Da stand ich nun und musste an Cameron denken. Eigentlich nicht bloß an ihn, sondern an den gestrigen Tag. Einen frühsommerlichen, heißen Tag in Brisbane. Es war einer dieser Tage die eine Überschrift tragen würden, könnte man eine solche in den Himmel schreiben. Ob beim Frühstück oder bei der gemeinsamen Autofahrt, Gesprächen oder abendlichen Filmen. Immer wieder drehte sich alles um die Frage, was wir alle aus den uns vorliegenden Möglichkeiten und Angeboten für unsere Leben herauszuholen im Stande seien.
Und da stand ich nun. Bei Cold Rocks. Der wohl besten Eisdielenkette der Welt. Wie lange ich bereits vor der Theke stand, hatte ich vergessen. Mein Blick wanderte unentwegt zwischen den dort angebotenen Eissorten hin und her. So viele Sorten, alle machten einen mehr oder weniger schmackhaften Eindruck auf mich. Eines hatten sie gemeinsam. Sie verhinderten, dass ich eine Wahl treffen konnte. Je länger ich meine Entscheidung hinauszögerte desto mehr verfinsterte sich der Blick des Kundenbetreuers, der mich gerne bedient hätte.
Links und rechts von mir kamen andere Menschen an die Reihe, blickten kurz auf das Angebot und bestellten. Eine Minute später hielten sie bereits ihr Eis in der Hand und entfernten sich zufrieden. Offensichtlich schmeckte ihnen, was sie für sich ausgesucht hatten. Wie diese Menschen ihr Lieblingseis gefunden hatten, ließ sich für mich nicht feststellen. Jede Kundin oder jeder Kunde schien bereits im Vorhinein zu wissen, was ihr bzw. ihm am besten schmecken würde.
Warum aber, fragte ich mich ständig - umringt von den Schnellentschlossenen, fällt es mir so schwer eine Sorte auszuwählen. Natürlich mag ich Vanille. Das habe ich schon von klein auf gegessen. Außerdem macht man bei Vanille keinen Fehler. Man weiß, was man bekommt. Dies wäre eine Möglichkeit. Aber ich habe schon vor langer Zeit auch andere Sorten Eis für mich entdeckt, die ich genauso gerne esse bzw. bei anderen gekostet habe. All diese Sorten sind einzeln betrachtet verführerisch lecker. Doch wie sie in diesem Moment neben einander vor mir lagen, bereit bestellt, gegessen und genossen zu werden, gelang es mir nicht, mich für eine von ihnen zu entscheiden. Zu sehr überfiel mich die Angst, später draufzukommen, lieber Haselnuss anstatt Cookies&Cream gehabt zu haben. Jede Entscheidung für eine Sorte, wäre eine Entscheidung gegen das restliche Sortiment gewesen. Ich wollte allerdings sicher gehen, die absolut beste Geschmacksrichtung für mich zu finden.
Da stand ich nun. Lange. Meine Lage verbesserte sich in die verkehrte Richtung. Langsam beschlich mich eine Panik. Die Panik nie in der Lage zu sein, ein Eis für mich auszusuchen. Der Eisverkäufer erkannte meine Situatuion, offensichtlich war er das als Cold Rocks-Mitarbeiter gewohnt, vielleicht wurde er bei seiner Einschulung auf solche Kunden wie mich speziell hingewiesen. In jedem Fall bot er mir Kostproben von seinen Eissorten an. Kostproben?
Nun gut, sie waren gratis. Deshalb nahm ich sie entgegen. Im Grunde wusste ich, dass diese freudlich gemeinte Geste des Verkäufers nichts an der meiner Situation ändern würde. Dadurch fand ich legendlich heraus, dass tatsächlich mehrere Sorten für mich in Frage kommen würden.
Ich stand da. Und dachte an Cameron. Er hatte mir von einer Theorie erzählt, wonach zuviele Auswahlmöglichkeiten Menschen unglücklicher machen als wenige Optionen.
Ich musste ihm zustimmen. Dankte Tom, dem Eisverkäufer für seine Geduld und ging ohne Eis nachhause. Das nächste Mal, wenn ich wieder zu Cold Rocks gehe, dann werde ich wissen, welche Sorte ich essen werde.
Verdammt! Mir ist gerade eingefallen, dass man bei Cold Rocks auch noch mindestens zwei zusätzliche Fillings in das Eis mixen lassen kann. Was nun?
Hut ab.
Latest writings are now on substack
vor 4 Jahren
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen