Liebe Landsleute !
Der vierte November war anscheinend ein historischer Tag. Ich persönlich muss gestehen, dass mir dieser Umstand nicht unbedingt bewusst war. Aber zwischen bewusst und wissen verläuft eben diese messerscharf gezogene Grenze namens Realität.
Deswegen jetzt für alle Realitätsverweigerer. Hier, wo auch sonst, wird nun an das historische Ereignis, welches sich am vierten November dieses Jahres ereignet hat, erinnert. Erstmalig. Ich wiederhole. Erstmalig gelang es am Abend des vierten November ATV mehr Zuschauer vor dem Fernsehgeräten Österreichs zu verdummen als zur gleichen Zeit dem ORF!
Tatsache. Wie so vieles den Tatsachen entspricht. Verweigert man sich jetzt allerdings der Tatsache, dass das halt so ist und nicht anders, dann würde man als normaler Mensch zu einem Schluss kommen: Was bitte schön geht mich das an ?
Nur Helden denken in anderen Kategorien. Sie fühlen anders. Und mein Gefühl sagt mir, ich solle in diesem Zusammenhang bedenken, was mein Geschichtelehrer einst immer zu mir sagte: „ Lernen Sie Geschichte! Endlich.“ Ein großer Mann, aber kein Held.
Um die historische Tragweite der Geschehnisse des vierten November in einen, der Größe dieses Jahresrückblicks, angemessenen Kontext zu bringen, erlaube ich mir, und nur mir, diese Geschichte vom ersten Weihnachtsfest zu erzählen:
Joshua war Hirte. Ein guter Hirte. Dazu war Joshua Ehemann, Vater und Mann. Aber in erster Linie war Joshua Hirte. Nicht unbedingt aus Leidenschaft, nichtsdestotrotz hatte er diesen Beruf erlernt, übte ihn zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten täglich aus und machte so gut wie nie Probleme. Auch ansonsten war er wohl gelitten unter den Bewohnern vom Bethlehemer Hirtendistrikt. Er war gesellig, ab einem gewissen Alkoholspiegel redselig und einigermaßen stur.
Wie meistens in der Winterzeit brach Joshua an jenem Abend, den er zwar schon, aber die Menschheit niemals vergessen sollte, kurz nach dem Abendbrot von zuhause auf um die Nacht bei seiner Herde oberhalb der Stadt zu verbringen. Er hatte seinen Mantel bereits angelegt. Es war ein wenig kalt in Bethlehem um diese Zeit. Persönlich war dies Joshua eher egal. Vielleicht auch ziemlich egal. Hauptsache, er war dick eingepackt und ein wenig Holz für ein Feuer in der Nacht würde sich schon zusammensuchen lassen.
„Endlich wurrlt es nicht mehr so auf den Straßen“, dachte Joshua bei sich. Seine eiligen Schritte hallten auf dem Lehmboden. Bei einem prüfenden Blick in Richtung seiner Lieblingsgaststätten sah er überall Zeichen der Überfüllung. „Zimmer belegt! Ausgebucht!“, stand auf Holztafeln geschrieben. Joshua wusste die Gründe dafür. Die Römer waren wieder einmal der Meinung gewesen, sie alle zählen zu lassen um bei den Steuern herumtricksen zu können. Logischerweise sollten sie nicht geringer werden.
Joshua war klar, dass viele Menschen nach Bethlehem kommen mussten um sich rechtzeitig eintragen zu lassen. In die Steuerlisten. Sogar eine schwangere Frau hatte er gesehen, die zusammen mit ihrem Mann etwas verwirrt herumgewandelt war. Sie hatte ihn sogar angesprochen und irgendetwas von Niederkunft und Unterkunft dahergefaselt. Aber Joshua hatte nicht darauf reagiert. So wie meistens, wenn ihn irgendwelche Fremde anredeten. Und sei es nur um eine kleine Ankunft gegangen. Fremde Menschen konnte Joshua nicht ausstehen. Besonders die Leute aus Samarien, diese Samariter. Da bekam Joshua schon eine Gänsehaut nur beim dran denken.
Wie er so langsam den steilen Weg hinauf zum Weideplatz stieg und dem klaren Sternenhimmel einen kurzen Blick widmete, fiel ihm die schwangere Frau vorm Vortag wieder ein. Nicht einmal verheiratet schien sie gewesen zu sein. „Eh klar, bei diesem Verfall der jüdischen Sitten!“ Da kannte Joshua nichts. Auch wenn er nicht wirklich oft die Synagogen der Stadt zum Gebet aufsuchte, erlaubte er sich dennoch gelegentlich ein moralisches Urteil über seine Mitmenschen. Außerdem hatte sie in einem wirklich grauslichen Nazarether Dialekt gesprochen, dem der Hirte ohnehin nichts abgewinnen konnte. Nein, er war beruhigt, ihr gegenüber grob gewesen zu sein, weil sie es sich verdient hatten. Auch dem Mann, der bei der Frau dabei gestanden war, vergönnte Joshua nichts. Außer alles Schlechte.
Bei seiner Herde angelangt, setzte sich Joshua auf einen Stein, machte sich geschickt und schnell ein wärmendes Feuer, aß seine mitgebrachte Jause und tat was er immer tat. Schauen. Er schaute auf seine Herde. Mehr brauchte er auch nicht zu tun. Die Herde blieb ruhig in jener Nacht.
Nur von den anderen Feldern hörte er gelegentlich laute Schreie und Jubelgesänge. „Jaja, die jungen Burschen in ihrem Rausch“, dachte sich Joshua. „Zwei Karaffen Wein und schon sehen sie überall den Messias. Drecksbagage!“ Irgendwie befand Joshua zwar, dass die Schreie und Gesänge in dieser Nacht anders klangen als an den meisten anderen Nächten, aber was kümmerte es ihn. Seine Schafe blieben ruhig. Die anderen waren ihm zuwider.
So saß Joshua in jener Nacht vor dem Feuer. Ihm war warm. Es ging ihm gut. Und bald brach der Morgen über der Stadt herein. Joshua freute sich auf ein wenig Schlaf in seinem gemütlichen Bett und auf das feine Essen, das daheim auf ihn wartete.
Kurze Zeit später kam auch schon seine Ablösung den Berg herauf. Wieder einmal es kleine Hirtenjunge, der immer seine Trommel mit sich herumschleppte. Idiot wurde er hinter vorgehaltener Hand von Joshua genannt. Ansonsten sprach er ihn mit „Kleiner Trommeljunge“ an.
„Und, wie geht’s, kleiner Trommeljunge?“
„Wahnsinn, gestern war was los! Ich sag es dir. Du kannst dir nicht vorstellen, was passiert ist! Hier in unserer Stadt.“
„Nein, kann ich nicht. Und will ich auch nicht. Ich geh heim.“
Joshua ließ den Burschen einfach stehen. Es war ihm egal. Er wollte nur noch heim. Die Welt blieb die Scheibe, die sie immer sein würde. Dieser Idiot mit seinem Fanatismus ödete Joshua nur an. Hauptsache, zuhause wartete sein Frühstück auf ihn. Das zählte für Joshua.
Auch an jenem Tag.
Frohe Weihnachten! Merry Christmas to everyone!
Hut ab.