Freitag, 19. Dezember 2008

Farewell

Wenn man beim Aufheben eines Hundstrümmerls Tränen in den Augen hat, dann kann etwas nicht stimmen. Oder man schneidet gerade Zwiebeln. Aber wer schneidet schon bei einem Spaziergang Zwiebeln? Höchstens gestresste Spitzenköche.
Kann man von einem Sonnenuntergang Abschied nehmen? Eher nicht. Auch dann nicht, wenn man das letzte Mal für eine lange Zeit den Feuerball über den Hügeln des Mount Kootha verschwinden sieht? Und der Brisbane River all die Farben der Dämmerung eines perfekten Sommertages reflektiert? Wahrscheinlich kann das nur der dauerbetrunkene Sandler ungestraft machen, der sich immer gefreut hat, wenn Toby und ich an ihm vorbei gegangen sind.
Stimmt es, wenn man sagt, man wird das alles nicht vergessen? Wird nicht der Tag kommen, an dem die Schönheit, der Genuss und die Freude der letzten Zeit als weit entfernte Erinnerung am Horizont des Gedächtnisses winkt und kaum hörbar fragt, wann man sie wieder einmal zu sich holen will? Sei es nur auf einen schnellen Kaffee.
Kann es sein, dass man aus bloßer Angst vor der Ungewissheit der Zukunft hofft, dass manche Stunde niemals kommen wird? Sollte man sich nicht besser vorbereiten? Wie geht das? Sind wir so auf Genuss programmiert, dass Herausforderungen nur noch Angst verbreiten und nicht als Chance verstanden werden? Auch wenn die einzige Chance im Scheitern besteht.
Werde ich sie vermissen, diese Tage in Brisbane und all den anderen Orten, die ich in den letzten dreieinhalb Monaten besucht habe? Die Menschen, die ich in der Zwischenzeit Freunde nennen darf? Cameron, Cathy, Melloy und Eli?
Ja.

Liebe Landsleute!

Es reicht. Es geht ans Abschied nehmen. Meine Zeit in Australien ist abgelaufen. Ich ziehe mich in die Kälte des mitteleuropäischen Winters zurück. Dies wird das letzte Mal sein, dass Ihr an dieser Stelle die Wahrheit über mich in Australien zu lesen bekommt.
Das Finale also. Lange Zeit habe ich mich gegen diesen Gedanken gewehrt, wollte nicht zulassen, Euch zu enttäuschen zu müssen. Aber wie so vieles im Leben geht alles Schöne irgendwann zu Ende. Es ist halt so.
Versteht mich nicht falsch! Ich freue mich auf die Heimat. Irgendwie. Auf Euch, liebe Heldinnen und Helden!
Ihr seid der Grund, warum ich dem Abschied aus Brisbane auch eine positive Seite abgewinnen kann.. Dennoch fällt es schwer an einem sonnigen und warmen Morgen von der Sonne aufgeweckt zu werden nur um feststellen zu müssen, dass der gepackte Rucksack einem selbst gehört und der darauf wartet zum Flughafen gebracht zu werden.
Genug davon.
An dieser Stelle –wo sonst?- möchte ich mich bei Euch, all den Heldinnen und Helden, bedanken. Vielen Dank für Euer Interesse an meinen Spinnereien, die an dieser Stelle in schriftlicher Form verewigt wurden. Ich hoffe, dass zumindest einige meiner Geschichten in der Lage waren Euch zu erfreuen oder zu erheitern. Es war sicherlich nicht immer leicht meinen Gedanken zu folgen.
Aber seid gewiss, Heldinnen und Helden, die Wahrheit wird es immer geben! Nur nicht mehr in Geschichten über einen jungen Innviertler in down under. Alles andere bleibt gleich.
Am Ende bleibt immer eine einzige Frage: Wie fühlen Sie sich?
Keine Ahnung. Kein Problem.

Und aus.

Hut ab.


P.s.: Es wäre mir eine Ehre, wenn sich die Leser dieses Blogs mit einem Kommentar im Anhang an diese Geschichte verewigen würden. Keine Verpflichtung. Und lasst mich auch wissen, ob und falls ja welche der Einträge Euch besonders gefallen haben.
Vielen Dank.

Montag, 15. Dezember 2008

Home

My name is Floximo and this is my story.
I arrived on the fourth day of September at Beattie Street, West End, Brisbane. Back then I knew that I was not going to dig a hole right away. Mostly, because it was a quite rainy day and I didn't want to leave the house.
So I sat down to my computer and started to write stories about me. Well, not just about myself, but I imagined all the exciting things that a young European lad like me could do in this - let it be written once, so everyone is happy- great country. It turned out to be quite a pain of a job because it is very hard to come up with great ideas every second day.
But I was wrong. Totally wrong. Like really wrong. Not just FourX Gold wrong, I was bitterly wrong. My mistake was to think that I actually would need to use my imagination to be able to impress my friends overseas. I never had to.
Eventually, I just had to tell the truth. The brutal and honest truth. Not just about me. Or about AUSTRALIA. No, my job was to reveal the truth about ME in AUSTRALIA.
And history will decide that I did. I began to observe myself. Me spying on me. I became a self-stalker. Nevertheless, it was not really complicated or as disturbed as some might think of it right now. It was worse.
Watching a bum 24/7 is not only boring but also very boring. I had to cope with the fact that I am one the most unmotivated persons in the world. On some days I only got up in the morning to be able to go to sleep again later.
It is relatively easy to just sit and stare if you are lazy as I am usually. Salvation was needed. And recieved.
Along came the heroes. People who made me do things. See places. Meet other people. Start living. Enjoy myself.
I call those people Heroes. After all, they are my heroes. Although I also bumped into Spiderman along the way, they all are human.
Due to their help as days turned into weeks and weeks into months people became friends and a house turned into a home. Sadly the time has come to leave. I am going home again.
Where is home? Well, home is where your heart is. Hence I am looking forward to meet up with my Austrian Heroes again, who I was reporting to via this blog, but nonetheless it is going to be heartbreaking to board the plane and leave a lot cherished people behind.
However, if something can be broke it also could be fixed. So actually, my heart is not going to be broken. It is filled with my memories of faces, events and other joyful moments that I witnessed in the last three months. And it is strong. Nobody could take this things away again. Ever.
All good things come to an end. So does this trip. I was going missing for a while. I had nothing left to lose. But I could not expect to gain so much in such a little space of time. Maybe that happens when you apply some pressure. To your life.
Thanks to everybody.
Especially to Cam, Cathy, (The) Melloy and Eli. You are my Super-Heroes!

My name is Floximo and this was my story.

Hut ab.

Dienstag, 9. Dezember 2008

Hangover

Die Zivilisation in Geiselhaft. Wir bemerken es nicht mehr, wollen es sogar. Flüchten uns in die Ausreden, die vor lauter Falschheit schon wieder richtig erscheinen. "Da kann man nichts machen! Das wird halt so sein müssen." Es lebe die Revolution! Könnte jemand damit beginnen? Schnell! Ich? Habe leider keine Zeit.
Außerdem ist es hier viel zu heiß. Und was würden erst meine Freunde von mir denken? Jetzt bin ich endlich so weit und nenne über 500 Personen Freunde. Bis vor kurzem dachte ich noch, ich hätte niemals derart viele Menschen getroffen. Aber das Internet lügt mich nicht an. Deshalb habe ich 500 Freunde. Punkt. Keine Diskussion.
Meine Damen und Herren, diskutiert haben wir schon. Das Ergebnis lässt sich sicherlich sehen, aber warum wir überhaupt diskutieren mussten, verschließt sich meiner Erkenntnis. Unserer Auffassung nach hätten wir von vornherein bestimmen können, was wir wollen um uns danach zusammenzusetzen und das Ergebnis abzusegnen.
Schön langsam musst du beginnen das Ergebnis zu verwalten. Mehr wirst du sicher nicht mehr bekommen, also lass diese Angriffe und konzentriere dich auf das Wesentliche. Frag mich jetzt bitte nicht was das sein soll! Solche Fragen wollen wir hier nicht gestellt bekommen. Du und wie viele von deinen Freunden wollen denn das wissen?
Der eine da drüben, der weiß so ziemlich alles. Finde ich. Der schaut schon so gescheit aus. Sein Lächeln kann auch was. Den will ich. Nein, interessieren tut mich der gar nicht, aber so vom Auftritt her, ein pfundiger Bursch. Manchmal ist das eh gescheiter. Gar nicht lange suchen, einfach den nehmen, den man dir aufs Auge drückt.
Der Druck auf mich steigt unaufhörlich. Ich habe keine Ahnung, was ich will und was ich kann. Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen das kann bald ein jeder, aber wenn es wirklich hart auf hart kommt, dann nichts wie weg. Wissen wir schon. Ist immer schon so gewesen. Da braucht man erst gar nicht lange herum zu spekulieren. Man nimmt das und dann hat es sich.

Und ich stehe da, schwitze und frage mich wie ich aus dem ganzen herauskommen könnte. Die Inspiration scheint gegangen zu sein. Unsicherheit und Leere macht sich in mir breit. In einer Woche heißt es von hier Abschied nehmen. Ich will und kann nicht sagen, wie ich das finden soll. Aber egal.
Eine leere Flasche Wein lacht mich in der Erinnerung an den gestrigen Abend aus. Sie trommelt auf den Bongos meines Kopfes und hat sichtlich Spaß dabei. Ob ich will oder nicht, ich werde zuhören müssen. Wir begehen den größten Blödsinn, nur um einen Tag später festzustellen, dass die Freude eine vergiftete war. Das hat mit Erwachsenwerden nichts zu tun. Hauptsache man findet einen Grund und ergibt sich diesem völlig.
Ich habe meine Widerstandskraft bei der Haustüre gelassen und saufe mir den Schädel klein. Am Ende kommt so etwas dabei raus.
Und manche müssen damit leben.


Hut ab.

Sonntag, 7. Dezember 2008

Analysis

Wieder einmal: Pariasek Rainer und Thomas Sykora aus Brisbane.

RainerP.: Herzlich Willkommen, meine Damen und Herren! Die Entscheidung ist gefallen. Leider gibt es keinen österreichischen Sieg zu vermelden, aber immerhin ein zweiter Platz ist es geworden. Denn der Sieg im heutigen Vor-dem-Fernseher-einschlafen-Wettbewerb in der Beattie-Street-Klasse geht an das Veranstalterland, Australien. Auch im Jugendbereich und im Frauenwettbewerb gab es ausschließlich Siege für Australier.
Wir wollen nun die Herren-Entscheidung analysieren, die nicht von dem haushohen Favoriten Cameron Murray entschieden wurde, sondern der Sieg ging unerwartet an den Außenseiter Paul Melloy.
Bei mir steht jetzt der Thomas Sykora, der ja sonst nichts zu tun hat, und uns deshalb bei der Aufarbeitung des Rennens helfen wird. Grüss Sie, Sykora Thomas!
Sykora,T.: Ja danke, Rainer. Es freut mich sehr, dass ich gemeinsam mit Ihnen, liebe Zuschauerrinnen und Zuschauer, diesen ungemein spannenden Wettkampf analysieren darf. Mir war schon wirklich gescheit fad daheim. Also auf geht's!
RainerP.: Ein Wort zu den Bedingungen?
Sykora,T.: Gut.
RainerP.: Aha.
Sykora,T.: Nun, man kann durchaus von fairen Bedingungen sprechen. Das Fernsehprogramm war ausgesprochen anspruchslos und die Starter haben sich relativ schnell auf eine Sendung geeinigt. Die Abstimmung hat also gepasst. Eine Dokumentation, also nicht unbedingt schwierig dabei einzuschlafen. Keiner hatte einen Vorteil, hat sie schon einmal gesehen oder war speziell gelangweilt.
RainerP.: Die Beginnzeit war kein Problem? Immerhin haben sie schon um halb neun angefangen.
Sykora,T.: Möchte man meinen. Aber die Burschen waren gut vorbereitet, müde und satt, das war kein Problem. Und wie man an der Siegerzeit sehen kann, sind sie nur ganz knapp am Weltrekord vorbeigeschrammt.
RainerP.: Dieser wird nach wie vor von Vizekanzler Josef Pröll gehalten. Zwar wird die Regularität davon angezweifelt, denn Pröll ist damals bei einer von ihm gehaltenen Rede eingeschlafen...
Sykora,T.: ...Aber der Rekord steht.
RainerP.: Kommen wir zum Drittplatzierten! Cameron Murray ist als haushoher Favorit ins Rennen gegangen. Schlussendlich aber geschlagen. Woran lag es?
Sykora,T.: Nun, der Cameron ist sicherlich ein guter Früh-zu-Bett-Geher, aber vor dem Fernseher zeigt er durchaus noch Schwächen. Wie man auch gesehen hat, hat er vergessen eine angenehme Sitz- beziehungsweise Liegeposition einzunehmen. Dazu hat er nebenbei gelesen. Damit hat er sich die eine oder andere Minute Schlafenszeit geraubt. Und bei einem so schnellen Rennen wie gestern, muss schon alles zusammenpassen, damit man am Ende als Erster flachliegt. Hat nicht sollen sein für den Murray. Dennoch für mich ist er weiterhin der am Ausgeglichenste in allen Disziplinen. Außerdem der Konstanteste. Für die Gesamtwertung bleibt er mein Favorit. Auch wenn er gestern geschlagen wurde.
RainerP.: Immerhin ist er im Besitz der "Roten Augen", dem Zeichen für den Führenden in der Gesamtwertung.
Aus österreichischer Sicht erfreulich, der zweite Rang von Zillner Florian. Aber, wir haben schon ein bisserl spekuliert, es könnte auch ein Platz weiter vorne werden. Woran ist er letztenendlich gescheitert?
Sykora,T.: Um ganz oben zu schlafen, muss einfach alles passen. Training, Abstimmung und die Liegepositionen. Ich persönlich hätte an seiner Stelle wohl noch die eine oder andere Nacht mehr durchgemacht. Er ist aber nach Sydney und ein paar ordentlichen Räuschen und einer daraus resultierenden Übernachtigkeit in den letzten zwei Nächten etwas leiser getreten.
RainerP.: Ein Fehler, wie man jetzt sehen kann?
Sykora,T.: Schwer zu sagen. Jedenfalls war es nicht ausschlaggebend. Müde war er ja, keine Frage. Nur hat er bei seiner Liegeposition kleine Fehler eingestreut. Das hat sich gerächt. Ein Bein in der Waagrechten, während das andere auf dem Boden stand. Klassischer Inneneinschläfer-Fehler, falsche Körperhaltung, kerzengerade auf dem Rücken gelegen. Da kann man schwer einschlafen. Und gegen einen überragenden Melloy war damit nichts zu holen. Trotzdem Respekt, klasse Leistung.
RainerP.: Und wer diesen jungen Mann kennt, der weiß, dass er sicher nicht das letzte Mal auf einer Couch eingeschlafen ist.
Sykora,T.: Ein wirklich großes Talent! Ich habe mich mit seinen Betreuern, Bier Brauer und Binge Drinker, unterhalten. Die haben gemeint, sie haben schon lange keinen mehr gesehen, dem beim Gehen die Füße und beim Reden das Gesicht einschläft. Ein Jahrhunderttalent, geschlagen nur um einen Hauch.
RainerP.: Womit wir beim Sieger angekommen wären. Viele haben ihn nicht auf der Rechnung gehabt, aber offensichtlich ein müder Krieger. Paul Melloy, Sieger! Verdient, Thomas?
Sykora,T.: Es gewinnt immer der, der als erster einschläft! Und der Melloy hat einfach alles richtig gemacht. Zunächst ist der zwei Nächte nacheinander gescheit fort gegangen. Dann hat er sich richtig von der Hitze erschlagen lassen und dann war auch noch laufen. Da hat sich abgezeichnet, dass er heiß auf den Sieg war. Gleichzeitig hat er die größte Couch bezogen, sich der Länge drauf gelegt und von Anfang hat er dem Programm kaum Beachtung geschenkt. Ein verdienter Sieger.
RainerP.: Vielen Dank, Thomas. Unsere Sendezeit ist leider vorbei. In Kürze folgt der Club 2. Heute mit dem spannenden Thema:" Kann ein Emo nur eine Schnitte als Freundin haben?"
Sykora,T.: Traurig.

Und wenn sie noch nicht aufgestanden sind, dann schlafen sie noch immer.

Hut ab.

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Universal

Sydney kennt drei Gruppen von Menschen.
Erstens: Die Schönen.
Zweitens: Die Nicht-Schönen.
Und die dritte Gruppe bilden die Schiarchen.
Jetzt verhält es sich mit der Schönheit ja so, dass jeder etwas anderes für schön, nicht-schön oder schiarch hält. Geschmack liegt im Auge des Betrachters, quasi. Dieses Prinzip gilt auch für die Bevölkerung und Besucher dieser Stadt. Und im Grunde für die Stadt selber.
Auch in Sydney gibt es schöne, nicht-schöne und schiarche Stadtteile. Welche was sind, muss der Besucher für sich selber entscheiden. In der kurzen Zeit, die ich bis jetzt in der Stadt verbracht habe, habe ich eher nur die Zuckerseiten der Stadt kennen lernen dürfen. Denn eines muss man der Stadt zugestehen. Sie hat Charme. Damit sei aber nicht unbedingt nur die Innenstadt gemeint. Natürlich bietet die einiges. Angefangen von den bekannten Bauwerken, wie der Oper, Harbour Bridge oder dem Sydney Tower, alles da. Speziell, wenn man das alles auf einmal überblicken kann. Das geht am besten bei einer Fahrt mit der Fähre von Manly aus direkt zum Circular Quay am Fuße der Innenstadt. Aussicht, sagenhaft.
Dennoch macht das Zentrum die Stadt nicht zu dem was sie ist. Es gibt mehr. Eigentlich Meer. Die Stadt liegt gemütlich an zahlreichen Sandstränden, allesamt kleine Buchten. Zumindest die schönen Bezirke. Bis jetzt kenne ich nur die. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass man hier alles auf einmal geboten bekommt. Großstadtflair, Strandkultur und Meer.
Überall ist der Strand ein wenig anders. Aber immer grandios gemütlich und das Meer einsprungbereit. Um einen heimatlichen Vergleich anstellen zu können, müsste Wien am Arlberg liegen.
Darin liegt auch das Problem. Die Menschen hier wollen der Stadt gerecht werden. Alle wollen sie schön sein. Wie schon gesagt, liegt Schönheit im Auge des Betrachters. Sie ist objektiv nicht wirklich feststellbar. Deshalb muss man sich auf das eigene Gefühl verlassen. Um schön zu sein, muss man sich schön fühlen. Selbstvertrauen an den Tag legen. Für die meisten kein Problem, weg mit dem Leiberl, Sommerkleid oder was den Blick auf halbnackte Körper verstellt und dann wird präsentiert auf Teufel komm raus. So gesehen am Bondi Beach, der größten Selbsttherapiegruppe der Welt.
Normal geht da nichts. Da gehört man schon wieder zu den Nicht-Schönen. Dabei handelt es sich um Personen, die ihr Aussehen anders bewerten, aber inneren Werten hochhalten und sich gegenüber den Schönen höherwertig fühlen. Dafür sie sind einfach nicht schön genug um die Sprache der Liebe sprechen zu können.
Nicht-Schöne Menschen don't get laid. Nirgends wird das so deutlich wie in Sydney. Es tut mir leid für alle, aber so ist es nun einmal. Wer will einen schon reden zuhören, wenn nebenan einer seinen Bizeps anspannt und sein Leiberl zerreißt? Schönen Menschen vergibt man so ziemlich alles. Gestammel, Minderintelligenz und schwache Gesprächsführung. Gerade deshalb ist dieser Zustand so erstrebenswert.
Außen hui, innen pfui. Macht nichts, gemma schmusen. So ungefähr.
Gerade das ist das schöne an Sydney. Jeder hat die Chance so zu werden. Die universale Sprache der Liebe zu verwenden.
Objektiv geht’s dabei nicht zu. Alles geht!
Außer man ist wirklich schiarch. Dann leider nicht.


Hut ab.

Montag, 1. Dezember 2008

Lost

Die Stadt hat sich verändert. Ich erkenne hier nichts wieder. Mir ist schon klar, dass so etwas gerne gesagt wird, wenn jemand glaubt besonders tiefsinnig über seine Gefühle reden zu müssen. „Ich erkenn hier nichts wieder, weil, weil die Menschen plötzlich so anders dreinschauen und der Himmel leuchtet in total krassen Farben und so. Ich fühle die Vibrationen der Lebewesen ganz deutlich. Die Häuser, sie sprechen zu mir“, sagen solche Leute dann. Hippie-Schauer!
Mein Problem ist tatsächlich der Umstand, dass ich den Ort nicht kenne. Dabei war ich der Meinung Brisbane inzwischen gut zu überblicken. Sicherlich, die Außenbezirke sind spanische Dörfer verblieben, aber ansonsten innenstadtmäßig, hielt ich mich für einiger Maßen sattelfest.
Und jetzt das! Seit Stunden irre ich umher. Bin verloren zwischen gewaltigen Wolkenkratzern. Die Schluchten, die sich zwischen ihnen auftun, durchschreite ich hilflos und meine Augen wandern stetig auf der Suche nach einem Anhaltspunkt umher. Es ist zum Verzweifeln. Ich kenne mich nicht mehr aus.
Ganz ruhig! Durchatmen! Normalerweise gibt es für alles immer eine Erklärung. Doch mein Gefühl sagt mir, dass da was nicht stimmt. Stimmen kann. Also, träumen tue ich nicht. Ein freundlicher, mit Steroiden vollgepumpter Mann war so hilfsbereit und hat mir ordentlich eine paniert um das herauszufinden. Eigentlich wollte er wissen, ob ich nach einem brachialen Fausthieb sein Aussehen noch immer lächerlich finde. Ja schon, aber ich werde wohl in Zukunft Abstand davon nehmen ihm das ins Gesicht zu sagen.
Egal. So weiß ich wenigstens, dass die Antwort auf meine Orientierungslosigkeit in der Realität zu suchen ist. Am geschicktesten wäre es wohl die Orte aufzusuchen, von denen aus ich die Beattie Street im Schlaf oder Rausch problemlos finde. In meiner Heimat wäre das besonders leicht. Kirche, Raika, Kirchenwirt. Allerdings gibt es kein Churchpub in Brisbane.
Deshalb Plan B. Offenbar befinde ich mich ganz nahe am Wasser, sprich dem Fluss. Gut so. Von dort finde ich immer heim. Nichts wie hin! Und ja, da ist Wasser. Aber es scheint irgendwie kein Fluss zu sein, sondern mehr eine meeresartige Bucht. Komisch. Es schaut echt schön aus, die Anlage mit Geschäften, Bars und anderen Vergnügungslokalitäten, aber wie um alles in der Welt bin ich daran bis jetzt vorbeigelaufen. Gibt’s ja nicht. Langsam aber sicher beginne ich an mir selbst zu zweifeln.
Und diese Zweifel werden nicht unbedingt kleiner, nachdem ich beim Weitersuchen plötzlich eine riesige Brücke entdecke, die quer über den Hafen gespannt ist. Brücke? Hafen? Häh? Keine Ahnung, was das soll. Im Zweifelsfalle sollte man immer weiterrennen. In meinem Fall davon rennen. Ich habe Angst. Ich bin verloren, will nach hause, würde mich einfach auf der Couch verstecken und nie mehr aus dem Haus gehen.
Aber wo ist dieses Haus? Apropos Haus. Jetzt stehe ich gerade vor einem. Es kommt durchaus bekannt vor. Bitte, was soll das sein? Eine Oper? Also mit all diesen muschelartigen Dachelementen könnte man das leicht für einen Fischmarkt oder sonst was halten. Aber Oper? Lächerlich. Allerdings bemerke ich, dass ich wohl der einzige bin, der das komisch findet. Zu Hunderten stehen Europäer davor und lassen sich vor diesem imposanten, aber wirklich sinnlosen Gebäude ablichten. Die Fotos möchte ich sehen.
Werde ich wohl eher nicht. Stattdessen laufe ich weiter. George Street. Ja, so eine gibt es Brisbane, also befinde ich mich auf dem richtigen Weg. Und so stehe ich auch zwangsläufig vor den Three Monkeys. Hurra, ich bin gerettet.
Nicht lange. Denn das Lokal haben sie ausgebaut, auf drei Stockwerke. Anstatt Kaffee servieren sie jetzt Bier. Habe ich da etwa was nicht mitbekommen? Wahrscheinlich, liegt doch meine Aufmerksamkeitspanne jenseits von Gut und Böse. Dafür habe ich meinen Bierkonsum gesteigert und den bedienen die Leute im neuen Three Monkeys ohne mit der Wimper zu zucken. Recht so! Aber nach West End schaut das hier auch nicht wirklich aus.
Drei Biere später hat sich die Situation noch nicht grundlegend verändert. Nur, dass sie mir ein bisschen mehr Wurst ist. Trotzdem würde ich gern als bald nach Hause kommen, wenn das möglich wäre. Dem scheint nicht so zu sein.
Ich will aber nicht mehr weiter trinken. Ich will ein Bett und Schlaf. Das ist doch nicht zu viel verlangt! Die Straßen ergeben weiterhin keinen Sinn und so beende ich den Part des Suchenden und lasse mich verzweifelt, aber auch genauso trotzig auf den Stufen vor der Town Hall nieder. Brisbane, ich erkenn dich nicht wieder. Und diese Weihnachtsbeleuchtung für das Rathaus ist der letzte Dreck. Oder Kitsch. Je nach dem.
Gerade als ich mich damit abzufinden beginne, dass ich den heutigen Filmabend in der Beattie Street verpasst habe, taucht plötzlich aus dem nichts jemand auf. Bei näherem Hinsehen erkenne ich diese Person sogar. Das ist, das ist .... das ist der Karl! Wahnsinn! Eh Karl, wie geht’s? Schön dich zu sehen! Du, hier in Bris....
„Welcome to Sydney!“
Danke, Karl.
Und wo ist jetzt die Beattie Street?


Hut ab.

Sonntag, 30. November 2008

Dedicated

Auf dem Tisch steht noch ein Glas. Es ist deins. Du bist davor gesessen, hast daraus getrunken. Die Abdrücke deine Lippen beweisen, dass du es warst. Ich will das Glas nicht abspülen, von mir aus kann es für immer dort stehen bleiben. Jedenfalls soll es nicht zu den anderen. Das Glas, es ist halb leer.
Als du gingst war es halb voll. In deinem Aufbruch verlor die Hoffung ihren Sinn. Wir waren lange am Grad des Wahnsinns gewandelt. Du hast gesagt, zu lange. Doch wir konnten nicht wissen, was wir wollten. Kannten weder die Konsequenzen noch die Furcht davor. Wir haben Flüssigkeit verschüttet, die kostbar war und uns gut tat. Jetzt stehen wir verloren vor diesem verwunschenen Glas und zögern daraus zu trinken. Das Glas, es ist halb leer.
Warum man alles falsch macht, wenn man den Versuch wagt, wissen wir nun. Der Schmerz des Scheiterns hält die Erinnerung aufrecht und hinter diesem schimmern schwach Gedanken an das Gute nach draußen. Nur sie sind so viel wärmer und der Schmerz wird dadurch nicht zur Sinnlosigkeit verdammt. Ich betrachte das Glas und die Glut in mir lodert weiter. Das Glas, es ist halb leer.
Im Garten stehend blicke ich auf die Nacht. Der Mantel der Finsternis liegt über der Stadt. Sie ruht sich aus. Atmet schwer und regelmäßig und zieht die frische Luft magisch an. Auch ich sollte längst ruhen. Doch ich sehe das Glas und werde von einer Unruhe ergriffen, die mich an diesen Ort fesselt. Es gäbe so viel zu sagen. Wie kannst du mich hören? Das Glas, es ist halb leer.
Mit der Zeit wird alles besser. Noch besser ginge es mit dir. Ich kann verstehen, warum du gehen wolltest oder musstest. Das habe ich immer getan. Verlieren war unmöglich und trotzdem stehe ich auf verlorenem Boden. Es gab niemals eine Schlacht. Wir wussten, dass die Zeit uns nur kurz zur Verfügung stand. Ich habe versucht mich zu beeilen. Du bist vor dem Glas gesessen. Das Glas, es ist halb leer.
Meine Ruhe stammt von der Ratlosigkeit. Sie hat mich gebremst. Ich wollte nicht aufgehalten werden, wollte nach vorne. Um bei dir anzukommen. Ich war dir schon nahe. Der Stopp war hart und tat weh. Noch fehlt ein Ende. Das Glas, es ist halb leer.
Weil wir uns nicht sehen, fällt es leicht zu täuschen. Den Spekulationen freien Lauf zu lassen- Ich würde gerne aus deinen Augen lesen. Deine Geschichte kennen lernen. Für mich bist du ein Buch. Ich kann dich nur nicht lesen. Sag mir, um was es bei dir geht. Bei mir um alles! Du weißt, wann du umblättern kannst. Gib mir einen Schluck! Das Glas, es ist halb leer.
Wer nicht weiß, was er will, wird gewinnen. Denn ich wollte alles und habe verloren. Dich! Am Ende des Tages blieb mir nur dein Glas. Es steht auf dem Tisch. Ich sehe die Abdrücke deiner Lippen darauf. So viel würde ich geben, sie spüren zu können. Aber du bist gegangen als das Glas noch halb voll war. Das Glas, es ist jetzt halb leer.
Ich werde es stehen lassen. Vielleicht kommst du zurück. Es wird noch da sein. Das Glas, es ist immer noch halb leer.
Besser wäre es ein frisches zu bringen um eine Geschichte damit zu beginnen. Eine neue. Sie wird besser werden. Das verspreche ich dir.
Danach werde ich das Glas waschen und es zu den anderen stellen.
Weil ein neues auf dem Tisch steht. Dieses Glas, es wird voll sein. Hoffentlich.

Hut ab.

Donnerstag, 27. November 2008

Charity

Das Ende ist nahe. Nicht nur das der Woche, weil Freitag ist, sondern in deren Schlepptau absolviert auch der November seinen Schlussauftritt. Ab Montag sagen wir schon Dezember zum Monat und beginnen die Kästchen an unseren Adventskalendern zu öffnen.
Eine komische Vorstellung, dies in kurzen Hosen machen zu müssen. Aber fein, ich habe sowieso keinen Adventskalender, und das ist gut so. Auch mein Glühweinkonsum wird sich in Grenzen halten, wird dieser Suff doch im sommerlichen Australien erst gar nicht angeboten. Das hat weniger mit Weltwirtschaftskrise denn mit purer Vernunft zu tun.
Zwar biegt der November gerade auf die Zielgerade ein, vorbei ist er aber noch lange nicht. Zumindest nicht für mich. Dieses Wochenende hat ziemlich viel zu bieten. Beinahe wäre ich der Versuchung unterlegen, es als stressig zu bezeichnen. Nur muss ich ganz ehrlich gestehen, dass bei dem Wort Stress keine Assoziationsketten in meinem Kopf zu wachsen beginnen, mir dieses Wort nichts mehr sagt. Egal.
Ein gutes Gefühl in mir steigert bereits seit einigen Stunden die Vorfreude auf das was in den nächsten Tagen folgen wird.
Zunächst spielen die Musiker von Bloc Party heute Abend auf der Riverstage auf. 9000 Menschen wollen sich das anschauen und anhören. 500 von ihnen werden in den Genuß kommen von mir und Melloy nach dem Konzert einen Flyer in die Hand gedrückt zu bekommen. Vorher werden wir zwei auch zu jenen gehören, die sich das Konzert geben. Allerdings mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass wir das gratis erleben dürfen. Oder umgerechnet für einen Stundenlohn von umgerechnet 160 Aussiedollars.
Morgen werden dann die Menschen von Brisbane wieder von uns beiden mit den selben Flyern beglückt. Dieses Mal allerdings bevor sie das Global Gathering-Gelände betreten um zu elektronischer Musik die letzten Hemmungen fallen zu lassen und exstatisch zu der Bumm-Zack-Mucke abgehen. Unter diesen Menschen werden sich wiederum der Melloy Pauli und der Zillner Flo befinden. Wieder ohne etwas dafür bezahlt zu haben.
Also Melloy und ich, plus Schnurrbart. Ja, liebe Heldinnen und Helden, es ist soweit. Nachdem der Monat November für karitative Zwecke in Australien und noch einigen anderen Länder zum Mo-Vember umgewandelt wurde, blieb mir keine andere Wahl als diese Opfer auf mich zu nehmen und meine Oberlippe zur Spielwiese der Gesichtsbehaarung verkommen zu lassen. Genau einen Monat war sämtlicher Kontakt zu Rasierern und Konsorten tabu. Kein einziges Haar wurde gekrümmt.
Es ist etwas gewachsen. Nicht viel, aber dennoch stehe ich als Sieger der internen Beattie Street Wertung fest. Mag sein, dass dies allein auf der Tatsache beruht, dass ich der einzige war, der sich dieser immensen Verletzung des guten Geschmacks uneingeschränkt hingeben konnte. Dennoch fühle ich mich Sieger.
Ich war nicht allein. Der Mo-Vember existiert wirklich. Auf den Straßen der Stadt haben Männer mit beeindruckenden Pornobalken für die Prostatakrebsforschung Geld gesammelt. Aus Solidarität mit dieser Aktion haben wir uns gefügt und selbst ein wenig Männlichkeit im Gesicht belassen.
Im Bewusstsein, dass man der eigenen Attraktivität dabei keinen Gefallen tut, bleibt mir nichts anderes übrig als dieses Wochenende über mich ergehen zu lassen. Das dafür mit Stil. Heute kommt der Bart, den ich zur Tarnung des Endzweckes habe ebenfalls sprießen lassen, ab. Nur die Rotzbremse bleibt.
Dies mag meine Chancen beim anderen Geschlecht trüben, aber dieses Opfer bin ich bereit einzugehen. Schließlich geht um den guten Zweck.
Und wie heißt ein altes mongolisches Sprichwort: "Wir Mongolen haben einen Bart, weil man als Mongole weiß, dass Schönheit von Innen kommt."
Die Mongolen haben recht. Und mir ist jetzt auch schon alles egal. Ab Montag heißt es Adventszeit. In kurzen Hosen und mit Stoppeln im Gesicht.


Hut ab.

Sympathy

Manchmal wäre es so einfach. Trotzdem oder gerade deshalb, liebe Landsleute, muss auch ich sehr wachsam sein. Ich muss ehrlicher Weise zugestehen, dass ich enttäuscht bin. Von mir selber. Besser, enttäuscht war. Ich war schockiert wie tief ich zu sinken im Stande wäre, nur um weiterhin meinen Veröffentlichungsrhythmus beizubehalten.
Zum Glück ist alles noch einmal gut ausgegangen. Es wäre auch wirklich geschmacklos gewesen, falls ich tatsächlich zu diesem Thema Gedanken angefertigt hätte, die dann an dieser Stelle, dem Hort der Wahrheit, von einer gespannten Weltöffentlichkeit gelesen werden hätten können.
Doch nichts der gleichen ist passiert. Gott sei Dank! So endet für mich dieser Donnerstag in wenigen Momenten in meinem Zimmer in Brisbane, wohin ich heute Nachmittag wieder zurückgekehrt bin. Aus einem ganz simplen Grund. Wäre ich in Mooloolaba geblieben, ich hätte diese Story geschrieben. Deshalb bin ich um so fröhlicher, dass diese Versuchung nicht mehr so groß ist als noch vor Antritt der zweistündigen Zugreise zurück in die Beattie Street.
Hier bin ich abgelenkt. Meine Gedanke kreisen nicht ständig um diese Idee, die mir heute Früh kam als ich niedergeschlagen und klitsch nass von einem erneuten Surfversuch in Richtung Hostel die Esplanade in Mooloolaba entlang trottete. Im ersten Moment war ich noch begeistert von diesem Einfall, aber je mehr ich darüber nachdachte desto schockierter war ich über mich höchst selbst. Niemals habe ich geglaubt, dass ich zu solch abwegigen Vorstellungen überhaupt fähig sein könnte. Ein schmerzliche Erfahrung, die ich da machen musste.
Irgendwie spiegelt sich in dieser Idee für eine Geschichte nur meine Verzweiflung wider. Jeden Tag stehe ich mit dem Verlangen auf etwas zu kreieren. Eine Botschaft der Hoffnung aus der Sonne in die Kälte des heimatlichen Wintereinbruchs. Denn, seien wir uns doch ehrlich, ein gepflegter Glühweinrausch kann bei weitem nicht einen Tag am Meer ausgleichen. Höchstens die Sonne, die Wärme und die Lockerheit eines Sommertages vorgaukeln, nicht aber ersetzen.
Wo ist diese Lockerheit hin? Verloren in den Wellen des Pazifiks? Untergegangen in meiner Selbstzufriedenheit? Begraben von meinen Selbstzweifeln?
In drei Wochen geht es für mich wieder zurück in die Heimat. Wie so oft stehe ich diesem Ereignis indifferent gegenüber, oder besser gesagt, ahnungslos. Ich weiß nicht, wie ich meine Rückkehr in die Heimat bewerten soll. Die Zeiten sind so unsicher geworden. Wo gehen wir alle hin? Und wo wird mein Platz in all dem sein?
Nachdem mich der Faymann Werner nicht in seinem Kabinett aufgenommen hat, getrieben von der offensichtlichen Angst vor meiner Popularität, bleibt mir nichts anderes übrig als der Bundespolitik auf längere Zeit Adé zu sagen.
Das alles hat mit meiner heutigen Aufgeregtheit wenig zu tun. Diese ist vielmehr ein kurzfristiges Produkt meines Hasses auf mich selbst. Ich dachte nämlich, ich würde den Unterschied zwischen Anstand und Geschmacklosigkeit kennen. Dem ist nicht so.
Ansonsten wäre ich nicht beim Anblick einer Steven-Irwin-Statue, dem Crocodile-Hunter, auf die Idee gekommen, den Tod der australischen Buschlegende mit dem des Landeshauptmannes aus dem südlichsten Bundeslandes zu vergleichen. Und zwar in Form einer RTL-Sendung mit dem Titel "Die Welt sucht den zweiten Sohn Gottes!"
Tief gesunken, ich weiß. Gerade deshalb erscheint es mir wichtig zu berichten, dass ich von dieser Idee Abstand genommen habe. Nicht schreiben werde, welche Kategorien mir eingefallen wären um diese beiden persönlichen Katastrophen auf eine mehr oder weniger pietätlose Weise zu vergleichen. Nein, keine Punkte für Irwins Stich ins Herz! Der Stinger-Ray wartet vergebens auf seine Erwähnung in den Untiefen der TV-Unterhaltung. Haider wird nicht ausgleichen, indem er den Sieg in der Sparte "Bessere Verklärung des Lebenswerks" davon trägt. Nur um bei dem nächsten Vergleich, "Internationale Betroffenheit ob der Todesnachricht" wieder ins Hintertreffen zu geraten. Zwar wäre ihm der Sieg bei "Inszenierung der Begräbnisfeierlichkeiten" sicher, aber nur wenn ich diesen Wahnsinns-Vergleich auch tatsächlich angestellt hätte. Da dem nicht so ist, gibt es nach zwei weiteren Kategorien, " Posthumane Vermarktung" und "Anzahl der Lebensmenschen" kein Unentschieden.
Denn niemand wird wissen, dass ich ein solche verrückte und kranke Idee geboren habe. Ich bin unfassbar froh darüber, dass ich der Versuchung nicht unterlegen bin und dieser Gipfel der Geschmacklosigkeit an dieser Stelle nicht abgesondert wurde.
Ich persönlich werde mit dieser Schmach leben müssen. Meine Gedanken als krank bewerten. Doch zum Glück besitze noch so viel Rest-Anstand, dass ich diesen Stumpfsinn nicht nach außen dringen lasse. Nur um irgendetwas gesagt zu haben.
Bleiben wir also bei der Wahrheit! Die haben sich die Heldinnen und Helden verdient.


Hut ab.

Dienstag, 25. November 2008

Dawn

Über den Hochhäusern der Stadt hatte sich die Sonne gerade eben erhoben. Nun stand sie da im Himmel und strahlte feuerrot. So wie sie das eigentlich jeden Tag gegen fünf Uhr am Morgen tut. Für sie war es ein Mittwoch wie jeder andere.
In den Straßen Mollooloobas herrschte die gewohnte Stille. Außer dem üblichen Gezwitscher der Vögel bei Morgengrauen und der leichten Brise, die vom Meer hereinwehte, war so gut wie nichts los. Nur vor dem McDonalds-Restaurant, das hier 24 Stunden geöffnet hat, saß eine kleine Gruppe betrunkener und sorgte für einigermaßen Lärm. Bei ihnen hatte sich noch nicht herumgesprochen, dass es bereits Mittwoch geworden war.
Eine halbe Stunde zuvor hatte in einem Zimmer des örtlichen Backpackers ein Wecker geläutet. Nicht aus Zufall oder technischem Unvermögen seines Besitzers. Nein, dies war aus purer Absicht geschehen. Der Wecker war gestellt worden um zwei Bewohner dieses Zimmers zu wecken. Sie erhörten den Weckruf, rieben sich den Schlaf aus den Augen und machten sich auf den Weg.
Auf den ersten Blick hatten die beiden nicht viel gemein, außer dass sie beide ein Surfbrett durch die Straßen schleppten und sie die Hoffnung vereinte zu dieser frühen Stunde ein paar ordentliche Wellen zu finden. Auf diesen Weg mussten sie über zerbrochenes Glas steigen und Erbrochenem ausweichen, das die Nacht auf den Gehwegen der Stadt angesammelt hatte. Es wurde hier viel getrunken.
Der Kanadier wusste, wo die Wellen am günstigsten für sie brechen würden. So ungefähr halt. Allerdings wusste auch nur er, dass es ein weiter Weg sein würde. Ihr Ziel sollte Strand von Morychyda sein. Er hatte in den wenigen Tagen, die er hier erst verbracht hatte, gleich ein australisches Mädel kennen gelernt, die eine besondere Leidenschaft für das Wellenreiten besaß. Für Liebe war es noch zu früh, nicht nur an diesem Mittwoch, sondern generell zwischen den beiden. Sie kannten sich halt und gingen gemeinsam surfen. Das Mädel tat das sowieso jeden Tag und er war wirklich gewillt surfen zu erlernen. Also, zwischen den beiden ging es wirklich nur um die Liebe zum Meer und zu den Wellen. Zumindest heute. Zumindest zu diesem Zeitpunkt.
Die Backpacker kamen überein, dass es ein großartiger Tag war. Zwar war dieser erst fünfeinhalb Stunden alt, aber ihnen reichte das um ein Urteil zu fällen. Sie wanderten über diverse Strände, kletterten Felsen entlang, immer den Blick auf den Ozean hinaus gerichtet. Auf keinen Fall wollten sie die perfekte Stelle für ihr Unterfangen verpassen. Dabei gab es allerdings ein kleines, wohl eher ein mittelgroßes Problem. Keiner der beiden besaß eine Ahnung, wie diese Perfektion einer Welle überhaupt auszusehen hatte.
Sicherlich, überall türmten sich mehr oder weniger surfbare Wellen auf, aber wie sollten diese blutigen Anfänger, die sie nun mal waren, erkennen, was ihrem Können entsprach. Der Einwurf, die Antwort wäre ein Hallenbad, wurde zwischen ihnen nicht erörtert.
Vielleicht verhält es sich beim Erspähen von guten Wellen wie bei Wein. Somelieres können die feinsten Unterschiede zwischen den diversen Sorten nach einem Schluck benennen und es bleibt einem nichts anderes übrig als zuzustimmen. Dazu benötigt es aber eine gewisse Zeit bis es soweit ist.
Der Kanadier und der Österreicher kannten, wellentechnisch gesprochen, gerade mal den Unterschied zwischen Rot- und Weißwein. Deshalb waren sie froh als nach fast einer Stunde Gehzeit die Australierin die Auswahl für sie traf.
Sie lag damit richtig wie nur was. Das Meer war angenehm warm und die Wellen kamen unregelmäßig, aber dafür umso mächtiger an den Strand gedonnert. So schwangen sich die drei auf ihre Bretter und paddelten in Richtung richtige Stelle. Das heißt, die Australierin zeigte den Weg vor und die beiden Anfänger folgten willig.
Da lagen sie auf ihren Brettern und starrten hinaus auf offene Meer. Der Australierin gelang es, die Wellen die sie für sich aussuchte zu erobern und mit ihnen zu machen was sie wollte. Im Gegenzug veranstaltete das Meer genau das gleiche mit den Backpackern. Doch es schien den beiden ziemlich egal zu sein. Mit einer Wurstigkeit, die fast an Arroganz grenzte, ließen sie sich von den Wellen erschlagen, von den Boards werfen und in den Sand stecken. Im selben Moment standen sie auf, schnappten sich ihre Bretter und paddelten unbeeindruckt wieder hinaus. „Nirgends ist versagen schöner als beim Surfen,“ dachte sich der Österreicher.
So ging dieses Spiel vor sich hin. Nach 90 Minuten wurde es abgepfiffen. Alle hatten sie genug.
Das Meer, die Australierin, die Backpacker. An ihren Gesichtern, beim Meer an der Wasseroberfläche, ließ sich ablesen, dass es ein schöner Tag war.
Zu diesem Zeitpunkt war der Mittwoch erst 8 Stunden alt. Trotzdem reichte es ihnen um dieses endgültige Urteil zu fällen. Es war ein gerechtes Urteil.


Hut ab.

Montag, 24. November 2008

Words

Es gibt Momente, da ist es schwierig die richtigen Worte zu finden. Am liebsten würde man irgendetwas hinausplärren, nur damit was gesagt ist. Ein "Woah" oder ein "Na Bumm" reicht meistens. Es steht sowieso keiner da und sagt auf einen solchen Ausdruck der Überwältigung etwa:
" Geh weiter, das ist schon ein bisschen ganz simpel ausgedrückt! Hättest dich schon ein wenig gewählter ausdrücken können."
"Dafür habe ich nicht zweimal hintereinander ausdrücken verwendet."
"Ist wohl auch unmöglich, wenn man für seinen Satz nur zwei Worte braucht!"
"Das reicht."
"Findest du?"
"Ja, ich denke schon, dass hin und wieder zwei Worte genug sind, um zu beschreiben, was man gerade fühlt."
"Ich nicht."
"Was, ich nicht?"
"Ich denke nicht, dass man mit zwei Worten auszudrücken vermag, was man in einem Moment wahrnimmt."
"Jetzt hast du schon wieder ausdrücken gesagt."
"Ich gewinne den Eindruck, dass dich beeindruckt, wie mein Ausdruck mit dem Wort Ausdrücken an Ausdruck gewinnt."
"Genial, aber du gewinnst auch immer beim Gewinnen, nicht wahr?"
"Es reicht."
"Was denn?"
"Alles!"
"Wieso?"
"So halt."
"Verstehe ich nicht. Was reicht dir?"
"Mir reicht gar nichts, denn ich habe nichts erreicht."
"Ich werde aus dir nicht schlauer."
"Ich doch auch nicht."
"Dann sind wir wenigstens schon zu zweit."
"Wie das?"
"Wir werden beide aus dir nicht schlau. Das meine ich."
"Dabei wäre es so einfach gewesen. Ich hätte ausschlafen können, speziell meinen Rausch von gestern. Aber nein, um sieben Uhr rufen sie mich an und fragen, ob ich mit fahren mag. Schnorcheln und Fischen. Na sicher, sage ich, wieso nicht."
"Das ist doch wohl nicht das schlechteste."
"Ist es nicht. Dennoch stellt sich mir die Frage, warum ich jetzt dastehe und dir erklären muss, dass "Na Bumm" kein adäquater Ausdruck für eine eben durchlebte Emotion ist."
"Ich will ja nichts sagen...."
"Aber?"
"Du hast schon wieder Ausdruck verwendet!"
"Schrei nicht so! Das ist ja lächerlich. Ich kann mich ausd...., ich kann reden wie ich will. Du hast kein Recht, dich darüber aufzuregen."
"Dafür hast du das Recht, mich für mein Na Bumm zu kritisieren."
"Du willst es nicht verstehen."
"Darum geht es doch nicht."
"Um was dann?"
"Keine Ahnung, um was geht hier eigentlich?"
"Warte, es geht darum, dass man auf einem kleinen, schnittigen Motorboot, das vor einem unglaublich schönen Riff liegt, nicht "Na Bumm" sagt, wenn einem etwas taugt. Auch dann nicht, wenn man beim Schnorcheln Sachen sieht, die man sich nicht einmal im Traum vorstellen kann."
"Stimmt."
"Doch im Grunde wollte ich dir was sagen. Oder zeigen. Etwas bombastisch schauerlich schönes. Da unter Wasser. Da war eine Schildkröte, die war sicherlich fünf Meter groß. Die hat sich von ein paar Fischen den Panzer reinigen lassen und ich bin einfach über ihnen an der Wasseroberfläche geschwebt und habe minutenlang zu gesehen."
"Verstehe und was wolltest du mir sagen oder zeigen?"
"Da die Schildkröte, schau an wie groß sie ist! Und wie nahe wir an ihr dran sind. Setz deine Taucherbrille auf! Wir schwimmen zu ihr."
"Wo ist sie die Schildkröte? Ich sehe nicht."
"Da ist sie, direkt vor dir. Sie schaut dich an und du hast keinen blassen Schimmer, wie du darauf reagieren sollst."
"Na Bumm!"
"Geh weiter, das ist aber ein bisschen ganz simpel ausgedrückt! Hättest dich schon ein bisschen gewählter ausdrücken können."
"Dafür habe ich....."


Hut ab.

Donnerstag, 20. November 2008

Spread

Schön langsam wird es fad immer über das Wetter zu schreiben. Aber es bleibt das bestimmende Thema in diesen Tagen. Gestern Nacht hat es in Brisbane 108mm Niederschlag pro Quadratmeter gegeben. Innerhalb von wenigen Stunden fiel ein Achtel der Regenmenge des gesamten vergangenen Jahres. Zahlreiche Überschwemmungen, Verkehrsbehinderungen und vor allem viele zerstörte oder arg beschädigte Häuser waren die Folge.
Genug davon. Mir ist durchaus bewusst, dass der Eli ein putziges Baby ist. Er lacht sehr viel, krabbelt durch das Haus ohne Unterlass und schreit beim Niederlegen die Wände nieder. Alles in allem ein Sonnenschein, ein Wonnebrocken, ein kleiner Faymann möchte man fast sagen. Aber die Leute hier kennen den österreichischen Obama nicht. So halten sie Eli bloß für ein liebenswertes Baby, das er unbestritten ist.
Mit mir spielt er auch ganz gerne. Besonders dann, wenn ich wieder einmal ein Nickerchen auf einer der Couchen absolviere. Nach ungefähr fünf Minuten des vor mich Hindösens fühle ich meistens ganz kleine, zarte Fingerspitzen meine Hand abtasten. Meine Arme benützt der Kleine um sich aufzurichten. Danach tauchen die gleichen Fingerspitzen kurze Zeit später in meinem Gesicht auf und beginnen nach den Brillen zu greifen. Denn eines lehnt der Racker kategorisch ab. Kopfbedeckungen. Nicht nur Brillen fallen seiner rigiden Kopfschmuck-Politik zum Opfer, sondern auch Hüte, Kappen und Kopftücher verbietet er sich, dass sie von Erwachsenen getragen werden.
Doch das soll hier gar nicht das Thema sein. Ich sehe großes Unheil über dem Buben hereinbrechen. Wahrlich, ich hätte früher eingreifen sollen, dieser Problematik mehr Aufmerksamkeit schenken. Zu lange habe ich sie unterschätzt, dachte nicht, dass mein Eingreifen bereits jetzt von Nöten sein würde. Nun muss ich mit den Konsequenzen meines Zögerns leben. Und erst der kleine Bub. Ich weiß nicht, ob ich ihm noch in die Augen schauen werde können.
Jetzt werden mir viele mit australischer Kultur und Lebensweise daher kommen. Behaupten, dass das meine Sorge um Eli unbegründet und schlichtweg falsch ist. Von einigen werde ich mir den Vowurf gefallen lassen müssen, ein elitärer Kulturchauvinist zu sein.
Kein Problem, ich stehe dazu. Ich kenne die Wahrheit und die sagt meinem Herzen, dass dieser kleiner Mensch, den ich in der kurzen Zeit hier so lieb gewonnen habe, eine bessere Zukunft verdient hat. Zumindest was seinen kulinarischen Werdegang betrifft.
Ich kann mich noch nicht damit abfinden, dass wirklich zu spät ist. Letzte Woche war er noch weit davon entfernt richtige Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Er wollte auch meistens nicht. Wie es aber mit Babys nun mal so ist, hat sich auch Eli weiterentwickelt und stopft sich nun die meiste Zeit wahllos irgendwelche kleine Essensstückeln in den Mund. Mit seinen 4 bis 7 Zähnen kaut er dann elendslange an diesen Bissen herum um sie dann mit einem der komischsten Gesichtsausdrücken überhaupt hinunterzuschlucken.
Kein Problem, wie gesagt, es gehört eben zum Babysein dazu Fortschritte zu machen. Wo kämen wir denn da hin, wenn ein kleiner Fratz wie Eli plötzlich im 9. Lebensmonat plötzlich sagt:" So, das Leben hat mein Vertrauen in puncto sphärisches Sehen verletzt, hier sind zehn Fragen an das Leben. Bis das Leben mir diese Fragen nicht eindeutig beantwortet hat, setze ich mein Wachstum aus!" Derart ungeschickt würde sich kein Baby der Welt verhalten.
Es geht nicht um die Tatsache, dass Eli isst oder wie er isst. Vielmehr gilt meine Sorge dem was.
Brot schnabuliert er nämlich am liebsten. Oder was halt die Australier unter Brot verstehen. Toastbrot. Mit einer ungeheuren Ruhe zieht sich der Kleine Tag für Tag kleine Krümmel rein und lässt sich diese auch herzlich schmecken.
Meistens isst er es pur. Doch vor kurzem haben seine Eltern begonnen auf das Brot einen klebrigen, schwarzen und extrem grauslichen Schlatz zu pappen.
Sie nennen das Vegemite. Ich hingegen versuchte kulinarische Körperverletzung. Wer jemals versucht hat einen Suppenwürfel ohne alles zu essen, hat eine wage Vorstellung davon, was sich hier herunten die Leute in aller Herrgottsfrüh hineinziehen. Zum Davonrennen.
Und Eli bekommt das jetzt das regelmäßig serviert. Es scheint ihm zu schmecken. Vegemite! Wie kann er nur? Verräter!
Ich hätte ihm gerne die Vorzüge unsere Küche näher bringen wollen, nun aber lutscht der kleine Bub an diesem rein pflanzlichen Folterinstrument herum.
Eli ist leider auch ein Schuster geworden, der freiwillig bei seinen Leisten bleibt.
Irgendwann wird er bemerken, dass sein Magen mehr drauf hätte als dieses Gewirr an grausamen Geschmäckern zu verdauen.
Doch dann wird es zu spät sein. Und er zum Australier verdammt sein. Alles nur wegen diesem grauenhaften Brotaufstrich. Ich wünschte, es wäre anders, aber das ist wohl der Preis den man bezahlen muss um auf ewig in diesem Paradies leben zu können.
Auch wenn er es jetzt noch nicht weiß, Eli wird sich das sicher auch irgendwann denken, zwei Scheiben Toast nehmen und das Vegemite drüberschmieren.
Mahlzeit!


Hut ab.

Mittwoch, 19. November 2008

Greens

So kam es, dass ich anstatt den dritten Tag nach einander Löcher in die Luft zu starren, mich plötzlich auf einem Golfplatz wiederfand. Ohne Löcher kommt man aber beim Golfspiel eh auch nicht aus, dachte ich mir. Was allerdings keine Rechtfertigung darstellen sollte weitere Löcher in den Rasen der Anlage zu zaubern, war sich der Greenkeeper nachher sicher. Doch dafür war es schon zu spät. Genauer, 53 gezählte Schläge zu spät.
Der Regen von gestern hatte sich verzogen. Er hatte ganze Arbeit geleistet. Manche sprachen gar von einem Wintereinbruch. Kurze Zeit war ich versucht dies zu glauben, war Cameron doch zum ersten Mal seit er dort wohnte, am Morgen in einer Jogginghose in der Küche gestanden. Shirt trug er zwar keines, aber immerhin lange Hose.
Loch 1: Man nimmt es mit einer Prise Humor, wenn man fünf Minuten vor einem kleinen, weißen Ball steht und diesen in diesem Zeitraum nicht einmal trifft. Sollte man meinen. Das mit dem Humor gilt allerdings nur für die ersten viereinhalb Minuten. Das Gras um das Tee flog in hohen Bogen in die für den Ball vorgesehene Richtung, allein der Ball ruhte in sich.
In sich ruhen, gutes Stichwort. Viel hat nicht mehr gefehlt und ich hätte mir selber beim Schlafen zuschauen können. Der Regen, der in großen Mengen seit Sonntag Abend auf Queensland niedergegangen war, verhinderte zielgerichtete Aktionen außerhalb der eigenen vier Wände. So machte ich mich daran jede Couch auf ihre Liegeeigenschaften zu überprüfen. Sie haben alle bestanden.
Loch 2: Der Rückstand ließ sich nicht mehr aufholen. Besonders der zeitliche. Noch immer hackte ich auf dieses weiße Ungetüm von Ball ein. Erfolglos. Hin und wieder führte der Zufall Schläger und das Spielgerät zusammen und auf Grund dieser Tatsache blieben die Flugbahnen für das menschliche Gehirn unerklärbar.
Eigentlich könnte man es zur Kunstform erklären. Löcher in die Luft starren. In der Küche habe ich drei angelegt. Eines über der Spüle, das kleinste. Die andern zwei habe ich den Raum gelegt und so lange bearbeitet bis sie die gewünschte Form angenommen haben. Ich habe mich mit ihnen unterhalten, sie haben mir beim Schlafen zugesehen, als mir nach fünf Seiten Robert Musil wieder einmal die Augen zugefallen sind. In ihnen lege ich meine Pläne für das letzte Monat meines australischen Daseins. Doch wohin, wenn es die ganze Zeit regnet?
Loch 3: Golf wird beim Putten gewonnen. Eine alte Golferweisheit. Ob sie allerdings der Wahrheit entspricht, ließ sich für mich auch nach dem dritten Loch nicht feststellen. Zum Putten muss man ja bekanntlich aufs Grün gelangen. Sicherlich habe ich das gewusst, aber umsetzen und so, sagen wir: Ein Genügend mit Bauchweh. Irgendwann hatten meine Partner ein Einsehen mit mir und ließen mich den Ball in Richtung Loch werfen. Fünf Versuche später und der Ball, wie soll ich sagen, ja, versenkt.
Ich genüge mir selber im Regen. Pläne für die Zeit nach meiner Rückkehr werden konkreter. Die Zukunft verliert zusehends an Schrecken. Ich kann ja doch was.
Loch 4: Golfen zählt da wohl nicht dazu. Zwar werden die Prügelsequenzen, die den Ball in Richtung- tja, in welche Richtung?- befördern sollten, kürzer. Die Anzahl der benötigten Schläge sinkt dabei noch lange nicht. Zwar brauche ich den Ball nicht mehr zu werfen, aber was es bedeutet Par zu spielen, brauche ich den nächsten Jahren nicht zu planen erleben zu dürfen.
Es geht dahin. Die Zeit fließt dahin, wie das Wasser die Beattie Street hinab. Ein kurzer Blick vor die Haustür beschert mir die Gewissheit. Heute braucht mich da draußen keiner mehr. Und herinnen. Das Wohnzimmer hätte noch Platz für ein bisschen vor sich hinstarren.
Loch 5: Zeig mir einen Zaun, ich jage dir den Ball darüber. Ein Bunker? Nichts wie hinein! Ein Wassergraben, ein großer Strom für mich, ein Rinnsal für die Menschheit. Langsam, aber sicher wird deutlich, dass es so etwas wie Anfängerglück im Golfsport nicht existiert. Tiger Woods, der falsche Hund, bei ihm schaut das immer so leicht aus. Aber der muss ja auch nicht in schwülen Hitze der australischen Vorstädte seine Platzrunden drehen, sondern... Eine Sauerei jedenfalls. Kein Glück, kein gar nichts!
Im Spiegel betrachtet sehe ich aus wie immer. Nichts deutet auf eine Veränderung hin. Und doch, weiß ich inzwischen, dass manches in mir sich entwickelt hat. Ob das gut oder schlecht ist, mag ich nicht beurteilen. Weil ich es noch nicht kann.
Loch 6: Endlich ein Schlag, der sich sehen lassen kann. Hätte ich doch bloß hingeschaut. Trotzdem wird er mir zugesprochen. Es ist auch zu leicht. Man regt sich über alles auf, vergisst dabei das Gehirn zu verwenden und ballert instinktiv den Ball in die Wolken. Wieso und warum das auf einmal klappt, bleibt mir selbstverständlich unerklärlich. Es hindert mich aber nicht meine Arme in die Luft zu reißen und sie erst zur Ausführung des nächsten Schlages wieder herunter zu nehmen. Par gespielt? Sicher. Nicht.
Vielleicht lag es an einem Koffeinmangel, der mich doch in Regen hinaustrieb. Nicht weit, aber bis zum Three Monkeys konnte ich mich gerade noch schleppen. Einen Muffin zum Cappuccino, aber wer sitzt immer diese Deutschen neben mich? Bin ich ein Magnet oder was? Die haben erst Probleme, da mag mir der Kaffee schon gar nicht schmecken.
Loch 7: Auf der Suche nach dem Ball im kniehohen Gras des Nachbargründstücks verliert dieser Sport seinen letzten Reiz. Zwar ergibt sich eine nette Unterhaltung mit dem Ehepaar, welches mir erzählt, dass ich sicher nicht der erste bin, der da in ihrem Vorgarten steht, aber sicherlich der Nüchternste. Na bravo, denke ich mir und betreibe minutenlang Unkrautvernichtung in der Ein-Schläger-Klasse. Die Frau muss vor lauter lachen ins Haus zu ihrem Asthmaspray rennen und ihr Mann, Franc, erzählt derweilen derbe Altherren-Witze über die Gemeinsamkeiten von Golf und Sex. Interessant, aber ich kenne mich bei Golf nicht so aus.
Wenn es in Brisbane regnet, dann freuen sich die Menschen. Das Land leidet seit Jahren an Niederschlagsmangel, da kann ich mich noch ein paar Mal schlafen legen. Außerdem wissen sie, dass es bald wieder heiß wird. Schütten statt schwitzen ist angesagt. Ich liege trocken und fadisiert in der Küche und versuche Augenkontakt mit dem Hund zu vermeiden, der auf einen Spaziergang drängt.
Loch 8: Auf einen feinen Abschlag über 80 Meter folgt ein missglückter Annäherungsschlag aufs Grün über 80 Meter. Blöd nur, dass die gesamte Spielbahn 90 Meter misst. Anders als sonst üblich lasse ich kurz meinen Ärger an die Luft und teste den Rasen auf seine Widerstandsfähigkeit. Einem gezielten Hieb hält er Stand, doch bei jedem darauf folgenden Schlag fliegen die Fetzen. Solange, bis ich merke, dass das keiner auch nur im Ansatz verstehen kann und sie mich entrüstet anstarren. Um es wieder gut zu machen organisiere ich mir einen kleinen Kübel mit Sand und stopfe die neu entstandenen Löcher notdürftig und vergieße dabei einige Tränen des Zorns. Ich verfluche das Spiel und die Menschen, die es erfunden haben. Sadistische Saubande würde ich sie schimpfen, wenn ich sie mal treffen würde.
Ich gehe ins Bett und glaube nicht an eine Veränderung meines Zustandes. Träumen mag ich nicht mehr, weil ich weder die in deutsch noch die in englisch zur Zeit richtig zu deuten vermag. Untertitel könnten da vielleicht helfen. Was weiß ich schon?
Loch 9: Es ist tatsächlich das letzte Loch! Mit meinem fünften Schlag landet der Ball in diesem und kurze Zeit später verschwindet er endgültig in der Balltasche. Dem Platzwart stehen Tränen in den Augen, ich denke mir, er freut sich für mich. Ich danke ihm und da wird er ein wenig komisch. Wahrscheinlich zeigt er nicht gerne öffentlich seine Sympathie für Anfänger. Kann man nichts machen. In jedem Fall folgt nach zwei Stunden sportlichem Hochgenuss der richtige Abschluss. Ein kühles Bier. Es versöhnt für die Qualen am Platz und die Demütigungen während des Spiels.
Das Bier zwingt mich auf die Couch zurück. Eineinhalb Stunden Nachmittagschlaf und endlich weiß ich, warum.
Und es regnet schon wieder. Bravo.

Hut ab.

Sonntag, 16. November 2008

Stormy

Es ist jeden Tag das selbe. Um einen Tag zu beginnen muss man aufstehen. Günstig wäre es auch, davor aufzuwachen. Manchmal ist das Aufwachen was gutes, etwas, das man gerne macht. So von ganzem Herzen, meine ich. Denn oftmals wird man munter, die Sonne lacht, oder sogar ein Mensch lacht einen an. Das kann mitunter noch mehr.
Ich kann mitunter nicht mehr. Zum einen kann ich seit einiger Zeit nicht mehr besonders gut schlafen. Ursache unbekannt. Jeden Tag liegt es an etwas anderem. Am Freitag waren es sicherlich die vielen Biere, die ich mir zuhause mit Melloys Arbeitskollegen reingezogen habe, nur um zwei Uhr früh auf das Hausdach zu klettern und den Mond anzuschauen, die Sterne dazu und die Ruhe über der Stadt zu fühlen. Nicht zu vergessen, das eine oder andere Bier wurde auch dort getrunken.
Am Samstag waren dann offensichtlich drei Stunden ausreichend um den Tag in Angriff zu nehmen. Es wurde ein sehr langer Tag. Inklusive Final-Niederlage für den Non-Athletic FC. Dazu Biere nach dem Spiel, bei einem gemütlichen Picknick im Park und daran anschließend im Valley während eines Gigs im The ZOO.
Aber der Körper ist ein Hund. Anstatt mich komatösen Schlaf zu segnen, täuscht er diesen für drei Stunden nur an um sich nach Ablauf dieser Frist an den Abbau des Alkohols zu machen. Dieser Vorgang ist für einen gesunden Schlaf ungefähr genauso fördernd wie der Nachbar, der sonntags um sieben Uhr am Morgen den Rasen mäht. Eher schwierig, das gut zu finden.
Durch den gestrigen Tag schleppte ich mich übernachtig wie was weiß ich, oder besser gesagt wurde geschleppt. Es war ein sehr heißer, schweißtreibender Tag, der allerdings gegen vier Uhr ein abruptes Ende nahm. Über der Stadt ging eines der heftigsten Gewitter der letzten Jahre nieder. Und hier sind das wirklich keine Wischi-Waschi-Gewitter.
Das Gewitter brachte Zerstörung, aber auch Abkühlung. Auch heute mag man noch nicht vor die Türe gehen. Ich mag nicht. Alleine sitze ich herum.
"I just don't know what to do with myself" dröhnt aus den Boxen im Wohnzimmer, während ich im " Mann ohne Eigenschaften" schmökere. Ja, die Ironie sitzt neben mir und lacht mich seit Stunden aus. Ich sage ihr, sie soll aufhören, aber offensichtlich will sie nicht. Und so laufen die White Stripes in Endlosschleife. Ich wollte eine Liste mit meinen Eigenschaften anfertigen und bin gescheitert.
Der Hund will, dass ich ihn mit nehme auf den Weg ohne Ziel. Ein Begleiter wäre sicher nicht schlecht. Kathy und Cameron werden bald zurückkommen und ich werde schlechte Nachrichten zu übermitteln haben. Wir haben weder Milch noch Brot und Camerons Haus hat einiges vom gestrigen Gewitter abbekommen. Die werden sich freuen.
Vielleicht sollte ich einfach tun. Was? Weiterlesen! Aufwachen! Regierungsverhandlungen abbrechen!
Die Wahrheit ruht für heute. Sie ruht sich aus. Ich mich auch. Morgen soll es noch mehr regnen. Ich glaube, ich muss mal wieder raus.
Oder einfach mehr schlafen. Bier habe ich noch keines getrunken. Das könnte klappen.


Hut ab.

Donnerstag, 13. November 2008

Bowl

Vor mir die Schüssel. Ich weiß, was zu tun ist. Ein Griff und die Cornflakes füllen die Schüssel mit Inhalt. Ich schaue mir das unbeteiligt an, warum auch? Eine Handlung, die so oft getätigt wurde, dass man sie nur noch unterbewusst wahrnimmt.
Man nimmt vieles nur noch wahr. Weil es meistens das gleiche ist. Glaubt man auch deswegen, dass es wahr ist? Ich meine, so richtig und überhaupt die Wahrheit.
Ich fühle mich wie meine Wäsche, die seit Stunden an der Wäscheleine hängt und vom wechselhaften Wetter gehindert wird erfolgreich zu trocknen. Es ist die unbeholfene Komik, mit der mich abgefunden habe leben zu müssen. Deshalb lache ich lieber als dass ich mich aufrege. Es bringt so wie so nichts.
Dabei hätten wir daheim, in meiner Heimat, eine richtige Kultur des Aufregens aufgebaut. Über Jahrhunderte und Jahrzehnte hinweg haben sich Menschen über die Zustände aufgeregt ohne jemals etwas dagegen zu unternehmen. Lieber wurden die in ein Eck gedrängt, die ihren Unmut in konkrete Aktionen umgesetzt haben.
Eine konkrete Aktion zu starten, das war einmal ein Ziel. Von mir. Doch die Zeit verging und Ideen sind in mir verrottet wie die Äste im Eck unseres Gartens in der Beattie Street.
Heute haben wir sie weggeschafft. Auf die Deponie, zu all den anderen abgeschnitten Sträuchern, Ästen, sogar ganze Bäume befanden sich darunter. Neben den alten seit Wochen und Monaten herumliegenden Laub, haben sich noch die Äste dazugesellt, die wir erst gestern abgeschnitten haben. Sie haben der Sonne keinen Platz gelassen, nachhaltig in den Garten zu scheinen und den anderen Auswüchsen der Natur eine Chance auf Wachstum zu bescheren.
So muss es sein. Weg mit dem was einen Schatten auf einen wirft! Wer zu lange damit wartet, der wird irgendwann feststellen, dass gar nichts mehr wachsen kann. Lieber dieser Eingriff in etwas bestehendes und funktionierendes bevor alles andere dadurch zerstört wird.
Auf keinem Fall ist es leicht solche Äste abzuschneiden. Man kennt sie, hat sie wachsen gesehen und sich nie daran gestört. Aber es kommt der Tag und man blickt auf den restlichen Garten und sieht ihn nicht mehr, weil alles von den alt bekannten Ästen in Schatten gehüllt wurde. Dann muss sich der Landschaftspfleger entscheiden. Lieber ein Ende des Schatten als ein Schatten ohne Ende.
Ich fließe dahin. Weg von mir selbst. Wer wird mich finden und sagen wo ich hingehöre? Dem Grunde nach sollte dies ich selber sein. Gedanken lasse ich zu, weil ich überlegen will. Welchen Ast soll ich denn retten?
Denn oftmals gehören diese Äste zu einem fremden Garten. Sie grenzen an einander. Die Wurzeln in beiden Gärten wachsen zusammen und es entstehen auf beiden Seiten die selben Pflanzen. Sie besitzen den selben Ursprung, aber sie nehmen nicht die idente Form oder das idente Aussehen an. Aber man weiß, sie sind gemeinsam entstanden.
Ich verlange neue Ideen. Von mir. Teilweise ist auch mein Garten entrümpelt worden. Ich denke, dass es so sein musste. Der Platz sollte für neue Ideen reichen auch wenn sie wieder so wachsen wie die alten zuvor.
Meine Wäsche ist trocken. Das Wochenende steht an. Bringt es etwas Neues? Keine Ahnung! Leider bin ich kein Landschaftsgärtner. Nur ein schwächlicher Mann mit einer Säge und einer Axt. Hätte ich doch besser im Werkunterricht aufgepasst. Dann wäre der Garten nicht ein Schlachtfeld.
Schatten gibt es schon noch. Manchmal lässt es sich dort gemütlicher ruhen. Es gibt noch viel Schatten in meinem Garten. Da kann man sich schon mal zusammen sitzen. Vielleicht um zu reden.

Hut ab.

Mittwoch, 12. November 2008

Idiotique

Sehr geehrte Damen und Herren vom australischen Kameradschaftsbund!

Es ist normalerweise nicht meine Art eine derartige öffentliche Entschuldigung zu verfassen. Nach wie vor bin ich der Überzeugung, dass ein Gespräch besser geeignet wäre unsere Differenzen aus dem Weg zu räumen. Außerdem entschuldige ich mich grundsätzlich nicht. Aber in Ihrem Fall muss eine Ausnahme möglich sein, denn es ist mir ein sehr wichtiges Anliegen die Beziehungen zwischen unseren Ländern nicht länger zu trüben.
Ich will mich für mein am Dienstag an den Tag gelegtes Verhalten bei Ihnen allen von ganzem Herzen entschuldigen. Es war nicht meine Absicht Sie, und damit eine Generation von Heldinnen und Helden, zu beschämen oder zu beleidigen. Ich bin mir der Verantwortung, die ich als Gast gegenüber diesem Land trage, sehr wohl bewusst und es lag und liegt mir nach wie vor fern, diese zu vernachlässigen.
Deshalb bin ich der Meinung, dass diese Entschuldigung drängt, denn viel Zeit bleibt Ihnen allen nicht mehr. Das soll nicht bedeuten, dass wir oder ich Ihnen Ihren Einsatz für die Freiheit in Europa und auf der Welt jemals vergessen werden. Sie, zusammen mit all den anderen Männern und Frauen in den alliierten Streitkräften, haben dafür gesorgt, dass Demokratie und Freiheit anstatt Diktatur und Massenmord in großen Teilen der Welt verwirklicht wurden und Europa in Frieden zusammenfinden konnte. Dass Australien ebenfalls einen Anteil dazu geleistet hat und dafür einen hohen Preis zu zahlen hatte, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Auch Ihr Land hat zahlreiche junge Frauen und Männer in den schrecklichen Jahren der beiden Weltkriege verloren, Familien wurden zerrissen und großes Potenzial wurde auf den Schlachtfeldern der Welt sinnlos vergeudet.
Schlussendlich blieb dieser Einsatz nicht sinnlos, sondern ermöglichte es, dass Millionen Menschen neue Hoffnung schöpfen konnten und auf den Ruinen der zertrümmerten Städte Europas eine friedvollere, man könnte meinen, bessere Welt erschaffen wurde. Im Namen der Generation, die den Krieg nur noch aus Erzählungen, dem Geschichtsunterricht oder letztklassigen N24-Dokumentationen kennt, sage ich hiermit stellvertretend:
Danke!
Inzwischen weiß ich, dass Sie, die Frauen und Männer des australischen Kameradschaftsbundes, das Andenken an ihre gefallenen Freunde und Familienangehörigen pflegen und für eine breite Öffentlichkeit zugänglich machen. Im Nachhinein habe ich auch gelernt, dass für Sie der 11. November der Tag des Jahres ist, an dem die Erinnerung an die Opfer der Kriege besonders hochgehalten wird. Wie gesagt, dass alles habe ich erst nach den Ereignissen des Dienstags in Erfahrung bringen können.
Selbstverständlich hätte ich mich im Vorhinein über die Bedeutung des 11. Novembers hier in Australien informieren können. Auf diese Weise wäre uns eine Menge Ärger und Hass erspart geblieben. Doch wie ich immer wieder sage: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
Deshalb ist mein Verhalten auch nicht zu rechtfertigen oder zu entschuldigen. Ich kann an dieser Stelle nur versuchen zu erklären, wie es zu diesem Zwischenfall kommen konnte.
Eines müssen Sie nämlich wissen, meine sehr geehrten Damen und Herren, der 11. November hat in unseren Breiten eine höchst widersinnige Bedeutung. Wahrscheinlich liegt der Grund dafür darin, dass wir die Kriege immer verloren haben oder so. Ganz ehrlich, ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen. Feststeht nur, dass am 11. November zur elften Stunde bei uns der Fasching beziehungsweise der Karneval beginnt und damit die "närrische" Zeit. Das wiederum wird zuhause auch gefeiert. Jetzt nicht überall, aber zumindest da und dort werden Krapfen in wehrlose Kinder und Senioren gestopft, Sektflaschen entkorkt und Umzüge veranstaltet. Noch viel ärger geht es in manchen deutschen Städten zu. Aber das hat Sie nicht wirklich zu interessieren.
Allerdings können Sie nun erkennen, warum ich mich am vergangenen Dienstag in ein Kostüm gekleidet habe. Bloß um den kulturellen Austausch zwischen Mitteleuropa und Australien ein wenig zu fördern. Jetzt könnten Sie berechtigter Weise argumentieren, dass die Auswahl meiner Verkleidung etwas zu gewagt gewesen sein könnte.
Ich stimme Ihnen zu. Aber wie schon gesagt, war ich mir der Bedeutung des Tages hier in Australien nicht bewusst. Deshalb ist auch besonders tragisch, dass ich als Verkleidung eine Reminiszenz an meine Geburtsstadt gewählt habe. Nach wie vor bin ich der Meinung, dass diese mir sehr realistisch gelungen ist. Ich muss jedoch anerkennen, dass nicht jeder ein Hitler-Kostüm uneingeschränkt lustig findet. Noch dazu, wenn der Maskierte damit auf einem Soldatenfriedhof auftaucht in der fälschlichen Annahme, es handle sich bei der dort abgehaltenen Veranstaltung um einen Faschingsumzug.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, Humor ist eine Sache, die man nicht hat, wenn man sie definiert. Deshalb habe ich mich am Dienstag wohl zu standhaft gewehrt meine Verkleidung abzulegen und auf die Abhaltung einer Faschingsrede am Soldaten-Denkmal der australischen Streitkräfte zu verzichten. Ich war der Meinung, dass die Anwesenden die satirische Ausführung meiner -zugegeben in deutsch gehaltenen- Ansprache mitbekommen würden. Dass ihnen dies nicht möglich war, ist äußerst schade und verlangt von mir in Zukunft mehr auf mein Publikum einzugehen.
Auf diesem Wege möchte ich mich auch bei dem freundlichen Sicherheitspersonal bedanken, dass mich sehr zuvorkommend aus dem Veranstaltungsgelände geprügelt hat.
Bei Ihnen allen, geschätzte Damen und Herren, möchte ich mich noch einmal aus tiefsten Herzen entschuldigen und versprechen, von weiteren unglücklichen Kostümierungen Abstand zu halten. Ich bin mir jetzt bewusst, dass mein Verhalten als verletzend empfunden wurde und ich mich in Zukunft 150 Meter von jeglichen Soldatendenkmälern Australiens fernhalten muss.
Ein geringer Preis, den ich bereit bin zu bezahlen, damit Sie mir vergeben können.
In diesem Sinne, vielen Dank, wehret den Anfängen und nichts für ungut!

Hochachtungsvoll,

Florian Zillner.

P.s.: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Ich fand mich nämlich ziemlich gut.


Hut ab.

Dienstag, 11. November 2008

Falling

Die Sonne war gerade dabei sich über Toowong zu senken. Bevor sie aber ganz verschwand, inszenierte sie einen Untergang, der seines gleichen lange wird suchen müssen. Auf dem Fluss zogen Ruderboote vorbei und von Süden wehte ein angenehmer Wind. Auch die in den verschiedensten Farben blühenden Bäume am Ufer trugen ihren Anteil zum furiosen Dämmerungsszenario an diesem Tag in Brisbane bei.
Doch Toby interessierte das alles nicht wirklich. Er war zwar körperlich anwesend, in Wirklichkeit drehten sich seine Gedanken um etwas anderes. Besser gesagt, jemand anderen. Er dachte an Kitty.
Sie hatten sich auf einem Fußballplatz kennen gelernt. Man kann zur Romantik an diesem Ort stehen wie man will, allein es spielte für Toby keine Rolle. Genau so wenig wie es das für Kitty tat. Sie nannten es Schicksal, damit war die Sache erledigt. Ihnen war klar, dass sie nicht über ihre Wege bestimmen konnten.
Also, das mit dem Fußballplatz war für beide nicht wichtig. Es hätte überall und nirgends stattfinden können, ihre erste Begegnung. Wann das gewesen war, hatten beide schon vergessen.
Liebe auf den ersten Blick war es keine. Natürlich hatten sie einander wahrgenommen, waren sie doch die beiden einzigen Vertreter ihrer Art. Sie bekundeten Interesse an einander ohne zu wissen, was sie von ihrem Gegenüber erwarten konnten.
Toby war ein kleines, etwas älteres Männchen, welches trotz seines fortgeschrittenen Alters noch immer voller Energie zu stecken schien. Kitty passte eigentlich nicht zu ihm. Sie, die schlanke, großgewachsene Schwarzhaarige mit den langen Beinen war beinahe doppelt so groß wie Toby.
Dennoch war sie genau so neugierig wie er. Liebe auf den ersten Blick? Nein, das war es nicht. Mehr ein erstes Beschnuppern. Schnell bemerkten sie, dass sie sich nicht verachteten. Sie empfanden etwas für einander. Sie tollten herum bis die Zeit gekommen war sich zu verabschieden.
Es sollten einige Tage vergehen bis sie sich wieder begegneten. Toby dachte oft an Kitty. Sie dachte auch viel an sich. Und selbstverständlich an den kleinen verschrobenen Alten.
So trafen sie eine Woche später erneut zusammen. Sie erkannten sich von weitem. Stürmten auf einander zu, hielten einen Meter vor einer möglichen Kollision an und schauten sich tief in die Augen.
"Du also?"
"Ja, ich bin es."
"Schön dich zu sehen."
"Gleichfalls. Was geht?"
"Nicht viel. Bei dir?"
"Deinen Small-Talk kannst du dir sparen. Weißt du eigentlich noch wer ich bin?"
"Sicher, wie könnte ich dich jemals vergessen?"
"Indem du nicht mehr an mich denkst."
"Auch wieder wahr. Aber nein, ich habe immerzu an dich gedacht."
Toby war ein Charmeur. Einer, dem man nicht so einfach widerstehen konnte. Kitty jedenfalls verlor sich gerade zu in den dunklen Augen, die sie von unten aus ansahen. Sie mochte keine unterwürfigen Typen, sie wollte einen mit Tiefe. Eine solche Tiefe schien ihr aus diesem Augenpaar entgegen zu leuchten. Sie tauchte darin ein, versuchte Gedanken zu erhaschen, Gedanken, die nur an sie gerichtet waren. Sie mochte ihn tatsächlich.
In Toby regte sich auch etwas. Aber nicht nur bloße Lust, sondern mehr. Zuneigung, Vertrauen und noch mehr Lust. In seinem Alter war er nicht mehr auf jedes sich bietende Abenteuer angewiesen. Er wollte wählen und sein Herz hatte Kitty auserwählt. Er mochte sie tatsächlich.
Jetzt ist es mit der Romantik auf Fußballplätzen an sich so eine Sache. Die einen sagen, es gibt sie. Andere wiederum bezweifeln das sehr heftig. Sei's drum. So sehr ich es den beiden vergönnt hätte sich noch näher zu kommen, ich musste einschreiten. Toby wollte nämlich mehr als Kitty. Das fand ich unfair und holte Toby zu mir. Er schien nicht ganz zu begreifen, was ich wollte. Mit enormer Kraft versuchte er sich von mir loszureißen. Aber es war zu spät.
Die Leine hatte ich schon angelegt und so zog ich einen widerspenstigen Köter von seiner Gespielin weg. Es waren auch Kinder am Sportplatz. Wo kommen wir denn da hin?
Toby hat das mitgenommen, dass ich ihn mitnahm. Und so blickt er nervös um sich und hofft Kitty bald wieder zu sehen.
Hunde haben eben keine Ahnung.

Hut ab.

Montag, 10. November 2008

Headlines

Da liegst du. Du liegst einfach da als hättest du auf mich gewartet. Dabei haben wir nicht einmal ausgemacht, dass wir uns treffen. Ich meine, selbstverständlich hätte ich in diesen Tagen einen Blick auf dich werfen wollen, aber dass das gerade heute der Fall sein würde, davon konntest du nicht ausgehen. Kann ich dich an meinen Tisch mitnehmen und Zeit mit dir verbringen?
Haben dich heute schon viele an ihren Tische gehabt? Du siehst so aus als ob. Was ich damit meine? Nun, halt nicht mehr ganz so frisch. Wie du sonst am Morgen ausgesehen haben musst. Schau her, sei jetzt bitte nicht beleidigt, ich mein ja nur, dass du morgens besser, sagen wir, strukturierter ausgesehen hast. Nicht so in deine Einzelteile zerrissen wie im Moment. Ich weiß, dass man diesen Zustand mit ein paar Handgriffen wieder herstellen kann. Und ja, mir ist durchaus bewusst, dass du mir nicht exklusiv gehörst. Es ist nur so, dass du mir in deinem Urzustand am besten gefällst.
Ich mag es halt nur nicht, wie dich manche hier behandeln. Was das heißen soll? Na, schau dich doch an. Voller Falten und völlig falsch geordnet liegst du in Einzelteilen vor mir.
Na sicher rege ich mich auf. Was denn sonst? Sicher, du hast keine Wahl, kannst dir die Leute nicht aussuchen. Das verlange ich gar nicht von dir. Dich trifft keine Schuld daran, dass ich mit deinem Erscheinungsbild nicht einverstanden bist.
Ich weiß eigentlich gar nicht, warum mir dein Aussehen überhaupt so wichtig ist. Wir kennen uns doch gar nicht lang. Natürlich gab es vor dir andere. Du bist diesen sehr ähnlich. Zumindest habt ihr äußerlich viel gemeinsam. Deswegen bin ich bei unserer ersten Begegnung auf dich zugegangen. Du hast vertraut ausgeschaut. Als würde ich dich schon ewig kennen. Irgendwie war es auch aufregend.
Inzwischen bin ich aber weiter. Ich glaube dich besser zu kennen. Verstehe mich nicht falsch, ich mag dich wie du bist. Keine Frage. Du bist hübsch gemacht, intelligent, interessiert dich für Sport, Politik und Kultur. Genau wie ich. Am Donnerstag gewährst du mir sogar Einblicke in das australische Rechtssystem, das muss ich dir hoch anrechnen.
Dennoch wird da niemals mehr zwischen uns sein. Du weißt, dass ich bald wieder weg sein werde. Wir haben beziehungsweise hatten nie eine Zukunft. Keine gemeinsame. Wenn ich das gewollt hätte, wäre es nicht bei diesen unverfänglichen Treffen im Kaffeehaus geblieben. Dann hätte ich dich schon zu mir nachhause kommen lassen und von oben bis unten, oder besser gesagt, von vorne bis hinten... Ich hätte mich mehr um dich gekümmert als bloß zum Zeitvertreib bei einer Tasse Cappuccino vor mir liegen zu haben. Aber im Grunde wussten wir beide von Anfang an, dass wir nicht für immer und ewig einander gehören.
Du liebst Australien viel zu sehr als dass es Sinn machen würde, dich auch noch in meiner Heimat bei mir zu haben. Natürlich hätte dies seinen Reiz, aber auf die Dauer würde uns das nichts weiterbringen. Belassen wir es deshalb bei dem jetzigen Zustand. Ich komme zwei bis dreimal die Woche hierher und wir verbringen eine gemütliche Stunde zusammen. Nur wir zwei.
Denn, ich will ganz ehrlich sein, wenn du bei mir bist, brauche ich niemand anderen um mich herum. Du bist mehr als genug. Natürlich stöbere ich auch in den Alternativen herum, doch die können dir nicht annähernd das Wasser reichen. Du bist einzigartig in diesem Land. Gerade deshalb fällt es mir so schwer von dir zu lassen.
Jedoch, irgendwann wird die Stunde kommen und wir werden Abschied nehmen müssen. Ich glaube kaum, dass es dir schwer fallen wird. Du hast jetzt doch auch andere neben mir. Die haben dich sicherlich auch sehr gerne. Aber für mich wirst du immer die eine bleiben, die ich meinen Tagen von Brisbane gefunden habe und so herzlichst zu schätzen gelernt habe.
Auch ich werde weiter gehen. Gewiss, es wird auch andere geben. Mit manchen werde ich mehr zu tun haben, andere nur gelegentlich in die Hand nehmen, aber bitte glaube mir, ich werde dich nicht vergessen. Du wirst immer ein Teil meiner Reise sein und egal was die anderen behaupten, ich werde deine Meinung anhören und akzeptieren.
Du, meine Tasse ist fast leer. Ich werde dann mal wieder gehen. Komm in meine Arme, ich will dich ordnen. Begleite mich nach vorne. Ich werde dich dort ablegen, wo ich dich gefunden habe. Jetzt siehst du wieder besser aus.
Eines will ich dir noch schnell sagen: Wenn ich dich anblicke, sehe ich die Welt vor mir. So wie sie ist.
Schön, wenn man das von einer Zeitung behaupten kann.

Hut ab.

Donnerstag, 6. November 2008

Reasons

Als er am Morgen des Tages, der auf jenen Tag folgte, der die Welt verändert hatte, aufwachte war er unzufrieden. Einfach so, ohne Begründung. Doch er spürte es mehr als deutlich. Nichts passte. Sein Bett fand er schrecklich ungemütlich, sodass er viel zu früh aus dem Schlaf gerissen wurde. Außerdem war es ihm bereits um die frühe Uhrzeit viel zu heiß.
Nachdem die Hitze gerade mal für einen Tag eine Pause eingelegt hatte, fand sie wieder zu alter Form zurück. Und wie! In dem Moment als er sich von seinem Lager erhob schlug sein Kopf gegen ein Wand aus drückender Schwüle und sonnengetränkter Wärme. Alles in allem verstärkte es nur noch den Zustand in dem er sich sowieso schon befand. Er verschaffte sich kurz einen Überblick in seinem Zimmer. Er fand sich selber grauslich. Wie konnte er sich nur so gehen lassen? Überall Spuren von überbordenden Bierkonsum und unpräzisen Nahrungsaufnahmen, die an seiner Kleidung hafteten. Eigentlich wollte er gar nichts anziehen, aber er war auch mit seinem körperlichen Zustand äußerst unzufrieden, sodass er es vorzog ein Shirt voll zu schwitzen anstatt mit nacktem Oberkörper zu frühstücken.
Irgendwie vermochte auch dies ihm an diesem Tage nicht zu genügen. Er fand allerdings keine Erklärung warum. Diese Unzufriedenheit hatte seine Gedankengänge umzingelt und wartete darauf jede neu ankommende Überlegung mit ihrem Gift zu infizieren. Deswegen schmeckten ihm seine Cornflakes auch nicht.
Um sich nicht noch mehr Vorwürfe an Kopf schleudern zu müssen, beschloss er seinen Gedanken eine Pause zu gönnen. Was sollte er mit sich selbst anfangen, fragte er sich. Und wieder war er unzufrieden, weil er sich verboten hatte solche komplexe Fragestellungen zu erörtern.
Nach zwei Stunden intensivem vor sich hin grantelns machte er sich auf den Weg. Er selbst hatte keine Ahnung wohin er gehen sollte, aber dieser Umstand verursachte wiederum bloß mehr Ärger in ihm, sodass er sich vorgaukelte in die Stadt zu wollen. Doch an diesem Tag half dieses Vorgehen auch nicht, denn er begann sich darüber aufzuregen, dass er sich selbst versuchte aufs Kreuz zu legen, gedankentechnisch gesehen.
Wie er so seines Weges ging, begann er wieder die Hitze zu verfluchen. Sie war nämlich nicht zu unterschätzen. Er fühlte, wie sich überall an seinem Körper Schweißperlen bildeten, die sich, wie für jedermann und frau auf seinem Shirt gut sichtbar, zu kleinen Rinnsalen und größeren Seen zusammenschlossen. Es blieb nichts anderes übrig als diese Schmach der öffentlichen Schweißflecken über sich ergehen zu lassen. Was nur seinen Ärger auf Gott, die Welt und sich selbst bestärkte. Die heilige Dreifaltigkeit der Unzufriedenheit, dachte er sich. "Amen!" sagte er laut und für einen Moment blitzte in ihm ein Gefühl von Freude auf. Es blieb bei einem kurzen Aufblitzen.
Er hatte die Innenstadt erreicht mit ihren zahlreichen Kaufhäusern, Menschen in feiner Kleidung und der kleinen Horde Punks, die auf dem Boden lungerten und "Fuck" in die Luft zu starren schienen. "Punks sind die Leute, die doch viel zufrieden sind unzufrieden zu sein, dass sie schon fast als ein fröhlicher Haufen Arschlöcher durchgehen könnten", dachte er sich. "Und außerdem haben die sowieso alle eine Freundin! Wie kann man da überhaupt noch an der Welt zweifeln, wenn man verliebt ist?"
Froh darüber kein Punk sein zu müssen, sondern eine durchschnittliche Grantscherben mitteleuropäischen Zuschnitts, ärgerte er sich nun darüber, sich beinahe mit Punks verglichen zu haben.
Aber auch bei den "normalen" Menschen wollte er keine Gemeinsamkeiten feststellen. Er versuchte ihnen in die Augen zu blicken, sie zu einem Lächeln animieren, sodass er auch ein unzufriedenes Schmunzeln nachschießen konnte. Nur musste er dazu zuerst freundlich sein und das wollte er wirklich nicht. Ihm fehlte die Einsicht, dass man manchmal den Schritt selber setzen muss, der die gewünschten Ereignisse ins rollen bringt.
In einem der viel zu großen Schaufenster betrachtete er sein Spiegelbild. Es gefiel ihm selbstverständlich nicht. Allerdings wollte er nur zu gerne wissen, warum das so war. Er war zwar in der Lage die Symptome seiner Unzufriedenheit zu benennen und zu beschreiben, aber der Grund dafür versteckte sich hinter einem schwarzen Vorhang in einem dunklen Raum, den er nahe an seinem Herzen vermutete. Kurz um, nicht zu entdecken.
So bezeichnete er die Situation als kafkaesk. Nicht nur, weil er den Klang des Wortes gern hatte. "Irgendwie wäre es cool zu sterben wie Franz Kafka. Vom eigenen Vater erschlagen zu werden, weil man sich in einen Käfer verwandelt. Echt brutal, aber schon wieder genial einzigartig," ließ er seinen Gedanken freien Lauf.
Er blickte durch das Schaufenster, vor dem er nun fünf Minuten gestanden war und plötzlich hatte er die Erklärung für seinen Unmut.
Die Weihnachtsdekoration in dem Kaufhaus machte ihm klar, dass es Anfang November war und er noch immer keine Geschenke besorgt hatte. Das musste der Grund für all die Negativität dieses Tages gewesen sein, befand er.
Und ärgerte sich, dass dies alles wegen eines solch banalen Anlasses geschehen war.
Er drehte sich um, ging nach Hause und hasste sich und den Tag bis zum Schlafengehen. In der Nacht, die auf die letzte Nacht folgte, die an den Tag anschloss, der die Welt verändert hatte, schlief er schlecht.


Hut ab.

Mittwoch, 5. November 2008

Change

Der heutige Tag brachte Regen über Brisbane. Grund genug für mich auf keinen Fall das Haus freiwillig zu verlassen. Und da es mit dem Zwang auch im November schlecht ausschaut bei mir, tat ich das auch nicht. Doch wer glaubt, dass man in den eigenen - oder in meinem Fall geliehenen eigenen- vier Wänden nichts erleben kann, der hat mit Sicherheit recht. Nur heute ausnahmsweise nicht.
Aber richten wir den Fokus lieber auf die Ereignisse des Tages. Gegen Mittag erreichte ich nach langem, zähen Ringen mit mir selbst das Wohnzimmer. Mein Entschluss stand fest. Gegen Regen kämpft man am besten mit fernsehen an.
Es lief entgegen der Regel ein wirklich annehmbarer, guter und spannend inszenierter Science-Fiction-Polit-Thriller aus den USA auf sämtlichen Kanälen. Besser gesagt, auf vier von fünfen. Interessiert und aufmerksam verfolgte ich das Programm bis ich nach zwei Stunden heraus fand, dass es sich um die Wahlberichterstattung zur US-Präsidentenwahl handelte. Ich war schockiert.
Liebe Landsleute, grundsätzlich sind Wahlen in anderen Ländern wie Fußballweltmeisterschaften. Man sucht sich im Vorfeld einen Favoriten, drückt diesem die Daumen, falls dieser doch nicht gewinnen sollte, fällt die Sonne nicht vom Himmel und man ist froh, dass keine Österreicher darin vorkommen. Den schlechten Ruf haben wir so und so schon.
Diesen Vergleich kann ich für die heutige Wahl nicht gelten lassen, denn er stimmt nicht. Viel mehr gibt das Ergebnis, oder besser der Sieg von Barack Obama, Anlass zur Sorge. Liebe Landsleute, es gibt bei dieser Wahl einen großen Verlierer. Nicht John Mc Cain oder Sarah "Miau" Palin. Genau so wenig wie die fundamentalen, weißen Südstaaten-Rassisten, die ab Jänner von einem heimlichen sozialistischen, terroristischen, unpatriotischen Muslim-Neger regiert werden, Mitleid verdient haben. Solche Menschen können einem höchstens Leid tun.
Nein, der Sieg des demokratischen Präsidentschaftskandidaten, der es geschafft hat als Erster Afroamerikaner ins Weiße Haus einzuziehen, trifft wie so oft die mitunter schwächsten unserer Gesellschaft. Die Kinder.
Und ich spreche in diesem Zusammenhang nicht von den amerikanischen Sprösslingen, die leider keine Stimme abgeben konnten. Ich spreche von den Kindern in meiner, in unserer Heimat. Warum? Das soll an dieser Stelle erläutert werden.
Wie so viele Kinder vor und wahrscheinlich nach mir, habe auch ich in meiner aktiven Volkschulzeit im Turnunterricht ein Spiel besonders gerne gespielt. Es hieß: "Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?"
Vor dem schwarzen Mann hat man bei diesem Spiel Angst. Auch wenn man das zunächst nicht zugeben will beziehungsweise nicht darf. Spätestens in dem Augenblick, wo sich der schwarze Mann auf eine ebenfalls los stürmende Horde Kinder stürzt, muss man fürchten von ihm gefangen und selbst zum Schwarzen zu werden. Ziel des Spiels ist also, die Fitness und Lauffreudigkeit von Volkschülern durch eine fiktive, auf rassistischen Motiven beruhende Gefahrensituation zu fördern und zu steigern. Man kann dazu stehen wie man will, aber es hilft Kinder vor der Fettleibigkeit zu schützen.
Doch wie schaut es ab dem heutigen Tag damit aus. Anscheinend hat der schwarze Mann an Schrecken verloren. Ja, man hat ihn sogar zum mächtigsten Mann der Welt gemacht. Selbstverständlich ein Grund zur Freude. Allerdings bleibt eine Frage offen. Werden die Schulkinder in Österreich ihr Verhalten bei dem oben erwähnten Spiel ändern?
Ich fürchte, sie werden und dadurch in die Übergewichtigkeit getrieben. Keiner wird mehr davon laufen wollen, sie alle werden mit Freude mit dem schwarzen Mann kooperieren, gemeinsame Sache machen und spielen wollen.
Es wird so ablaufen:
"Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?"
"Niemand (eigentlich: Niiemaaaaand)!"
"Und wenn er aber kommt?"
"Yes we can, yes we can!"
Ich weiß nicht, ob sich Barack Obama darüber jemals Gedanken gemacht hat. Zu wünschen wäre es ihm, dass nicht. In Wahrheit werden die Kinder nach uns sowieso immer alle dicker, blöder und schiarcher sein als wir es waren. Und wenn sie im Gegensatz zu uns in einer Welt leben, die keine Furcht mehr vor Menschen mit dunkler oder egal welch anderer Hautfarbe kennt, dann sollen sie von mir aus auch alle kleine Moppel werden. Für uns persönlich wird diese Wahl nicht viel verändern. Aber möglicherweise lernen auch wir irgendwas daraus. Because we can.

Hut ab.

Dienstag, 4. November 2008

Horsepower

Blake Shinn überquerte die Ziellinie als Erster. Nur war ihm das zu genau diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Auf den letzten Metern hatte sein ärgster Rivale Corey Brown noch einmal ordentlich Gas gegeben und so kamen die beide zeitgleich ins Ziel. Es musste ein Fotoentscheid her.
Blake spürte aber, dass es gereicht habe musste. Irgendwie schien es zu passen. Über Melbourne strahlte die Sonne. Und für Blake schien sie am heutigen Tage so hell wie noch nie zuvor.
Dabei hatte es Blake nicht immer leicht im Leben. Bereits als kleiner Junge weigerte sich sein Körper auch nur im geringsten Ausmaß zu wachsen. Selbstverständlich gewann er an Körpergröße, aber immer blieb er um mindestens einen Kopf kleiner als seine Altersgenossen. Zumindest im Kindergarten. Danach hat Blake nie wieder einem Gleichaltrigen in die Augen schauen können.
Seine Eltern nahmen dies hin. Sie waren froh, dass Blake für immer auf das Schaukelpferd zu passen schien, das sie ihm zum dritten Geburtstag geschenkt hatten. Selbst als Blake die Pubertät erreicht hatte, konnte er noch problemlos dieses Schaukelpferd zur Vorbereitung auf wichtige Rennen im Esszimmer des elterlichen Hauses nutzen.
Denn als feststand, dass Blake nie eine normale, oder wie er es zu nennen pflegte, ordentliche Größe erreichen würde, wurde er Jockey. Jockey wider Willen. An sich wollte er immer Basketballer werden.
Heute aber war er froh Pferde reiten zu dürfen. Er hat den Melbourne Cup gewonnen. Nun, nicht er, sondern Viewed, sein Pferd.
Für ungefähr zwei Minuten war Blake der Held einer ganzen Nation. Denn wenn am zweiten Dienstag im November in Melbourne Pferderennen abgehalten werden, hält ganz Australien den Atem an. Für genau fünf Minuten. Danach wird der Sieger kurz gefeiert, interviewt, mit einem mickrigen Pokal abgespeist und von den meisten höchstens noch im Unterbewusstsein abgespeichert.
Ansonsten bietet der Melbourne Cup eine willkommene Gelegenheit für alle, die Arbeit für den Nachmittag niederzulegen, gut zu essen und sich bereits kurz nach Mittag die Kante zu geben. Weil es ist ja Melbourne Cup. Im Grunde scheint es egal zu sein, welches Pferd gewinnt, wie der Jockey heißt, der es geritten hat oder sonst was.
Allein für die Dauer des Rennens drehen sich alle kurz von der Bar weg und verfolgen wie ein Haufen fleischgewordener Wendy-Poster im Kreis laufen. Um dem ganzen ein wenig Spannung zu verleihen wetten halt sehr viele auf den Ausgang dieses einen Rennens. Was meistens in die Hose geht.
Blake kann das am heutigen Tag egal sein. Heute ist er der Größte. Aber schon morgen wird er wieder das kleine Zwutschkerl sein, das in der Kinderabteilung sein Gewand kaufen muss und den kein Türsteher der Welt für älter als zwölf Jahre hält. Heute werden sie sich vor seine Füßen werfen um sich nach einer wilden Nacht die Frage zu stellen, ob es überhaupt Schuhe in seiner Größe gibt. Heute muss Blake nicht allein zu Hause von seinem Schaukelpferd aus analysieren, wo er das Rennen verloren hat. Morgen wird das Schaukelpferd wieder sein einziger Freund sein. Heute ist seine Mailbox übergegangen, morgen wird er sich Zeit lassen können mit dem Akku aufladen. Es wird sehr ruhig sein.
Die Welt ist oftmals ungerecht. Blake hat das von klein auf mitbekommen, weil er immer klein war. Er kennt es nicht anders. Aber immerhin hat er den Melbourne Cup gewonnen. Heute. An Morgen sollte Blake lieber nicht denken. Denn an ihn wird morgen nicht mehr gedacht werden.


Hut ab.

Sonntag, 2. November 2008

Maverick

Für eine Richtung muss man sich meistens entscheiden. Anders geht es nicht. Viele sagen, es soll immer nach vorne gehen. Nicht nach rechts oder links, Scheuklappen nichts dagegen. Für mehr als ein Drittel meiner Landsleute scheint hingegen der rechte Weg tatsächlich rechts zu liegen. Und die, die glauben nach links abgebogen zu sein, wandeln oftmals nur an der linken Abbiegespur entlang, bevor sie es mit der Angst zu tun bekommen und wieder in die Mitte schwenken.
Die Wirtschaft bewegt sich im Moment eher rückwärts. Oder sagen wir lieber sie beschleunigt negativ nach vorne. Immerhin nach vorne. Sogar die Amerikaner dürfen sich morgen für eine Richtung entscheiden. Für den klassen, schneidigen und telegenen Senator. Oder Barack Obama.
Das steht wohl alles um sonst da. So wie ich. Aber bei mir verhält es sich dann doch wieder ein wenig anders. Zumindest manchmal. Es ist nach wie vor so, dass ich die meiste Zeit sorglos und ohne Plan durch die Gegend laufe. Außer ich erhalte einen Anruf mit Aufruf. Hin und wieder darf ich mich ins Valley stellen und eine Band anschauen beziehungsweise anhören. Umsonst. Wie so vieles! Zuerst stehe ich auf der Gästeliste, danach vor der Bühne und später vor dem Club.
Warum? Na ja, die Konzerte sind meistens vorbei. Die Leute wollen mehr. Mehr Konzerte, mehr Bands, mehr Bier. Bei mir erhalten sie zwar nichts dergleichen, aber einen Zettel, der ihnen mehr Konzerte und mehr Bands anbietet. Das Bier kriegen sie in den Pubs um die Ecke. Nicht bei mir.
Im Garten leuchten die Lichterketten in die Nacht. Eine leichte Brise weht und das ganze schaut noch besser aus. Ist der Obama Barack ein Muslim?
Was ist mit Morgen? Wer weiß das schon. Kann uns ja auch schon wieder Wurscht sein, weil heute war auch okay. Die Lichterketten leuchten.
Ich soll mit dem trinken aufhören, höre ich mich sagen. Zu mir selbst. Dann lieber ein bisschen Kuchen, oder? Soll man lieber im Rausch sterben als nüchtern durch das Leben zu schreiten? Habe ich einen Lebensmenschen?
Wo wollen wir denn alle sein, wenn nicht im Hier und Jetzt?
Dein Lächeln ist heute so schön. Wo war es gestern?
Nennen wir es November. Wahrscheinlich kann man die Depressiven aus Österreich nehmen, aber nicht das Depressive aus dem Österreicher.
Leg dich ein wenig zu mir. Nur ganz kurz. Die Lichterketten leuchten so schön.


Hut ab.

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Exploration

Als Kapitän und Entdecker James Cook am 24. August des Jahres 1770 die Insel östlich des so eben entdeckten Landes ( welches später Australien genannt werden sollte) betrat, war er grantig und hungrig. In seinem Hunger lag der Hauptgrund für seinen Zorn, denn er hatte schlecht gefrühstückt. Was heißt schlecht, eigentlich hatte er noch gar nichts zu essen gehabt. Seinem tollpatschigen österreichischen Schiffsjungen war es doch tatsächlich gelungen den allmorgendlichen Haferschleim in eine ungenießbare Brühe zu verwandeln.
„Dabei,“ dachte sich Kapitän Cook, als er die steilen Klippen hinaufstieg:“ kann man bei Haferschleim so gut wie nichts falsch machen.“ Aber bei seinem Österreicher, der sich irgendwann als Crewmitlgied beworben hatte und angab Koch gelernt zu haben, wunderte den Kapitän nichts mehr. Anstatt sich mit dem Erlernen neuer Rezepte zu beschäftigen oder zumindest hin und wieder an Deck zu gehen um zu sehen wo die Reise hinging, saß der wunderliche Junge vor einem Art Tagebuch und kritzelte irgendwelche Notizen hinein. Noch dazu auf deutsch, was Cook weder in Sprache noch in Schrift beherrschte.
Grundsätzlich galt der Kapitän als ein wirklich toleranter Mann. Diesem Umstand allein hatte es der junge Mitteleuropäer zu verdanken, dass er noch nicht über Bord gegangen war. Außerdem gelang es ihm die gesamte Mannschaft mit lustigen Parodien von europäischen Königen zu manch vorgerückter Stunde zu unterhalten. Was der Kapitän jedoch nicht wusste, auch er war hinter seinem Rücken gelegentlich Ziel der Blödeleien des Schiffsjungen.
Nach zehn Minuten hatte Cook die Anhöhe oberhalb des Strandes erreicht. Vor ihm erstreckte sich die Insel, die sie seit gestern entlang gesegelt waren, gegen Süden und ihm gefiel was er sah. So eine Insel hatte er noch nicht gesehen. Offensichtlich bestand sie einzig aus Sand und nichts anderem. Sie war von dichtem Urwald bewachsen, aber dennoch schien der gesamte Untergrund aus Sand zu bestehen. Strategisch mochte sie zwar nichts hergeben, aber irgendwie überkam den Entdecker der Gedanke, alle fünfe gerade zu lassen und schwimmen zu gehen. Aber im selben Moment wurde ihm klar, dass er als Kapitän seiner Mannschaft eine Vorbildsfunktion zu erfüllen zu hatte und nicht einfach Halli-Galli-Stimmug einreißen lassen durfte.
Die letzten Wochen war er sowie so schon besorgt gewesen über die Moral innerhalb seiner Crew. Zu oft endeten gemütliche Feierabendbiere in feucht fröhliche Saufgelagen, wurde mit den Schiffsmaitressen Unzucht getrieben und manches Mal hatte er zwei einsame Seefahrer an der Reling eng beieinander stehend gefunden. In James Cook stieg die Frage hoch, ob er nicht ein konsequenteres Regiment über seine Mannschaft ausüben sollte. Doch im Grunde war es eine zuverlässige und solidarische Crew, die er da mit sich führte und bis auf den Österreicher waren sie alle wirklich tüchtige und geschickte Seefahrer.
Im Magen des Kapitäns rumorte es. Und in seinen Lenden empfand der alte Seebär ein beunruhigendes Jucken. Hatte er sich bei seiner letzten Unterredungen mit seiner Exklusivmaitresse Matilda etwas eingefangen? In London hatte man ihm noch von einer neuartigen Krankheit berichtet, die hauptsächlich die Geschlechtsteile befiel und später zu einem unbekannten Siechtum und manchmal sogar bis zum Verlust des Verstandes führen konnte. Nichts fürchtete der Kapitän mehr als Geschlechtskrankheiten. Und Weltwirtschaftskrisen.
Natürlich ließ sich der stolze Seefahrer seine Unsicherheiten nicht ankennen. Vor der Mannschaft markierte er immer den harten Hund und gestrengen Lehrmeister, aber in Wirklichkeit verlangte es ihm manches Mal nach einer Umarmung und einen intimen Gespräch. Aber das stand in diesem Moment selbstverständlich nicht zur Debatte. Statt dessen bemerkte der Kapitän, dass alle Augen seiner Mitstreiter auf ihn gerichtet waren. Er schreckte aus seinen Gedanken auf. Er kannte diese Blicke. Immer, wenn sie auf ihrer Entdeckungsreise an Land gingen, war es seine Aufgabe dem Platz einen Namen zugeben. Und zwar einen Namen, der auf Ewigkeit Bestand haben sollte. Eine Bezeichnung, die auch in 230 Jahren die Menschen gebrauchen könnten und ihn nicht durch irgendwelche neumoderne Begriffe austauschen würden.
Diese Tätigkeit war an und für sich nicht besonders schwer. Vor seiner Abreise hatte der König Cook höchstpersönlich eine Liste mit Namen überreichen lassen, die er in jedem Fall zu gebrauchen hatte. Diese Liste hatte nur einen kleinen Fehler. Sie war nur für Orte am Festland ausgelegt, bei Inseln hatte der Kapitän freie Hand. Ein Umstand, der dem Gelegenheitspoeten Cook an sich viel Freude bereitet hatte, denn er liebte es Flecken auf Gottes Erde, die noch kein Mensch vor ihm betreten hatte , mit einem Geschöpf seiner Gedanken zu schmücken.
Allerdings tat er das am liebsten mit vollen Magen. Einen solchen hatte er an diesem Tag jedoch nicht. Deshalb fiel ihm nichts ordentliches ein. Und sein Hunger wurde auch nicht geringer. Etwas hilflos blickte der Kapitän um sich und sah plötzlich seinen österreichischen Diener unbeteiligt auf dem Gras liegend und in seinem Heft schreibend. Dieser Blick brachte das an sich sanfte Gemüt des Kapitäns endgültig zum Überkochen und schrie den Schreiberling an: „Oi, what in heaven’s name are you doing?“ Der Österreicher blickte auf und war ebenso verärgert, hatte er doch geglaubt, dass ihm die Frage nicht vom Kapitän höchst selbst gestellt worden war, sondern von einem anderen Crewmitglied. Deshalb antwortete er auf eine seine eigene patzige Weise und in unmöglichem englisch
„ After what does it then LOOK OUT?“
Der Kapitän war einen Moment einfach nur baff. Sprachlos. Doch plötzlich musste er zu lachen beginnen, so richtig herzhaft lachen, angesichts der Frechheit und der gleichzeitigen Unmöglichkeit der erhaltenen Antwort. James Cook schüttelte sich vor lachen und konnte nicht mehr aufhören. So etwas bescheuertes hatte er schon lange nicht mehr gehört.
Aus diesem Grund heißt seit dem 24. August 1770 der Ort am nördlichsten Punkt von Stradbroke Island „ Point Lookout“, benannt durch James Cook.
Als erster Bürgermeister des Ortes fungierte übrigens ein junger österreichischer Koch. Man hatte ihn allein auf der Insel zurückgelassen.


Hut ab.