten. Mit dir drauf. Ein völlig neuartiges Gefühl muss das für dich gewesen sein.
Doch das ist jetzt alles weg. Aus.

Cause all that's left is gone away
and there is nothing left for you to prove
.

Für viele warst du ein Held. Kein attraktiver, aber ein Held. Sogar eine Freundin hast du jetzt. Vorher hattest du keine. Sie ist mitgekommen zu deiner Pressekonferenz. Da hast du geweint. Weil man dir draufgekommen ist, dass das alles nicht ganz so mit rechten Dingen zugegangen ist. Damals in den französischen Bergen. Zuvor hattest du noch gehofft, man möge nicht herausfinden, was du getan hast. Schade, nicht? Den Stefan haben sie schon letzte Woche geholt. Der war auch spitze drauf, oder soll ich es wagen und sagen: spritze drauf.
Deine Unschuld hast du beteuert. Warum eigentlich? Ich meine, bei uns daheim sind die Journalisten zwar meist wirklich etwas naiv, ja manche richtig blöd ( Rainer P.), aber spätestens als die Fakten auf den Tisch lagen. Das nervt mich am meisten an deiner Geschichte. Du hast gelogen, bis es nicht mehr ging und dich die Wahrheit eingeholt hat.

Oh, look what you've done
you made a fool of everyone


Wir alle sind jetzt die Blöden. Deinetwegen. Für dich haben viele ihren Generalverdacht gegen deinen Sport auf die Seite geschoben, haben gehofft, dass du eine Ausnahme warst. Und jetzt? Haben die tatsächlich ein Verfahren entwickelt um dein Mittelchen nachzuweisen. Du sagst, dich hätte das schlechte Gewissen gequält. Ab wann eigentlich? Der Stefan und du habt euren Spass gehabt, in den Hotelzimmern Frankreichs. Habt euch schief und buckelig gelacht, weil ihr so genial wart und sie alle verarscht habt. Auf einmal heißt es, da schau her, das kann man doch nachweisen. Die 3. Generation ist schon wieder zu alt. Ab dann bist du nur mit schlechtem Gewissen auf die ganzen Empfänge, Ehrungen und Feste gegangen. Wahrscheinlich sollte ich nicht so hart mit dir ins Gericht gehen. Immerhin hat sich nur einen Meter vor dir der Landeshauptmann von Niederraiffeisen entblößt und auch hat auch so ein Leiberl mit Punkten angezogen. Es geschah zu recht.

Oh, well it seems like such fun
until you lose what you've won.

Ich wünsche es grundsätzlich keinem in meinem Heimatland berühmt zu werden. Du hast gesagt: " Ich möchte wieder ein normales Verhältnis zu meinen Freunden und Fans haben..." Oder so. Fans, welche Fans? Dich hat doch keiner gekannt bis zu deinen Triumphen bei der Herumradlerei. Außerdem glaube ich kaum, dass man jetzt zwei Jahre auf dich warten wird.
Irgendwie wäre es schön zu sehen, dass du was aus der Geschichte lernen kannst. Deine Situation verwendest zu zeigen, dass du nicht Einzeltäter bist, sondern dass da ein System besteht, das dich zu diesem Punkt hingeführt hat. Aber was man so hört, buckelst du und hoffst auf einen Job beim ORF. Die mögen Leute wie dich. Um dich mache ich mir keine Sorgen.

Schau dass du weiter kommst! Wohin? Egal. Der Sommer war nicht wegen dir allein schön. Also, abputzen, durchschütteln und weiter machen. Das gilt wohl für uns alle.
Dopen wir unser Leben mit Genuß, oder so. Gewinnen ist nicht alles.
Lieber keine Anerkennung erhalten, die verdient wäre, als Anerkennung gezollt bekommen, die man nicht verdient hat.
Wir können das. Wir sind Heldinnen und Helden.

Hut ab.

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Neighbours

Es war beziehungsweise ist noch immer (eigentlich schwer zu sagen, mit der ganzen Zeitumstellung und so) "Ride-your-bike-to-work-Day" in Australien. Oder nur in Queensland? Gar nur in Brisbane? Im Grunde ist dieser Umstand relativ egal, weil ich mich nicht darum gekümmert habe nachzuforschen und den Tag einfach geschehen habe lassen.
Melloy fährt sein Rad jeden Tag zur Uni. Gestern (Belassen wir es bei gestern. Stimmt ja auch.) hat er dafür ein Gratisfrühstück erhalten anlässlich des "Ride-your-bike-to-work-Days".
Da wollte ich um nichts nachstehen. Allerdings spießte sich die Sache auf mich bezogen ein wenig. Erstens habe ich keine wirkliche Arbeit. Nicht einmal eine Arbeitserlaubnis besitze ich. Natürlich könnte der geneigte Beobachter meinen, dass ich gelegentlich Geschirr spüle, Wäsche aufhänge und die Hunde der Beattie Street umsorge. Stimmt ja auch. Aber richtige Arbeit ist das nicht.
Richtige Arbeit, was muss ich mir darunter vorstellen? Wie oft habe ich schon gehört, dass diese oder jene Tätigkeit keine richtige Arbeit darstelle? Zu oft. Arbeit bestimmt unser Leben, zumindest das eines Erwachsenen. Dann wiederum auch das der Kinder, weil ihre Erziehung nicht nur aber auch von der Beschäftigung der Eltern abhängig ist.
Gut, lassen wir das. Ich habe keine Arbeit, eine Tätigkeit die mit Geld als Gegenleistung abgegolten wird. Beschäftigung, das schon. Irgendwie. Selbstverständlich zahlt mich keiner für das hier geschriebene. Trotzdem mache ich es gerne.
Darum geht es doch. Etwas zu machen, sich mit etwas beschäftigen, das einem taugt. Deshalb muss ich nicht ständig durch die Gegend reisen und mir jedes verzweifelte Stückchen australischen Kontinent anschauen, nur um bei meiner Rückkehr mit einer Liste besuchter Orte zu prahlen. Das ist nicht Australien! Nicht für mich. Ich bin wahrscheinlich zu faul und zu bequem mir lange Reiserouten auszudenken. Außerdem will ich nicht ständig das Gefühl haben von einem Ort zum nächsten hasten zu müssen, nur weil mir der Lonley Planet dazu rät.
Nein, ich will die Zeit, diese Aus-Zeit, anders nützen. Leben! Nachdenken! Finden!
Was am Ende dabei heraus kommt, muss ich wahrscheinlich nur mir selbst gegenüber verantworten. Ich fürchte mich nicht davor, auch wenn das in den Augen vieler eher ungenügend gewesen sein sollte.
Zweitens, kann ich mein Fahrrad gar nicht in mein Zimmer stellen. Zum einem ist es viel zu dreckig und außerdem wer stellt sich ein Fahrrad in sein Zimmer? Gefrühstückt habe ich so und so in der Küche.
Wahrscheinlich war ich ein wenig zu überrascht, als meine deutsche Nachbarin mir unterstellte, meine Zeit hier in Australien nicht ausreichend zu nützen. Ansonsten hätte ich ihr wohl das hier gesagt. Sie ist ein Kopfmensch, so wie es die meisten Deutschen sind (außer den Heldinnen, eh klar), und versteht es nicht wie ein Herz für sich die Wahrheit erfühlt.
Zum Glück zeigte Toby, unser Hund, eine angemessene Reaktion auf den teutonischen Kopfmenschen-Angriff und pinkelte gegen ihre Mülltonne. Was sie ziemlich aufregte. Ich denke, noch mehr aufgeregt hätte sie sich, wenn sie wüsste, dass einige Stunden später auch noch menschlicher Urin auf ihrer Haustür gelandet ist.
Leben!Nachdenken!Finden! Sauschädel! Nein, so war das nicht gemeint. Kopfmensch! Schlimm genug.


Hut ab.

Dienstag, 14. Oktober 2008

Foul

Schwere Krise bei den Butterfingers. Trotz zahlreicher personeller Umstellungen nach der verheerenden Niederlage am Montag Abend, setzte es in der gestrigen Nightsession ein erneutes Debakel. Eine stark ersatzgeschwächte Mannschaft verlor gegen die Refsmoothers deutlich mit 36:18.
Die Serie von herben Niederlagen in der Netball-Hobbyliga für das Team Butterfingers geht weiter. Bereits das Spiel am Montag Abend zeigte die momentanen Probleme des jungen Teams aus Brisbane schonungslos auf. Taktisches Fehlverhalten in allen Mannschaftsteilen, insgesamt zu wenig Spieler auf dem Feld und fehlende Regelkunde wurden von der gegnerischen Mannschaft unbarmherzig bestraft. Die Ratlosigkeit innerhalb der Butterfingers war greifbar.
Allerdings blieb keine Zeit für ausführliche Analysen der montäglichen Demontage, stand doch schon am nächsten Abend ein weiteres Match an. Teammanager Rob Melloy entschied sich für eine Radikalmaßnahme. Bis auf ihn und den österreichischen Netball-Neuling Florian Zillner wechselte er die gesamte Mannschaft aus. Hauptsächlich auf Grund der Tatsache, dass keiner der Spieler vom Montag Zeit hatte.
In dem bunt zusammengewürfelten Team standen neben den Newcomern Zillner und Kitty (beiden teilen sich die Erfahrung von einem Netballmatch) der reaktivierte Cameron Murray, der vor zwei Jahren sein letztes Spiel absolviert hatte, auf dem Platz. Als wirkliche Verstärkungen bot Rob Melloy neben der auf der offensiven Winger-Position spielenden Margie, die überragende Werferin Kerstin als Goalattack auf.
Das Spiel begann vielversprechend. Die ersten Minuten verliefen ausgeglichen und nach acht Minuten versenkte Kerstin ihren fünften Wurf zum zwischenzeitlichen 7:8 aus Sicht der Butterfingers. Danach kam es zum erwarteten Einbruch. Einige Fehlwürfe des teilweise verunsichert wirkenden Zillner ( 2 Goals in den Anfangsminuten) und eine steigende Anzahl von Fouls ließen den Rückstand innerhalb weniger Minuten auf fünf Goals ansteigen.
Darüber hinaus nahm die Schiedsrichterin im mehr Einfluß auf den Spielverlauf. Zu Ungunsten der Butterfingers. Übermotiviert wurde beinahe jede Aktion der in Rückstand befindlichen Mannschaft als Regelverstoß ausgelegt und mit Freiwürfen für die Refsmoothers bestraft, die diese Geschenke des Referrees dankend annahmen und in Punkte umwandelten. Nicht unerwähnt sollte dabei bleiben, dass die Unparteiische die Regeln des an sich körperlosen Spiels im Gegensatz zu den meisten Spieler der Butterfingers kannte und somit auch oftmals mit ihren Entscheidungen richtig lag.
Am Ende der ersten Halbzeit lagen die Butterfingers mit 11:17 in Rückstand.
Als Reaktion auf ihre Schwächephase in den letzten zehn Minuten wurde die Mannschaft umgestellt. Cameron, der einen passablen Center abgegeben hatte, wurde in die Defensive beordert und tauschte seine Position mit Rob. Der erhoffte Effekt verpuffte völlig. Anstatt eine Aufholjagd zu starten gelang dem Team gar nichts mehr. So blieben sie in den ersten zehn Minuten der zweiten Halbzeit ohne Punkte. Auf der Gegenseite hielten die Stürmer der Refsmoothers ihren Trefferrhythmus der ersten Hälfte bei und ließen keinerlei Zweifel am Ausgang des Matches offen. Zu allem Überfluss handelte sich Cameron auf Grund wiederholten und dauerhaften Foulspiels eine Verwarnung der Schiedsrichterin ein und wandelte ab diesen Zeitpunkt am Rande sowohl eines Ausschlusses als auch eines Nervenzusammenbruchs.
Vorne ging gar nichts mehr. Mit betretener Mine verfolgte Zillner das Spiel vom Angriffsdrittel aus, das er nicht verlassen durfte. Brauchbare oder überhaupt Bälle bekam er so gut wie gar nicht serviert und so konnte er sein überragendes Talent, Bälle aus kürzester Distanz nicht zu verwerten, nicht präsentieren.
Erst gegen Ende des Spiels ließen die Refsmoothers und die Pfiffe gegen die Butterfingers nach und es gelang ihnen noch einige Punkte ihrem Konto hinzuzufügen. Was am deutlichen Endergebnis von 36:18 nichts mehr entscheidend ändern konnte.
Nach dem Spiel herrschte zunächst Ratlosigkeit, ob der vielen Fouls die der Mannschaft abgepfiffen wurden. Dankenswerterweise konnten die regelkundigen Mitspieler ihren Kollegen versichern, dass nicht die Schiedsrichterinnenleistung schuld an der herben Niederlage war. Es lag wohl mehr an dem Spiel Netball selber, das keinerlei körperlichen Kontakt zwischen Gegenspielern erlaubt. Für diejenigen, die von einer anderen Sportart zum Netball wechseln, bedeutet dies meist die größte Umstellung. Da man niemals die Möglichkeit erhält aufgestaute Aggressionen in einem fairen Zweikampf abzubauen. Am Ende eines Netballspieles ist man also höchstens noch frustrierter als davor.
Außer man hat gewonnen. Aber das taten die Butterfingers zum wiederholten Male nicht. Und wenn sie so weiter spielen, besonders mit diesen Spielern, dann wird das auch weiterhin so bleiben. Änderungen wären an sich ratsam.

Hut ab.

Sonntag, 12. Oktober 2008

Mud

An einem Punkt beginnt man sich selbst zu hassen. Davor waren noch andere schuld. Man konnte selbst nichts für die Situation, in der man sich befand. "Wer bin ich denn schon, dass mir alles und jeder etwas zu Fleiß will?", fragt man sich dann. Also schiebt man es auf die andern. Selbst, wenn man nicht die geringste Ahnung hat, wer die anderen sind.
Bevor ich gestern nach circa zweieinhalb Stunden begann mich selbst zu hassen, hatte ich bereits eine Menge Schuldiger ausgemacht, die ich für meine trostlose Lage verantwortlich sah.
Dem Wetter war ich böse, hatte es doch geschafft durch drei Tage voll mit Regen den Kurs des Adventure Races in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Schlamm, unumfahrbare Wasserlatschen und noch mehr Schlamm machten ein rasches oder zumindest ein befriedigendes Fortkommen auf dem Mountainbike unmöglich. Ähnliches galt für die Laufstrecken, die im Grunde die selbe Beschaffenheit an den Tag legten.
Mit dem Sadismus, den die Australier offensichtlich so lieben, stand ich am gestrigen Tage ebenfalls auf dem Kriegsfuß. Die Frage, die sich in meinem von Erschöpfung genährten Frust, mir aufwarf war, wie so etwas Spaß machen kann. Stundenlanges Radeln durch den Busch, Dreck überall Dreck, von der Rennleitung in hüfthohes Wasser geschickt zu werden, durch dieses durchwaten und das alles freiwillig. Nein, ist fiel mir kein vernünftiger Grund in diesem Volk irgendeine Form von Intelligenz zu vermuten.
Und mein verdammter Radsattel hatte sich auf einer Walddurchfahrt verschoben und quergestellt und ließ mich stehend über das feuchte Wurzelwerk treten.
Die anderen waren schuld. Im nächsten Augenblick, gerade als ich zu einem erneuten deutsch-englischen Fluch auf mein Rad ansetzen wollte, überkam mich der oben angesprochene Hass auf mich selbst.
Irgendwie beschloss mein Vorderrad mit einer Baumwurzel in Kontakt zu treten und die Weiterfahrt abzubrechen. Allerdings fehlte über diesen Vorgang die Kommunikation sowohl an meinen Köper als auch an den Rest des Mountainbikes. So kam es, dass wir beide unseren Bewegungsdrang fortsetzten. Diesen jedoch nur in einer halbkreisförmig über dem Vorderrad, das sich den Plänen widersetzte.
Während ich mich in aller Ruhe überschlug, sah ich eines ein. Schuld an dem ganzen war ganz allein nur ich. Das Rad über mir konnte nichts dafür, dass ich mir diesen Wahnsinn eingebildet hatte, an dem Rennen teilnehmen zu müssen. Das Wetter ist das Wetter, wer mag das schon beeinflussen können. Und ich hasste mich dafür zu glauben ein Australier zu sein. Schließlich dachte ich kurz an eine Leberkässemmel.
Danach krachte es und ich lag auf dem Rücken. Gott sei Dank befand sich zwischen Boden und Rücken noch mein Rucksack und der hatte den ganzen Halbsalto empfindlich abgefedert. Ich lag da, einfach nur da und blickte in den Himmel. Regentropfen fielen auf mein Gesicht, Schweißperlen traten in meine Augen und Dreck heftete sich an die übrigen Körperteile. Es kann nicht sehr lange gewesen sein, aber im Nachhinein kommt es mir wie eine Ewigkeit vor, dieser Moment auf den naßen Waldboden. Der kurze Blick in die Wolken öffnete mir eine andere Welt. All der Ärger war verflogen. Keine Spur mehr davon. Es wurde mir bewusst, dass dieser Tag einer der Tage war, an die man immer wieder gerne zurück denken wird um lächelnd festzustellen wie großartig das alles war. Der Schlamm, die Strapazen, das Abenteuer. Zusammen mit der Erfahrung das mit seinen Teamkollegen erleben zu dürfen, war es Wert bis auf die Knochen durchnässt zu sein, zu frieren und gleichzeitig zu schwitzen wie nie. Weiter zu laufen, auch wenn man einfach nicht mehr kann.
Ich musste lächeln, zumindest innerlich. Stand auf, versicherte meine Teamkollegen in Ordnung zu sein und richtete meinen Sattel. Schwang mich auf mein Rad und schaltete mein Gehirn auf Genießen.
Die nächsten vier Stunden waren frei von Verzweiflung oder Erschöpfung. In manchen Momenten blieb trotz des körperlichen Niedergangs Zeit um sich selbst oder der gleichfalls fertigen Mannschaft ein ungläubiges Lächeln zu schenken. Angesichts der Verrücktheit und gleichzeitigen Genialität des Unternehmens.
Als wir nach sechseinhalb Stunden rennen und radeln durch den unbekannten und dichten australischen Busch auf die Zielgerade einbogen, kam die Sonne hinter den Wolken hervor. Es war gut so. Der letzte Schritt war eine Befreiung.


Hut ab.


Freitag, 10. Oktober 2008

Gates

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Sage ich immer. Trifft diese Aussage auch auf diejenigen zu, die zu spät zu einem Blutspendetermin kommen? Frage ich mit heute. Oder werden in diesem Fall nicht andere für die eigene Unfähigkeit Termine einzuhalten zur Rechenschaft gezogen?
Ja, ich weiß, es hätte heute im West End die Möglichkeit gegeben für das australische Rote Kreuz ein wenig seines eigenen Lebenssaftes zu spenden. Ich wollte diese Gelegenheit nützen und diesem Land, welches mir so viel geschenkt hat, etwas von meiner Dankbarkeit überlassen. Leider ist es dazu nicht gekommen. Warum? Nun, es hat geregnet. Und wie! Manchmal richtig arg stark, dann auch wieder nicht. Langer Rede extrem kurzer Sinn, ich habe die Blutabgabe um eine Viertelstunde verpasst. Selbstverständlich war ich verärgert, richtig sauer bin ich geworden. Dieses vermaledeite Rote Kreuz! So viel Scheinheiligkeit auf einem Haufen, das ist ja unerträglich. Wenn die unbedingt unser Blut haben wollen, dann sollten sie auch auf die warten, die aus Prinzip eine Uhr nicht lesen können, eitel, planlos und sozial minder intelligent sind. Aber dafür sind sich die feinen Herren offensichtlich zu schade.
Beruhigt meinen Ärger richtig abgelenkt zu haben, wechselte ich wieder die Straßenseite ins Three Monkeys, wo ich seit eineinhalb Stunden versucht hatte ein Kindersudoku zu lösen. Erfolglos. Irgendwie gelang es mir nicht mich ordentlich zu konzentrieren, etwas schien mich geistig zu blockieren. Vielleicht der Regen, dachte ich zu Beginn. Dieser Erklärungsversuch wurde gleich wieder verworfen.
Das Problem liegt ganz wo anders. Ich will es an dieser Stelle besprechen. In der Beattie Street herrscht seit Tagen Krieg. Ein kalter Krieg. Deshalb auch das oben verwendete Zitat. Die Akteure dabei sind Melloy und ich. Der Fairness halber möchte ich festhalten, dass einzig der fiese und hinterhältige Australier für die Aggressionen verantwortlich ist. Ich hingegen berufe mich auf meine absolute Souveränität und das daraus abgeleitete Selbstverteidigungsrecht.
Seit Tagen gehen wir uns konsequent aus dem Weg. Er geht auf die Uni, ich in mein Zimmer. Er geht ins Bett, ich in mein Zimmer. Er schaut fern, ich auch. Aber unter Protest. Selbst räumlich liegen inzwischen Welten zwischen uns. Wir beide leben in von einander abgetrennten Bereichen. Seitdem für den krabbelnden Nachwuchs des Hauses zwei Türblockaden errichtet wurden, die das Wohnzimmer von den anderen Hausteilen abgrenzen sollen, dienen diese zwei Gitter als weithin sichtbare Zeichen unserer Differenzen.
Wieder einmal entzweit der Sport. Am Sonntag nehmen nämlich die Herren des Hauses an einem Adventure Race nahe der Sunshine Coast teil. Das Adventure dabei besteht aus einer Mischung aus einem Mountainbikerennen, einem Geländelauf und einer Kajakfahrt, welche durch das Lösen von Rätseln und Orientierungsaufgaben im Gelände mit einander verbunden werden. Das alles in mindestens 5 Stunden. Man bestreitet dieses Quälerei nicht allein für sich selbst, sondern in Dreierteams. Da Melloy bei der Anmeldung zu diesem Wahnsinn der Meinung war, dass ich die Siegchancen von ihm und Cameron schmälern würde, wurde ich kurzerhand in ein anderes Team mit Freunden von ihnen gesteckt. Doch auf Grund meiner überragenden körperlichen Verfassung, die ich momentan an den Tag legen darf, sieht dieser Ehrgeizler seine Felle davon schwimmen oder besser gesagt mich beziehungsweise mein Team davon laufen.
Deshalb schneidet er mich bei jeder Gelegenheit. Zu Taktikbesprechungen werde ich hinzugezogen, Abfahrtszeiten werden mir nicht in meiner Muttersprache mitgeteilt und es wird sogar überlegt mich morgen nicht kicken zu lassen.
Aber da mache ich nicht mit. Wenn er sagt, er trinkt keinen Alkohol bis zum Rennen, dann ich auch nicht. Keine sportliche Betätigung bis zum Rennen, kein Problem, ich bewege mich einfach gar nicht mehr. Spricht er nicht in meiner Muttersprache mit mir, werde ich das auch nicht machen und kein Wort deutsch mehr sprechen.
So ist das im Krieg. Ob kalt oder warm. Am Sonntag steigt die entscheidende Schlacht. Ich hoffe, ich kann auf euch zählen, Heldinnen und Helden. Um Mitternacht eurer Zeit gehts los. Wer Zeit hat soll meinem Team die Daumen drücken.
Warum? Um in der Sprache des Verliererlandes zu bleiben: It's time to kick some serious Aussie asses.


Hut ab.

Donnerstag, 9. Oktober 2008

Rejected

Jetzt stehe ich da. Allein. An einer Ecke im Nirgendwo. Dieses Nirgendwo ist zwar noch immer ein Teil von West End, aber mir ist dieser nicht bekannt. Regentropfen laufen mir ins Genick. Es regnet tatsächlich wieder einmal. Aber gleich so heftig, das muss wirklich nicht sein. Nun, der Regen könnte einwenden, dass er bis nach Mitternacht gewartet hat mit dem Anfangen und es womöglich mein Fehler sei, wenn ich mich um diese Zeit im Freien herumtreibe.
Ich könnte mit dem Regen eine Diskussion beginnen. Mein Argument würde lauten, dass ich nicht freiwillig hier stehe, sondern dies mein Auftrag für das kolumbianische Familienunternehmen von Mauricio und Miralda ist.
Eigentlich hatte ich nicht mehr damit gerechnet, dass es was wird mit dem Arbeiten fürs Pabloz. Als ich am Nachmittag wie ausgemacht im Lokal auftauchte, saß Mauricio geknickt an einem Tisch und nippte trauig dreinblickend an einem von ihm zubereiteten Kaffee der edelsten Sorte. Aus seiner Heimat. Genau von dort stammte auch seine Ehegattin Miralda. Die hatte neben ihren ins Leere starrenden Gatten Platz genommen, blickte streng um sich und versprühte eine Wärme, die von Klimaerwärmung bislang nicht viel mitbekommen haben konnte. Nämlich gar keine.
Sie übernahm sofort das Kommando im Gespräch. Mauricio nippte resignativ an seinem Bohnengetränk, welches ihm wieder einmal vorzüglich gelungen war, und ließ so wie ich den Schwall an englisch-spanischen Sprachmischmasch über sich ergehen. Nein, das mit schwarz arbeiten sei zu gefährlich, meinte sie, ohne Arbeitserlaubnis kann und will sie mich nicht im Restaurant arbeiten lassen. Es tue ihr zwar leid, aber was soll sie machen, sagte sie und die Sache war vom Tisch.
Ich stand wie angewurzelt vor jenem und suchte nach Worten, die geeignet waren meinen Unmut nicht direkt Ausdruck zu verleihen. Schließlich bedankte ich mich bei den beiden für ihr Angebot und schlich davon. Mauricio versuchte mir noch in die Augen zu blicken, als wollte er sich entschuldigen. Aber für was?
Ein altes kolumbianisches Sprichwort besagt:" Einen Mann kann man erst vertrauen, wenn seine Frau gesprochen hat." Das entsprach der Wahrheit.
Allerdings ist Kolumbien ein nicht an Sinnsprüchen armes Land. In meinem Fall trifft jenes zu, welches da lautet:" Nütze die Unnützen auf dass sie Koks verkaufen!"
Gegen sechs läutete das Telefon in der Beattie Street. Zufälllig ging ich ran und hatte Mauricio am Apparat. Die Nummer kannte er aus einer Email, die ich ihm in der Hoffnung auf Beschäftigung, am gestrigen Tage geschickt hatte. Er fragte, ob ich nicht doch Lust hätte ein wenig Geld zu verdienen. Er hätte da so einen Auftrag am heutigen Abend. Ein dringender Termin, den er leider nicht wahrnehmen könne. Der aber unbedingt eingehalten werden musste, ansonsten wäre das Pabloz in Gefahr. Mauricio erhielt eine positive Antwort. Im Pabloz traf ich so um halb neun ein. Wieder waren keine Gäste anwesend, so wie eigentlich immer. In mir stieg die Frage auf, wie sich dieses Geschäft rechnen konnte.
Die Antwort erhielt zwei Minuten später. Besser gesagt, ich hielt sie in meinen Händen. In mit weißen Pulver (Staubzucker oder Mehl dachte ich bei mir) gefüllten Säckchen bestand meine Aufgabe. Ich sollte sie zu einem Ort bringen und dann an einen anderen Südamerikaner übergeben. Wenn niemand davon erfahren würde, wäre Miralda auch nicht böse. Ein Schauer überkam mich, wollte ich mir sie auf keinen Fall in diesem Zustand vorstellen. Es war so schon schlimm genug.
Meine Päckchen lagerten in meiner Jackentasche. Bislang war keiner aufgetaucht. Bis auf den Regen. Dem hatte ich meine Geschichte erzählt. Er hatte aufmerksam zugehört und mich im Gegenzug naß gemacht. Was nicht störte, meine Sorge galt mehr dem Ort an dem ich mich befand.
Bald muss der Typ auftauchen, von dem Mauricio gesprochen hat. Mir bleibt genügend Zeit. Der Regen hat sich verabschiedet und ist weitergezogen. Noch immer ist es dunkel. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin.

Hut ab.

Dienstag, 7. Oktober 2008

Persuasion

Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Zufällen. Unsere Aufgabe besteht darin, diese Zufälle sinnvoll mit einander zu verbinden. Einen Grund dafür zu finden oder in Gleichgültigkeit verharrend einen Zufall nach dem anderen über sich ergehen zu lassen.
Mein Zufall ist Kolumbianer. Maurice heißt er. Seine Aufgabe besteht darin, die Menschen von West End -natürlich jeden anderen auch- mit mexikanischem Essen zu versorgen. Vorausgesetzt, die wünschen das von ihm. Des weiteren ist er ein Barrista, er kann also hervorragend gut Kaffe kochen. Na no na, wenn schon Kolumbianer. Ob er sich auch mit dem Vertrieb des zweiten wichtigen kolumbiansichen Exportprodukts auskennt, habe ich noch nicht erorieren können. Zumindest nach außen hin wirkt Maurice einiger maßen stabil und seriös. Dieser Mann ist ein Multitalent. Die gesamte Einrichtung im Pabloz, jenem besagten mexikanischen Restaurant, hat er selbst entworfen und zusammengebaut. Bis auf die Tischkerzen, die sind von Ikea. Vielleicht hätte er auch für die Elektroinstallation einen Fachmann hinzu ziehen sollen, denn die Leitungen auf der Barseite des Lokals sind teilweise nicht in der Lage den hohen Verbrauch zu bewältigen und veranlassen gelegentlich die Sicherung den Strom abzuschalten. Das Gute dabei ist allerdings, dass Maurice das weiß, und er deswegen nicht unbedingt in Panik gerät, sondern einfach ein Gerät aussteckt und hofft.
Wahrscheinlich auf den Zufall, dass er dieses Gerät an dem Abend ausgerechnet nicht herzunehmen braucht.
Wie überzeugt man einen Kolumbianer in 60 Minuten?
Genau so könnte der Titel einer romantischen Hollywood-Romantikkomödie lauten. Mit Kate Hudson und -sagen wir- Mc Greedy. Auf jeden Fall mit Kate Hudson. Hier gibt es Auszüge aus dem Drehbuch:
Der notorisch erfolglose Schriftsteller El Floximo (gesprochen: Flochimo- Betonung auf dem letzten O) wandert ziellos durch die Straßen einer verlassenen Stadt, auf der Suche nach einer Geschichte für seinen neuesten Roman. Da tritt die schöne Esmiralda in sein Leben, die er vor einem umstürzenden Küchentisch rettet und somit deren sicheren Tod abwendet. Ihre Dankbarkeit schlägt bald in stürmische Liebe für den schüchternen, aber genauso attraktiven Gelegenheitssurfer um. Dessen Herz ist genauso entflammt und er beginnt für und über sie zu schreiben. Sie werden ein Paar. Doch eines steht ihrem Glück entgegen. Esmiraldas Onkel Mauricio. Nach dem Tod ihrer Eltern hat Mauricio Esmiralda als seine Tochter angenommen und behütet sie wie seinen Augapfel. Was nach außen wie Strenge aussieht, ist in Wirklichkeit die bloße Sorge um das Wohlergehen seiner Adoptivtochter.
Auf Esmiraldas Bitten hin hat sich der Restaurantbesitzer bereit erklärt El Floximo eine Chance zu geben. El Floximo hat eine Stunde Zeit Mauricio zu überzeugen. Und zwar indem er in dessen Restaurant alle Arbeiten zur Zufriedenheit des Besitzers erledigt. So beginnt El Floximo die Tische zu decken, Kerzen anzuzünden, Besteck zu polieren und im Gästebereich Staub zu saugen.
Am Ende steht Mauricios Urteil fest.
Wie dieser Film ausgehen wird, kann man sich denken. Grottig. In jedem Fall bin ich ab Donnerstag der persönliche Assistent (andere würden sagen Sklave) von Mauricio und verdiene bei diversen Arbeitseinsätzen -steuerfreie- 12 Aussiedollars pro Stunde. Vielleicht kaufe ich mir von dem Geld eine Karte fürs Kino. Es soll ein ganz lustiger Kate Hudson Film herausgekommen sein.

Hut ab.

Sonntag, 5. Oktober 2008

Crawling




Gerade machte sich Verzweiflung bei mir breit. An diesem heißen Montag in Brisbane wollte mir partout keine Geschichte einfallen. Noch dazu hatte mein geliebter Laptop in der Bibliothek schlapp gemacht und verhinderte somit technisch gesehen das Erstellen eines neuen Blogeintrags. Doch ich weiß, wie wichtig Kontinuität für die Helden in diesen Oktobertagen ist. Während die Finanzkrise und die Große Koalition weiterbestehen, kann ich nicht einfach einen auf Scheiß-Drauf machen. Wo kämen wir denn da hin? Australien!?
Jedenfalls fehlte mir eine Geschichte, etwas erzählenswertes. Natürlich hätte ich schreiben können, dass Eli es jetzt gepackt hat und sich auf allen Vieren fortbewegt und somit die Welt selbstständig für sich erobert. Aber wen interessiert das schon, wie ein so ein lieber kleiner Fratz von einem Tag auf den anderen so entscheidende Entwicklung in seinem Dasein erlebt? Ruhe, Hans Dichand!
Mir war klar, dass Babys nicht wirklich geeignet sind Emotionen auszulösen, ich meine, die sind doch unausstehlich und laut. Machen immer was sie wollen und stehen dafür noch im Mittelpunkt einer jeden Gesprächsrunde. Schauen einen mit großen Augen an und wenn sie dich anlachen, weißt du nie, was sie von dir wollen. Außer zeigen, dass sie dich gerne haben. Na bravo.
Über das Wetter zu schreiben ist ungefähr so spannend wie eine Verkehrsstromanalyse am Schmollner Kreisverkehr. Oder über die sexuelle Orientierung von orangen Spitzenpolitikern zu spekulieren. Bei 11% Zustimmung kann es mit der Homophobie in unserem Heimatland nicht weit her sein. Außerdem kann ich nicht hergehen und berichten, dass es bei uns einfach sommerlich heiß ist, die Sonne strahlt, der Wind geht und ich dazu schwitze als gäbe es kein Morgen. Das Problem von Schweißflecken in der Öffentlichkeit zu analysieren, dazu fehlt mir der Mut. Und ein trockenes Leibchen.
Da wäre auch der Abschluss meines Surferdaseins in Byron Bay gewesen. Ihr hättet es mir sowieso nicht geglaubt, dass ich es tatsächlich geschafft habe, meine ersten vier bis fünf Wellen selbstständig zu erobern und dafür von meinen Surflehrern Anerkennung gezollt bekommen habe. Wozu dann darüber einen Blog verfassen? Ich weiß, wie es sich anfühlt, es gäbe sicherlich gute Vergleiche dafür, die es wert gewesen wären an dieser Stelle herangezogen zu werden. Trotzdem. Fotos gibt es aber.
Wochenenden in Brisbane sind jetzt nicht unbedingt nur fad. Eigentlich sind sie das genaue Gegenteil von fad. Es gibt immer viel zu tun, West End Markets zum Beispiel. Oder meine Indoor-Soccer-Karriere bei Non Athletic FC, die mit dem dritten Sieg in Folge, den Saisontoren 6 bis 10 und dem Vorstoß auf Platz 2 in der Tabelle so richtig ins rollen kommt. Radeltour mit Cameron auf den Mount Ko-Tha ist auch nicht wirklich spannend, außer man interessiert sich für den höchsten Punkt in Brisbane.
Nein, mir fehlt der Stoff, die Erlebnisse für neue Geschichten. Es läuft bei mir nicht so wie bei Eli, dass sich die Ereignisse überschlagen, die ein Leben einzigartig machen und trotzdem eine Selbstverständlichkeit darstellen. Was am Samstag eine Sensation war, ist am Montag Routine. Veränderung und Entwicklung sind die Charakteristika der Zufriedenheit. Oft wird einem das erst bewusst, wenn man innehält und schaut, was da vor einem an Erreichtem liegt. Stillstand macht es uns leicht. Dann hat man Zeit und ist unzufrieden. Weil man sich nicht verändert und nicht entwickelt. Vielleicht schreibe ich darüber.
Keine Idee im Kopf, keine Lust auf Warten, zusammengefasst gut gelaunt zog ich Richtung Three Monkeys weiter. Da stand er plötzlich, ein grüner Renault Scenic mit einem riesigen Tisch auf dem Dach. Ein Mann mit seinen zwei jugendlichen Töchtern machte sich daran zu schaffen den Tisch, der relativ schwer aussah, vom Dach zu hieven. Ich von Haus aus eine hilfsbereite Person und im Hand umdrehen hatte ich ein Jobangebot. Ich könnte Kellner in einem mexikanischen Restaurant werden. Schon morgen.
Was mir allerdings fehlt ist eine Geschichte, die euch interessieren könnte. Es tut mir leid, was soll ich nur machen?

Hut ab.

Samstag, 4. Oktober 2008

Subcultural

Da sitzen und weg fahren kann jeder. Schwieriger wird es, wenn man sich einen Rucksack umschnallt und für lange Zeit weg fährt. Womöglich noch in ein extrem weit entferntes Land oder man bereist gleich einen ganzen Kontinent. Jedenfalls weit genug um nicht am Wochenende nach hause zurückkehren zu können. Oftmals fährt man nur mit diesem Rucksack in die Ferne. Manchmal bleibt der Rucksack als einziger Freund. Er kann nicht wirklich weg. Ein Rucksack ist ein treuer Begleiter. Obendrein ein teurer.
Backpacker in Byron Bay sitzen auch da und sind schon weg gefahren. Was sie nicht unbedingt zu etwas besonderem macht. Das jemanden zu erklären, der sich einen Rucksack umgeschnallt hat und für lange Zeit weg fährt, kann sich mitunter als schwierig erweisen. Womöglich ist er in ein extrem weit entferntes Land gereist, nennen wir es einfachheitshalber Australien, um sich selbst ein schönes Land zu zeigen. Und da er gelesen hat, dass Byron Bay ein wunderschöner Ort sein soll, mit traumhaften Stränden, netten Menschen und viel Abendunterhaltung, ist er auch hierher gefahren.
Und da sitzt er nun, der Backpacker. Weg fahren mag er nicht. Er könnte auch noch nicht, denn er ist noch ziemlich verkatert. Vom gestrigen Abend, der eigentlich schon um sieben Uhr begonnen hat, als er sich im Bottleshop um die Ecke viel zu teures Bier gekauft hat. Mit dem Italiener mit dem Klischeeakzent, dem Klischeefranzosen und dem Klischeeamerikaner mit der Klischeebaseballkappe hat er sich warm gesoffen, weil nüchtern wollte er seine Aufreißsprüche nicht anbringen. Es sollten viele Schwedinnen in der Stadt sein, hieß es unter Insidern. Willig und blond.
Der Backpacker hat kapiert, worum es offensichtlich geht beim Backpacken. Sex. Seit Tagen hängt ein europäischer Kopulationsduft über der Stadt. Urlaub machen heißt Liebe machen. Eine normale Konversation mit einem Menschen, den man nicht unbedingt gleich auf der Stelle flachlegen will, ist Zeitverschwendung. Wozu hat man sich seit einem halben Jahr Seele aus dem Leib für ein ordentliches Sixpack trainiert, sämtliche Körperhaare herausreißen lassen und sich tagelang in die Sonne gelegt, um den erwünschten Hautkrebsbraunton zu erhalten, wenn man dann nicht zum Zug kommt.
Ob er erfolgreich war auf seiner Suche nach körperlicher Befriedigung, weiß nur der Backpacker. Das Gute hier ist ja, dass jeder Tag beziehungsweise Abend dem nächsten gleicht. Deshalb will der Backpacker heute nur die Langsamkeit seines Bewegungsrhythmus mit der Schnelligkeit seines Zigarettenkonsums koordinieren. Dazu Bier trinken und cool sein.
Am Nebentisch sitzen auch Backpacker und unterhalten sich. Eine Deutsche, eine Schwedin, eine Holländerin, zwei Kanadier und ein Österreicher. Sie kennen sich noch nicht lange und müde sind sie auch. Gestern waren sie gemeinsam aus, haben getrunken und Spass gehabt. Bei ihrer Rückkehr sind dann noch im Innenhof ihrer Unterkunft gesessen und haben Musik gehört und philosophiert. Sie sind alle gerne hier, weil sie gerne neue Leute kennen lernen. Unbekannte, die man nicht allzu lange kennen muss um sich ihnen zu öffnen. Weil es erfreulicherweise überall auf der Welt Menschen gibt, die einfach gemütlich sind.
Deshalb haben sie sich einen Rucksack umgeschnallt und sind in die Welt gereist. Nicht, weil man das mal gemacht haben muss, um wer zu sein, sondern weil sie wer sind, die das für sich machen dürfen. Und so auch anderen Freude bereiten.
Der Rucksack liegt in der Ecke und wir sitzen da. Weit weg von zuhause.

Hut ab.

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Patience

Matt besitzt etwas, abgesehen vom typischen und beneidenswerten Aussehen eines australischen Surfers, das ihm hoch angerechnet werden muss. Geduld. Beinahe täglich steht er für fast drei Stunden in hüfthohen Wasser an irgendeinem Strand und schiebt unfähige Europäer in Wellen, die er nicht einmal an einem Binnensee surfen würde. Danach schaut er ihnen zu, wie sie seine Anweisungen und Verbesserungsvorschläge wieder nicht umsetzen können und schlussendlich ins Wasser stürzen. Dabei wäre es so simpel. Kopf oben halten, nicht nach unten blicken, hoch krabbeln, Gewicht auf den Vorderfuss verlagern und nicht nach unten blicken. Watscheneinfach, trotzdem muss Matt feststellen, dass dieser patscherte Österreicher es ums Verrecken nicht kapieren will. Und verdient auf die Schnauze bzw. ins Meer fällt.
Matt ruft ihm kurz zu, dass der Verunglückte die Arme wieder völlig falsch am Board gehalten hat, aber dass er sich nicht ärgern soll, weil man das in Byron nicht macht. Gleichzeitig ist dem geborenen Engländer klar, dass dieser Tölpel es nie verstehen wird, allerdings den Kurs bezahlt hat und deshalb Aufmunterung statt eines Zusammenschiss verdient. Da fällt ihm das gestrige Yoga ein, wo er diese eine Übung zum ersten Mal zusammengebracht hat, was immerhin drei Wochen in Anspruch genommen hat. Dafür hat er sich um so mehr gefreut, wie er seine Füße hinter dem Kopf verschränkte und ihm die ganze Klasse applaudierte. Selbst die Kursleiterin, die seit einer gemeinsam verbrachten Nacht seltsam distanziert wirkt, ist zu ihm hin und hat gratuliert. Nicht aufgeben war der Schlüssel zum Erfolg, denkt Matt, und wenn man es dann wirklich schafft, ist es um so schöner.
Matt ist seinen Schülern niemals böse, mögen sie sich als noch so lernunfähig herausstellen wie dieser Österreicher. Wahrscheinlich hätte er es mit Mitte zwanzig auch nicht mehr gepackt, das mit dem Surfen. Sollen sie halt probieren! So bleibt ihm wenigstens das Schicksal eines langweiligen Bürojobs erspart. Davor hat sich der junge Matt immer am meisten gefürchtet. Für ihn gab es nur den Strand, die Wellen und das Surfen. Diese Liebe übersteht auch diese traurigen Stunden mit den Anfängern und manchmal ist ja auch ein Talent darunter und Matt freut sich für sie und schreit laut „Yiiiaahh!“ um seiner Anerkennung Ausdruck zu verleihen. Was anderes würde er gar nicht machen wollen. Nein, sicher nicht.
Matt mag sein Leben, seinen Job und einfach alles. Mit niemanden würde er tauschen wollen, ums Verrecken nicht. Der Pazifik und er sind eine Partnerschaft, die durch nichts erschüttert werden kann. Auch wenn es im Moment ein wenig kalt ist, er weiß, dass die Stunde bald vorüber sein wird und er zufrieden sein Tagwerk beendet haben wird. Vielleicht wird er selber noch ein paar Wellen suchen gehen, aber dafür ist der Wind heute einfach zu stark, das würde nichts bringen , da bleibt Matt lieber zuhause. Am Gescheitesten wäre es, wenn er wieder Yoga gehen würde. Nach der Session könnte er die Leiterin mal fragen, warum sie in letzter Zeit so allergisch auf ihn reagiert. Er könnte sie auf einen Kaffee einladen und sie hätten Gelegenheit sich auszusprechen. Genau, das wird er tun, beschließt Matt. Heute ist der richtige Tag für so was.
Matt dreht sich um, sieht den Österreicher vor sich, lächelt und meint, dass es schon viel besser geworden sei. Was nicht unbedingt stimmen muss, aber den Burschen freuts und Matt schiebt ihn die Welle. Matt braucht gar nicht hinzusehen um zu wissen, dass es wieder nichts geworden ist, das mit dem Nicht-nach-unten-Blicken. Anderseits, egal.
Matt besitzt Geduld.


Hut ab.