Donnerstag, 9. Oktober 2008

Rejected

Jetzt stehe ich da. Allein. An einer Ecke im Nirgendwo. Dieses Nirgendwo ist zwar noch immer ein Teil von West End, aber mir ist dieser nicht bekannt. Regentropfen laufen mir ins Genick. Es regnet tatsächlich wieder einmal. Aber gleich so heftig, das muss wirklich nicht sein. Nun, der Regen könnte einwenden, dass er bis nach Mitternacht gewartet hat mit dem Anfangen und es womöglich mein Fehler sei, wenn ich mich um diese Zeit im Freien herumtreibe.
Ich könnte mit dem Regen eine Diskussion beginnen. Mein Argument würde lauten, dass ich nicht freiwillig hier stehe, sondern dies mein Auftrag für das kolumbianische Familienunternehmen von Mauricio und Miralda ist.
Eigentlich hatte ich nicht mehr damit gerechnet, dass es was wird mit dem Arbeiten fürs Pabloz. Als ich am Nachmittag wie ausgemacht im Lokal auftauchte, saß Mauricio geknickt an einem Tisch und nippte trauig dreinblickend an einem von ihm zubereiteten Kaffee der edelsten Sorte. Aus seiner Heimat. Genau von dort stammte auch seine Ehegattin Miralda. Die hatte neben ihren ins Leere starrenden Gatten Platz genommen, blickte streng um sich und versprühte eine Wärme, die von Klimaerwärmung bislang nicht viel mitbekommen haben konnte. Nämlich gar keine.
Sie übernahm sofort das Kommando im Gespräch. Mauricio nippte resignativ an seinem Bohnengetränk, welches ihm wieder einmal vorzüglich gelungen war, und ließ so wie ich den Schwall an englisch-spanischen Sprachmischmasch über sich ergehen. Nein, das mit schwarz arbeiten sei zu gefährlich, meinte sie, ohne Arbeitserlaubnis kann und will sie mich nicht im Restaurant arbeiten lassen. Es tue ihr zwar leid, aber was soll sie machen, sagte sie und die Sache war vom Tisch.
Ich stand wie angewurzelt vor jenem und suchte nach Worten, die geeignet waren meinen Unmut nicht direkt Ausdruck zu verleihen. Schließlich bedankte ich mich bei den beiden für ihr Angebot und schlich davon. Mauricio versuchte mir noch in die Augen zu blicken, als wollte er sich entschuldigen. Aber für was?
Ein altes kolumbianisches Sprichwort besagt:" Einen Mann kann man erst vertrauen, wenn seine Frau gesprochen hat." Das entsprach der Wahrheit.
Allerdings ist Kolumbien ein nicht an Sinnsprüchen armes Land. In meinem Fall trifft jenes zu, welches da lautet:" Nütze die Unnützen auf dass sie Koks verkaufen!"
Gegen sechs läutete das Telefon in der Beattie Street. Zufälllig ging ich ran und hatte Mauricio am Apparat. Die Nummer kannte er aus einer Email, die ich ihm in der Hoffnung auf Beschäftigung, am gestrigen Tage geschickt hatte. Er fragte, ob ich nicht doch Lust hätte ein wenig Geld zu verdienen. Er hätte da so einen Auftrag am heutigen Abend. Ein dringender Termin, den er leider nicht wahrnehmen könne. Der aber unbedingt eingehalten werden musste, ansonsten wäre das Pabloz in Gefahr. Mauricio erhielt eine positive Antwort. Im Pabloz traf ich so um halb neun ein. Wieder waren keine Gäste anwesend, so wie eigentlich immer. In mir stieg die Frage auf, wie sich dieses Geschäft rechnen konnte.
Die Antwort erhielt zwei Minuten später. Besser gesagt, ich hielt sie in meinen Händen. In mit weißen Pulver (Staubzucker oder Mehl dachte ich bei mir) gefüllten Säckchen bestand meine Aufgabe. Ich sollte sie zu einem Ort bringen und dann an einen anderen Südamerikaner übergeben. Wenn niemand davon erfahren würde, wäre Miralda auch nicht böse. Ein Schauer überkam mich, wollte ich mir sie auf keinen Fall in diesem Zustand vorstellen. Es war so schon schlimm genug.
Meine Päckchen lagerten in meiner Jackentasche. Bislang war keiner aufgetaucht. Bis auf den Regen. Dem hatte ich meine Geschichte erzählt. Er hatte aufmerksam zugehört und mich im Gegenzug naß gemacht. Was nicht störte, meine Sorge galt mehr dem Ort an dem ich mich befand.
Bald muss der Typ auftauchen, von dem Mauricio gesprochen hat. Mir bleibt genügend Zeit. Der Regen hat sich verabschiedet und ist weitergezogen. Noch immer ist es dunkel. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin.

Hut ab.

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