Als Miriam Weichselbraun am heutigen Tage auf der Straße ihre Handtasche fallen ließ, war ihr das zunächst egal. Sie dachte sich nichts dabei. Kann man eh aufheben, keine große Geschichte, gesehen hats auch keiner. Quasi.
Glück hatte sie auch noch gehabt. Denn nur einen halben Meter weiter, hätte ein Hundstrümmerl nur darauf gewartet, dieses überteuerte -aber dennoch hässliche- Echtlederfabrikat in Empfang zu nehmen. So aber ging die Geschichte sowohl für die Miriam als auch für das Trümmerl glimpflich aus.
Während die Weichselbraun, die bei dieser Szene auf den Gebrauch ihrer doch sehr strapazierten Stimme verzichtete, weiter stampfte, verharrte das Hundstrümmerl auf dem Gehsteig.
"Gott sei Dank ist es heute nicht so kalt. Da liegt es sich gleich viel bequemer! Jetzt bleibe ich noch ein Zeiterl hier und warte auf jemanden, dem ich zu Fleiß am Schuh picken werde," dachte sich das Darmprodukt eines goldenen Retriever. Dazu muss gesagt werden, dass an und für sich die Hundstrümmerl von Golden Retrievern sehr gutmütige Bröckerl sind. Also nichts mit Gehässigkeit oder Schadenfreude am Hut. Doch in dem heutigen Fall war es dann schon so, dass sich Raimund (bei Hundstrümmerl erfolgt die Namensgebung täglich nach dem Alphabet. Erster Name wäre somit Alex, dann Bruno, Carlo, usw.) ein bisschen anders verhielt.
Raimund fühlte sich nicht wohl. Er konnte und wollte seine Rolle als Ausscheidungsprodukt nicht hinnehmen. Einst -am Beginn des Dickdarms- hatte er noch Pläne geschmiedet, wollte ganz groß rauskommen. Er tat alles dafür. Sog auf was daher kam. Netzwerkte mit Kollegen und Kolleginnen, die sich mit ihm zusammentaten und das Projekt "Wunderwürschtel" mit einer Vehemenz vorantrieben, dass es eine Freude war, allein dabei zu sein.
Gemeinsam zogen sie durch die Gedärme ihres Wirten, getrieben von dem Ehrgeiz, der Welt zu zeigen, dass nicht alles, was nach Scheiße aussieht gleichzeitig Scheiße sein muss.
Und plötzlich war da ein Licht und Raimund folgte dem Licht und wollte in das Licht. Als er es erreicht hatte, klatschte er einen Augenblick später auf den Fleck, an dem er sich nun befand. Aus der Traum!
Zurück auf den Boden der Realität wuchs in Raimund zunächst die Enttäuschung. War er einer falschen Vorstellung verfallen gewesen? Wollte er zu viel? Hätte er sich es auch leichter machen können?
Aber Antworten gab es für das Trümmerl nicht. Nichts dergleichen. Nur die Hoffung darauf, dass er seine Wut und Enttäuschung über seine eigenen Fehler jemand anderem heimzahlen könne.
Jetzt tun sich Hundstrümmerl leichter, wenn sie sich an jemand rächen wollen. Leichter als so mancher Mensch halt. Und so kam es, dass Raimund sich an den Schuh vom Zsak Manfred heftete und ihm somit die vergeigte EM-Quali heimzahlte. Zusätzlich auch ein wenig seinen nicht vorhandenen Respekt bezüglich der Teamchef-Assistenten-Bestellung übermittelte.
Siehe da, der Zsak Manfred hat sich auch tatsächlich geärgert. Furchtbar aufgeregt hat er sich. Seine neue Schuhe waren besudelt, fand er zumindest.
Raimund aber lag weit verstreut auf den Gehsteigen Wiens. Er lächelte.
Hut ab.
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vor 4 Jahren
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