Dienstag, 21. Oktober 2008

Dismount

In Brisbane schneit es nicht. Faktum. Wer jetzt von dieser Erkenntnis nicht unbedingt Herzrasen bekommt, dem soll man nicht böse sein. Es ist auch geographisch leicht erklärbar, von wegen Subtropen und Meereshöhe. Das alles spricht für die Tatsache, dass hier im Südosten Queenslands niemals Schnee fällt. Was wiederum für die Kreativität der Einwohner spricht ist allerdings, dass viele hier trotzdem regelmäßig Schnee zu Gesicht bekommen. Oder ins Gesicht. Besonders gerne tunken die Menschen ihre Nasen in den Schnee am Ufer des Brisbane Rivers, in ihren Autos sitzend und in die Abendsonne starrend.
Aber darum geht es gar nicht. Es geht um Gerechtigkeit. Also, wie bereits gesagt, schneit es Brisbane nicht. Niemals. Auch sinken an diesem Ort die Temperaturen höchstens alle 347 Jahre in einen einstelligen Bereich, sodass so gut wie nie die Gefahr von Frost besteht. Klar, Subtropen, Meereshöhe und Klimaerwärmung.
Als die Stadt sich anschickte die drittgrößte des Landes zu werden, hatten der Bürgermeister und der Gemeindesekretär demnach eines nicht zu beachten. Nämlich die Straßen Brisbanes auch für winterliche Verhältnisse zu rüsten. Selbst die aus Deutschland eingewanderten Gemeinderäte gaben nach drei Wintern auf und legten ihre Forderung nach einem Salzdepot für den Winterdienst ad acta. Nachdem diese politischen Hindernisse aus der Welt geschafft worden waren, begann man also die Vorstädte Brisbanes mit Straßen zu schmücken. Und es wurden viele Straßen angelegt. Um es für die Mitarbeiter der Asphaltierunternehmen einfacher zu machen, wurde erst gar nicht versucht irgendwelche komplizierten Verkehrsführungen oder gar Kurven einzubauen. Derart entstand ein weit gespanntes Netz an Straßen und Wegen, die im rechten Winkel zu einander lagen beziehungsweise noch immer liegen.
Zusammengefasst, die meisten Verkehrsstränge sind kerzengerade. Was an und für sich kein Problem wäre, würde Brisbane in einem ebenen Becken liegen. Das tut es nicht. Völlig überflüssiger Weise erstreckt sich die ganze Stadt über eine Unzahl von Hügeln und Kuppen. Keiner dieser Hügeln ist für sich genommen erwähnenswert hoch. Selten dass einer die halbe Länge des Schmollner Berges erreicht.
Allerdings nehmen die Straßen auch keine Rücksicht auf diese topographischen Anomalien. Hauptsache die Straße läuft gerade dahin. Mit dem Auto kein Problem, denn es besteht niemals Rutschgefahr. Denn in Brisbane schneit es nicht. Oder es gefriert der Regen auf der Straßenoberfläche.
Wenn man aber mit dem Rad unterwegs ist, dann kann das manchmal auch ziemlich nerven. Angenommen man begibt sich auf eine Radtour und erklimmt den höchsten Berg ( wirklich gröbere Erhebung), den Mount Kootha, in der schwülen Vormittagshitze eines Wochentages. An der Spitze angelangt biegt man danach von der Straße ab und absolviert einige interessante Mountainbike Trails. Kurz gesagt, man strampelt sich neunzig Minuten die Seele aus dem Leib. Noch dazu, wenn dein Tourgenosse Paul Melloy heißt und der Rad fährt als haute er sich täglich 22 EPO-Spritzen in die Bauchfalte. Anscheinend geht das ja relativ einfach.
Erreicht man nun völlig erschöpft wieder den Waldesrand des Mount-Kootha-Ressorts und will einfach nur mehr kurz von Chapel Hill heim ins West End gemütlich ausradeln, hat man die Rechnung ohne die Hügeln gemacht, auf denen keine Kapelle steht. Aber über die muss man genauso drüber, ob man nun will, kann oder nicht.
Der Paul hat auch schon ganz geschnauft, was bedeutete, dass ich mich nahe der Bewusstlosigkeit befunden habe. Diese kleinen, lästigen und teilweise extrem giftigen Anstiege raubten mir die letzten Kräfte und ich war mehr als erleichtert als ich in die flache, jawohl da liegt kein Berg dazwischen, Montague Road einbog und den letzten Kilometer vor mir hatte.
Da schlug die Gerechtigkeit zu, wie ein Vorschlaghammer des Glücks. In Brisbane schneit es nicht. Dafür ist es oft sehr heiß. Besonders um die Mittagszeit, wenn die Sonne am höchsten steht. Da flüchten sich die meisten in den Schatten und trinken kalte Getränke. Am besten schmecken dann die Getränke für die man nichts bezahlen muss. Nichts bezahlen muss man in Brisbane für Eiskaffee. Vorausgesetzt man trifft auf die Ice-Breaker-Girls die guten Eiskaffe von Paul's Milk an die hart arbeitenden Menschen der Stadt verteilen und diesen so eine Freude bereiten. Manchmal bekommt aber auch ein verschwitzter, dreckiger und außer Atem geratener Österreicher auf einem Mountainbike eine Flasche Eiskaffee in die Hand gedrückt.
Der trinkt die dann Ratz Fatz aus und glaubt dann weiter an so etwas wie Gerechtigkeit. Gerechtigkeit dafür, dass es Brisbane niemals schneit.

Hut ab.

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