Da sitzen und weg fahren kann jeder. Schwieriger wird es, wenn man sich einen Rucksack umschnallt und für lange Zeit weg fährt. Womöglich noch in ein extrem weit entferntes Land oder man bereist gleich einen ganzen Kontinent. Jedenfalls weit genug um nicht am Wochenende nach hause zurückkehren zu können. Oftmals fährt man nur mit diesem Rucksack in die Ferne. Manchmal bleibt der Rucksack als einziger Freund. Er kann nicht wirklich weg. Ein Rucksack ist ein treuer Begleiter. Obendrein ein teurer.
Backpacker in Byron Bay sitzen auch da und sind schon weg gefahren. Was sie nicht unbedingt zu etwas besonderem macht. Das jemanden zu erklären, der sich einen Rucksack umgeschnallt hat und für lange Zeit weg fährt, kann sich mitunter als schwierig erweisen. Womöglich ist er in ein extrem weit entferntes Land gereist, nennen wir es einfachheitshalber Australien, um sich selbst ein schönes Land zu zeigen. Und da er gelesen hat, dass Byron Bay ein wunderschöner Ort sein soll, mit traumhaften Stränden, netten Menschen und viel Abendunterhaltung, ist er auch hierher gefahren.
Und da sitzt er nun, der Backpacker. Weg fahren mag er nicht. Er könnte auch noch nicht, denn er ist noch ziemlich verkatert. Vom gestrigen Abend, der eigentlich schon um sieben Uhr begonnen hat, als er sich im Bottleshop um die Ecke viel zu teures Bier gekauft hat. Mit dem Italiener mit dem Klischeeakzent, dem Klischeefranzosen und dem Klischeeamerikaner mit der Klischeebaseballkappe hat er sich warm gesoffen, weil nüchtern wollte er seine Aufreißsprüche nicht anbringen. Es sollten viele Schwedinnen in der Stadt sein, hieß es unter Insidern. Willig und blond.
Der Backpacker hat kapiert, worum es offensichtlich geht beim Backpacken. Sex. Seit Tagen hängt ein europäischer Kopulationsduft über der Stadt. Urlaub machen heißt Liebe machen. Eine normale Konversation mit einem Menschen, den man nicht unbedingt gleich auf der Stelle flachlegen will, ist Zeitverschwendung. Wozu hat man sich seit einem halben Jahr Seele aus dem Leib für ein ordentliches Sixpack trainiert, sämtliche Körperhaare herausreißen lassen und sich tagelang in die Sonne gelegt, um den erwünschten Hautkrebsbraunton zu erhalten, wenn man dann nicht zum Zug kommt.
Ob er erfolgreich war auf seiner Suche nach körperlicher Befriedigung, weiß nur der Backpacker. Das Gute hier ist ja, dass jeder Tag beziehungsweise Abend dem nächsten gleicht. Deshalb will der Backpacker heute nur die Langsamkeit seines Bewegungsrhythmus mit der Schnelligkeit seines Zigarettenkonsums koordinieren. Dazu Bier trinken und cool sein.
Am Nebentisch sitzen auch Backpacker und unterhalten sich. Eine Deutsche, eine Schwedin, eine Holländerin, zwei Kanadier und ein Österreicher. Sie kennen sich noch nicht lange und müde sind sie auch. Gestern waren sie gemeinsam aus, haben getrunken und Spass gehabt. Bei ihrer Rückkehr sind dann noch im Innenhof ihrer Unterkunft gesessen und haben Musik gehört und philosophiert. Sie sind alle gerne hier, weil sie gerne neue Leute kennen lernen. Unbekannte, die man nicht allzu lange kennen muss um sich ihnen zu öffnen. Weil es erfreulicherweise überall auf der Welt Menschen gibt, die einfach gemütlich sind.
Deshalb haben sie sich einen Rucksack umgeschnallt und sind in die Welt gereist. Nicht, weil man das mal gemacht haben muss, um wer zu sein, sondern weil sie wer sind, die das für sich machen dürfen. Und so auch anderen Freude bereiten.
Der Rucksack liegt in der Ecke und wir sitzen da. Weit weg von zuhause.
Hut ab.
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vor 4 Jahren
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