Grenzen sind da um überschritten zu werden, sag ich immer. Meistens handelt es sich dabei leider um die Grenzen des guten Geschmacks. Oder um die Promillegrenze für alkoholisiertes Radfahren. Aber das alles zählt bereits zu der Vergangenheit eines vorangegangenen Wochenendes, denn heute habe ich tatsächlich eine Grenze erreicht. Und ich bin einfach darüber hinaus.
Byron Bay liegt nämlich bereits in New South Wales und ist trotzdem in zwei Stunden von Brisbane aus zu erreichen. Der Lonely Planet wird wahrscheinlich dieses Städtchen als die Hauptstadt des Wellenreitens bezeichnen. Wahrscheinlich hat er mit dieser Einschätzung recht. Abgesehen von der absolut berauschenden Landschaft, die die an den östlichsten Punkt des australischen Festlands anschließende, Bucht bietet, hält dieser Ort noch zahlreiche andere optische Leckerbisse bereit.
Es ist nicht zum Aushalten! Für jeden der auch nur den kleinsten Ansatz eines Minderwertigkeitskomplex in sich trägt, rate ich hiermit: Haltet Abstand von Byron Bay! Ihr könnt noch sehr auf Eure inneren Werte stolz sein, sie zählen hier nicht. Im Gegenteil.
Hier ist wirklich jeder Mensch schön. Einfach perfekt schön. Sie alle entsprechen dem gängigen Schönheitsideal, das angefangenen von einem natürlich muskulös geformten Körper über eine zum Typ passende Frisur hin zum richtigen Braunton der Haut reicht. Wir reden jetzt nur von den Männern!
Sie hängen an den Stränden ab, surfen die Wellen als wären diese aus Schaumstoff, rauchen Gras als handle es sich dabei um Mentholzigaretten und lieben mit einer Leidenschaft, die Shakespeare zu 50 weiteren Dramen epischer Größe inspirieren würde. Sie machen keine Fehler beim Kopfrechnen, lesen auch portugisische Surfmagazine und kochen wie Jamie Oliver, ohne dabei ständig zu labern. Nein, denn sie können zuhören, haben immer einen guten Ratschlag parat und weinen auch ab zu bei romantischen Filmen, aber sie schämen sich nicht dafür. Den letzten Zahnarztbesuch haben sie in der Hauptschule absolviert, und der Zahnmediziner zog danach nach Litauen, weil er sich bewusst wurde, dass er hier niemals ein Geschäft machen könnte. Sie brauchen keine Kosmetikprodukte um gepflegt herüber zu kommen, nehmen es einem aber nicht Übel, wenn er das tun sollte. Älteren Damen helfen sie immer über die Straße, weil es sich einfach gehört. Sie fluchen nicht und spucken in der Öffentlichkeit nicht aus. Sie grüßen den Bürgermeister genauso freundlich wie den Pfarrer oder den Dorfdeppen. Trinken sie fünf Pints Bier, verhalten sie sich wie selbstverständlich das Rülpsen, man findet das in Byron Bay ziemlich unhöflich. Sie sind nie verkatert, auch wenn sie mal eine Nacht durchgezecht haben. Außerdem stinken sie nie nach Alkohol, nicht einmal wenn sie keine Zeit zum Zähneputzen hatten. Zuhause waschen sie immer ab, ohne dass sie darum gebeten werden müssten. Oftmals überraschen sie ihre Liebsten mit kleinen Geschenken, um ihre Dankbarkeit für jeden Tag des Zusammenseins auszudrücken. Sollte einmal beim Wasser lassen ein Tropfen sein Ziel nicht unmittelbar finden, dann putzen sie gleich die ganze Toilette, nicht aus Scham sondern weil das sowieso nicht allzu lange dauert. An Abenden, wo wieder mal überhaupt nichts Interessantes läuft, schalten sie den Fernseher lieber aus, und nehmen ein gutes Buch zur Hand oder spielen ein Gesellschaftsspiel mit der Nachbarin, die seit dem Tod ihres Gatten ein wenig einsam zu sein scheint. Und hat diese mal keine Zeit oder fühlt sich zu schwach, dann mähen sie ihren Rasen auch gleich mit und gießen die Blumen. Sie diskutieren kirgisische Innenpolitik und kennen das arabische Alphabet. Außerdem achten sie auf die religiösen Gefühle ihrer Mitmenschen und hegen keine Vorurteile gegenüber Einwanderern. Sie ernähren sich gesund, kaufen umweltbewusst ein und trennen den Müll schon zuhause, obwohl sie das nicht müssten. Und sind sie mal schlecht drauf, dann sie sind trotzdem dankbar, dass sie Menschen um sich haben, die ihnen Freude bereiten. Ein Lächeln können sie sich immer abringen.
Aber in erster Linie, schauen die Surfer in Byron Bay verdammt gut aus. Das ist halt so.
Hut ab.
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vor 4 Jahren
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