Sonntag, 12. Oktober 2008

Mud

An einem Punkt beginnt man sich selbst zu hassen. Davor waren noch andere schuld. Man konnte selbst nichts für die Situation, in der man sich befand. "Wer bin ich denn schon, dass mir alles und jeder etwas zu Fleiß will?", fragt man sich dann. Also schiebt man es auf die andern. Selbst, wenn man nicht die geringste Ahnung hat, wer die anderen sind.
Bevor ich gestern nach circa zweieinhalb Stunden begann mich selbst zu hassen, hatte ich bereits eine Menge Schuldiger ausgemacht, die ich für meine trostlose Lage verantwortlich sah.
Dem Wetter war ich böse, hatte es doch geschafft durch drei Tage voll mit Regen den Kurs des Adventure Races in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Schlamm, unumfahrbare Wasserlatschen und noch mehr Schlamm machten ein rasches oder zumindest ein befriedigendes Fortkommen auf dem Mountainbike unmöglich. Ähnliches galt für die Laufstrecken, die im Grunde die selbe Beschaffenheit an den Tag legten.
Mit dem Sadismus, den die Australier offensichtlich so lieben, stand ich am gestrigen Tage ebenfalls auf dem Kriegsfuß. Die Frage, die sich in meinem von Erschöpfung genährten Frust, mir aufwarf war, wie so etwas Spaß machen kann. Stundenlanges Radeln durch den Busch, Dreck überall Dreck, von der Rennleitung in hüfthohes Wasser geschickt zu werden, durch dieses durchwaten und das alles freiwillig. Nein, ist fiel mir kein vernünftiger Grund in diesem Volk irgendeine Form von Intelligenz zu vermuten.
Und mein verdammter Radsattel hatte sich auf einer Walddurchfahrt verschoben und quergestellt und ließ mich stehend über das feuchte Wurzelwerk treten.
Die anderen waren schuld. Im nächsten Augenblick, gerade als ich zu einem erneuten deutsch-englischen Fluch auf mein Rad ansetzen wollte, überkam mich der oben angesprochene Hass auf mich selbst.
Irgendwie beschloss mein Vorderrad mit einer Baumwurzel in Kontakt zu treten und die Weiterfahrt abzubrechen. Allerdings fehlte über diesen Vorgang die Kommunikation sowohl an meinen Köper als auch an den Rest des Mountainbikes. So kam es, dass wir beide unseren Bewegungsdrang fortsetzten. Diesen jedoch nur in einer halbkreisförmig über dem Vorderrad, das sich den Plänen widersetzte.
Während ich mich in aller Ruhe überschlug, sah ich eines ein. Schuld an dem ganzen war ganz allein nur ich. Das Rad über mir konnte nichts dafür, dass ich mir diesen Wahnsinn eingebildet hatte, an dem Rennen teilnehmen zu müssen. Das Wetter ist das Wetter, wer mag das schon beeinflussen können. Und ich hasste mich dafür zu glauben ein Australier zu sein. Schließlich dachte ich kurz an eine Leberkässemmel.
Danach krachte es und ich lag auf dem Rücken. Gott sei Dank befand sich zwischen Boden und Rücken noch mein Rucksack und der hatte den ganzen Halbsalto empfindlich abgefedert. Ich lag da, einfach nur da und blickte in den Himmel. Regentropfen fielen auf mein Gesicht, Schweißperlen traten in meine Augen und Dreck heftete sich an die übrigen Körperteile. Es kann nicht sehr lange gewesen sein, aber im Nachhinein kommt es mir wie eine Ewigkeit vor, dieser Moment auf den naßen Waldboden. Der kurze Blick in die Wolken öffnete mir eine andere Welt. All der Ärger war verflogen. Keine Spur mehr davon. Es wurde mir bewusst, dass dieser Tag einer der Tage war, an die man immer wieder gerne zurück denken wird um lächelnd festzustellen wie großartig das alles war. Der Schlamm, die Strapazen, das Abenteuer. Zusammen mit der Erfahrung das mit seinen Teamkollegen erleben zu dürfen, war es Wert bis auf die Knochen durchnässt zu sein, zu frieren und gleichzeitig zu schwitzen wie nie. Weiter zu laufen, auch wenn man einfach nicht mehr kann.
Ich musste lächeln, zumindest innerlich. Stand auf, versicherte meine Teamkollegen in Ordnung zu sein und richtete meinen Sattel. Schwang mich auf mein Rad und schaltete mein Gehirn auf Genießen.
Die nächsten vier Stunden waren frei von Verzweiflung oder Erschöpfung. In manchen Momenten blieb trotz des körperlichen Niedergangs Zeit um sich selbst oder der gleichfalls fertigen Mannschaft ein ungläubiges Lächeln zu schenken. Angesichts der Verrücktheit und gleichzeitigen Genialität des Unternehmens.
Als wir nach sechseinhalb Stunden rennen und radeln durch den unbekannten und dichten australischen Busch auf die Zielgerade einbogen, kam die Sonne hinter den Wolken hervor. Es war gut so. Der letzte Schritt war eine Befreiung.


Hut ab.


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