Als ein Mensch, der sich der Wahrheit verschrieben hat, kann ich eines nicht ertragen. Klischees. Klischees? Jawohl, Klischees. Mir kann keiner vorschreiben, wie ich mir irgendetwas vorzustellen habe. Ich habe grundsätzlich keine Vorstellung! Wie kann man Klischees nur einen Funken Vertrauen entgegenbringen? Sie sind so falsch wie Wettervorhersagen. Auch dabei kann mir keiner sagen, was ich zu erwarten habe. Denn wenn ich fühle, dass es regnet, obwohl die Sonne scheint, dann regnet es für mich trotzdem. Ähnlich verhält es sich mit Klischees. Zusammenfassend, Freunde, Klischees und Wetterprognosen rauben uns die Freiheit die Wahrheit zu fühlen. Die Wahrheit wie wir sie wollen!
Ihr habt richtig gemerkt, liebe Heldinnen und Helden, ich bin aufgebracht. Geradezu wütend. Denn ich lebe gerade das totale Klischee. Unverzeihlich das alles.
Heute, Montag, habe ich, zusammen mit Verena und Max, die heimelige Beattie Street und damit Brisbane verlassen, um der Strandwohnung der Smiths in Caloundra einen viertägigen Besuch abzustatten. Grundsätzlich handelt sich bei der Stadt Caloundra um eine Stadt in der Größe und der Bedeutung von Braunau. Aber im Gegensatz zu Braunau liegt Caloundra nicht an der deutschen Grenze, sondern an der Sunshine Coast. Viel schlimmer als dieser Name ist allerdings die Tatsache, dass hier tatsächlich die Sonne scheint und der Pazifische Ozean auch noch direkt vor der Haustür liegt. Dazu trifft das Meer an zahlreichen Sandstränden auf Land, sodass gewisse Menschen mit einer Vorliebe für Surfboards und Menschen mit einer Vorliebe für Menschen auf Surfboards gleichermaßen auf ihre Rechnung kommen.
Selbst bei unserer Ankunft war das ganze Ausmaß des grauenvollen Klischeesbestätigens sofort abzusehen. Vorausgesetzt man hat eine Sonnebrille getragen. Denn wenn ich oben von einer Smithschen Strandwohnung gesprochen habe, so trifft auch diese mitten ins Herz eines jeden Klischees. Von hier aus kann man das Meer nicht nur erahnen, nein, man kann es sowohl hören als auch sehen. Will man aber jetzt nicht sofort an den Strand sprinten, dann bietet das Appartement auf zwei Etagen auch den Luxus, den man sich höchstens erträumen, aber niemals zu erwarten traut. Große Küche, großer Balkon, großer Flachbildschirmfernseher!
Schlussendlich habe ich es doch noch geschafft und mich vom Fernsehgerät gelöst. Wir sind zum Strand. Um dort, aus meiner Sicht, die nächste Enttäuschung zu erleben. Es ist bedauerlich, aber Österreicher können nicht surfen. Zu dieser Erkenntnis kam ich, an ein Bodyboard geklammert, nach einer guten halben Stunde erfolgloser Bemühungen auch nur eine Welle zu erwischen. Erwischt habe ich dann doch noch eine Welle. Oder sie mich. Je nach dem. Zumindest kam es für mich ziemlich unerwartet. Der Welle schien dies eher egal zu sein und brach feuchtfröhlich über mich herein und nahm mich ein wenig mit auf die Reise. Ich durfte viel von ihrem Inneren erleben und trinken und schließlich gab sie mir noch eine große Packung Sand mit auf dem Weg, den sie großzügig auf meine Badehose und mein Surfshirt verteilte.
Zuhause unter der Dusche versuchte ich, mich von diesem Sand zu trennen, was mir auch gelang. Deshalb findet ab nächster Woche die australische Beachvolleyballmeisterschaft der Rettungsschwimmer in dieser Badewanne statt. Alles in allem kann ich jeden verstehen, der froh ist, das hier nicht miterleben zu müssen. Für mich bedeutet es aber noch einige Tage leiden. Und einschmieren. Ich will keinen Sonnenbrand.
Hut ab.
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vor 4 Jahren
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