Als Stammwähler des sicheren und guten Geschmacks fühle ich mich hier in meinem Gastland einem gewissen Intergrationsauftrag unterworfen. Denn ehrlich gesagt, sollte man wenn man in einem Land zu Gast ist, so schnell wie möglich sämtliche heimatlichen Gefühle und Werte ablegen. Es könnte ja der Eindruck entstehen, man sei anders. Deshalb sollen Muslime in Wiener Gemeindebauten keine Hammelspieße braten und ich hier in Australien nicht in Birkenstock-Schlapfen herumlatschen. Dabei war ich immer ein äußerst widerstandsfähiger und aufrechter Verfechter des Birkenstocktragens.
Jetzt könnten natürlich Menschen- nennen wir sie auf Grund ihres guten Aussehens "Gutmenschen"- behaupten, dieser Vergleich sei weit hergeholt. Natürlich ist mir bewusst, dass man Birkenstockschlapfen nicht am Spieß braten kann. Aber darum geht es doch nicht. Ich, als aufrechter und ehrlicher Weltenbürger sehe ein, dass manchen australischen Mitmenschen der Anblick von traditionellem mitteleuropäischen Schuhwerk Angst einflößen könnte. Dies würde zur Folge haben, dass heimatbewusste Kräfte vor einem Bedeutungsverlust des traditionellen Flip-Flops ( australischer Name übrigens: Thongs) warnen müssten. In der Bevölkerung würde es schnell zu schweren Ausschreitungen kommen, Massenproteste müssten organisiert werden und öffentliche Birkenstockverbrennungen wären die Folge.
Minderbemittelte, aber deshalb umso ehrlichere Ex-Paintball-Politikerhohlköpfe könnten die Stimmugen in der Bevölkerung ausnutzen versuchen und mit Sprüchen wie "Ayersrock statt Birkenstock" oder "Lieber Shark-Attack als Schlapfendreck" politisches Kleingeld wechseln.
Zusammengefasst, dass ganze Australien wäre dem Untergang geweit, wenn ich mit meinen geliebten Birkenstocks durch die Straßen von West End latschen würde.
Aber, ich bin kein Trenner. Ich bin ein Zusammenführer. Ein Beibehalter.
Deshalb habe ich meine treuen, wohl eingegangenen Schlapfen erst gar nicht herüber nach down under mit genommen. Vielmehr bestand einer meiner ersten Wege in diesem Land darin ein Surfgeschäft aufzusuchen um dort ein Paar lässiger Thongs zu erwerben. Wie es sich gehört eines der Marke Billabong.
Dennoch bin und bleibe ich Europäer. Da kann man nichts machen. Dies ist eine schmerzvolle Erfahrung, die ich nach dem Kauf dieser Integrationstreter machen musste. Zwar entgehe ich mit meinen neuen Weggefährten der gesonderten Aufmerksamkeit der australischen Öffentlichkeit, aber leider nicht ziemlich schmerzhaften Abschürfungen an meinen Füßen, die sich entlang der Riemen der Thongs gebildet haben. An beiden Füßen bin ich offen und rechts eitert das ganze schon ein bisschen.
Insgesamt keine wirklich befriedigende Situation. Aber ich will hier nicht anecken, will einer von ihnen sein. Nie mehr Hammelbraten! Es bleibt mir nichts anderes übrig als weiterhin in diesen Folterinstrumenten meine Wege zu gehen. Ein regelmässiger Weg ist inzwischen der Besuch des extrem angenehmen Cafés "The Three Monkeys" geworden, wo man günstigen Kaffee in sehr angenehmer Atmosphäre zu sich nehmen kann.
Ich bin willig zu Integration, achte die Werte und Bräuche des Landes und verhalte mich unauffällig. Trotzdem läuft mein Visum in 6 Monaten wieder aus und ich muss hier weg. Was wird dann bleiben? Hoffentlich keine Wundmale an meinen Füßen und die Gewissheit, dass es egal ist, ob man jetzt von Schnitzel, Hammelbraten oder Burgern fett wird.
Man ist was man i(s)st. Nein, besser: Man ist, wer man ist. Immer.
Hut ab.
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vor 4 Jahren
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