Die Stadt hat sich verändert. Ich erkenne hier nichts wieder. Mir ist schon klar, dass so etwas gerne gesagt wird, wenn jemand glaubt besonders tiefsinnig über seine Gefühle reden zu müssen. „Ich erkenn hier nichts wieder, weil, weil die Menschen plötzlich so anders dreinschauen und der Himmel leuchtet in total krassen Farben und so. Ich fühle die Vibrationen der Lebewesen ganz deutlich. Die Häuser, sie sprechen zu mir“, sagen solche Leute dann. Hippie-Schauer!
Mein Problem ist tatsächlich der Umstand, dass ich den Ort nicht kenne. Dabei war ich der Meinung Brisbane inzwischen gut zu überblicken. Sicherlich, die Außenbezirke sind spanische Dörfer verblieben, aber ansonsten innenstadtmäßig, hielt ich mich für einiger Maßen sattelfest.
Und jetzt das! Seit Stunden irre ich umher. Bin verloren zwischen gewaltigen Wolkenkratzern. Die Schluchten, die sich zwischen ihnen auftun, durchschreite ich hilflos und meine Augen wandern stetig auf der Suche nach einem Anhaltspunkt umher. Es ist zum Verzweifeln. Ich kenne mich nicht mehr aus.
Ganz ruhig! Durchatmen! Normalerweise gibt es für alles immer eine Erklärung. Doch mein Gefühl sagt mir, dass da was nicht stimmt. Stimmen kann. Also, träumen tue ich nicht. Ein freundlicher, mit Steroiden vollgepumpter Mann war so hilfsbereit und hat mir ordentlich eine paniert um das herauszufinden. Eigentlich wollte er wissen, ob ich nach einem brachialen Fausthieb sein Aussehen noch immer lächerlich finde. Ja schon, aber ich werde wohl in Zukunft Abstand davon nehmen ihm das ins Gesicht zu sagen.
Egal. So weiß ich wenigstens, dass die Antwort auf meine Orientierungslosigkeit in der Realität zu suchen ist. Am geschicktesten wäre es wohl die Orte aufzusuchen, von denen aus ich die Beattie Street im Schlaf oder Rausch problemlos finde. In meiner Heimat wäre das besonders leicht. Kirche, Raika, Kirchenwirt. Allerdings gibt es kein Churchpub in Brisbane.
Deshalb Plan B. Offenbar befinde ich mich ganz nahe am Wasser, sprich dem Fluss. Gut so. Von dort finde ich immer heim. Nichts wie hin! Und ja, da ist Wasser. Aber es scheint irgendwie kein Fluss zu sein, sondern mehr eine meeresartige Bucht. Komisch. Es schaut echt schön aus, die Anlage mit Geschäften, Bars und anderen Vergnügungslokalitäten, aber wie um alles in der Welt bin ich daran bis jetzt vorbeigelaufen. Gibt’s ja nicht. Langsam aber sicher beginne ich an mir selbst zu zweifeln.
Und diese Zweifel werden nicht unbedingt kleiner, nachdem ich beim Weitersuchen plötzlich eine riesige Brücke entdecke, die quer über den Hafen gespannt ist. Brücke? Hafen? Häh? Keine Ahnung, was das soll. Im Zweifelsfalle sollte man immer weiterrennen. In meinem Fall davon rennen. Ich habe Angst. Ich bin verloren, will nach hause, würde mich einfach auf der Couch verstecken und nie mehr aus dem Haus gehen.
Aber wo ist dieses Haus? Apropos Haus. Jetzt stehe ich gerade vor einem. Es kommt durchaus bekannt vor. Bitte, was soll das sein? Eine Oper? Also mit all diesen muschelartigen Dachelementen könnte man das leicht für einen Fischmarkt oder sonst was halten. Aber Oper? Lächerlich. Allerdings bemerke ich, dass ich wohl der einzige bin, der das komisch findet. Zu Hunderten stehen Europäer davor und lassen sich vor diesem imposanten, aber wirklich sinnlosen Gebäude ablichten. Die Fotos möchte ich sehen.
Werde ich wohl eher nicht. Stattdessen laufe ich weiter. George Street. Ja, so eine gibt es Brisbane, also befinde ich mich auf dem richtigen Weg. Und so stehe ich auch zwangsläufig vor den Three Monkeys. Hurra, ich bin gerettet.
Nicht lange. Denn das Lokal haben sie ausgebaut, auf drei Stockwerke. Anstatt Kaffee servieren sie jetzt Bier. Habe ich da etwa was nicht mitbekommen? Wahrscheinlich, liegt doch meine Aufmerksamkeitspanne jenseits von Gut und Böse. Dafür habe ich meinen Bierkonsum gesteigert und den bedienen die Leute im neuen Three Monkeys ohne mit der Wimper zu zucken. Recht so! Aber nach West End schaut das hier auch nicht wirklich aus.
Drei Biere später hat sich die Situation noch nicht grundlegend verändert. Nur, dass sie mir ein bisschen mehr Wurst ist. Trotzdem würde ich gern als bald nach Hause kommen, wenn das möglich wäre. Dem scheint nicht so zu sein.
Ich will aber nicht mehr weiter trinken. Ich will ein Bett und Schlaf. Das ist doch nicht zu viel verlangt! Die Straßen ergeben weiterhin keinen Sinn und so beende ich den Part des Suchenden und lasse mich verzweifelt, aber auch genauso trotzig auf den Stufen vor der Town Hall nieder. Brisbane, ich erkenn dich nicht wieder. Und diese Weihnachtsbeleuchtung für das Rathaus ist der letzte Dreck. Oder Kitsch. Je nach dem.
Gerade als ich mich damit abzufinden beginne, dass ich den heutigen Filmabend in der Beattie Street verpasst habe, taucht plötzlich aus dem nichts jemand auf. Bei näherem Hinsehen erkenne ich diese Person sogar. Das ist, das ist .... das ist der Karl! Wahnsinn! Eh Karl, wie geht’s? Schön dich zu sehen! Du, hier in Bris....
„Welcome to Sydney!“
Danke, Karl.
Und wo ist jetzt die Beattie Street?
Hut ab.
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vor 4 Jahren
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