Henning sitzt im Café und trinkt einen Cappuccino. " Manno, was ist das denn für eine widerliche Plörre!", denkt er sich. Sagen tut Henning aber: " Sis coffee tastes not good. In Homburg we had better coffee, I can tell you." Und wie er könnte. Henning mag nämlich Geschichten erzählen. Er hat ja auch so viele auf Lager. Zu jeder Situation besitzt immer ausgerechnet Henning die passende Anekdote. Sogar zu schlechtem Cappuccino hätte er eine kurzweilige und für seine Verhältnisse eher lustige parat. Doch jetzt will er die nicht verkünden, denn Henning ist sauer.
Er lässt seinen Blick durch die Runde schweifen. Da sitzen sie, seine Freunde. Grete und Mareike. Die waren immerhin pünktlich. Eines nämlich kann Henning überhaupt nicht ab und das ist Unpünktlichkeit. Um 15 Uhr im Three Monkeys war ausgemacht. Eine Minute vor drei beginnt Henning vorsorglich ein wenig Wut und Trotz in sich aufzubauen, denn er ist sich ziemlich sicher, dass Dörte den Termin nicht einhalten wird können. Sie wollte vor ihrem morgigen Psychoseminar an der Uni noch geschwind ihre Dreads nachziehen lassen, so wie das jede Woche macht. Denn Dörte mag keine unordentlichen Dreadlocks.
" I sink, shat Dörte will be late", raunzt der Homburger. Seit einem dreiviertel Jahr ist er nun schon hier in Brisbane und gleich lange kennt er auch schon Dörte. Die war auch damals schon unpünktlich. Nicht nur wegen ihrer Dreads sondern so auch. Für Henning läufts gerade nicht so.
"Yes, probably." Die Antwort kommt von Mareike. Sie mag Unpünktlichkeit auch nicht, aber noch weniger mag sie Leute, die sich in einem fremden Land über Unpünktlichkeit aufregen. Das will sie Henning, mit dem sie im gleichen Unikurs sitzt, jetzt auch sagen. Leider fällt ihr nicht ein, was Unpünktlichkeit auf englisch heißt. Deshalb schweigt sie. Statt dessen erzählt Henning nun doch seine Cappuccino-Geschichte. Und zwar so lebendig und so laut, dass auch die Nachbartische die Möglichkeit erhalten den Erzählungen in voller Lautstärke zu folgen. Objektiv gesehen ist diese Geschichte eher ein Verhau. Nichtsdestoweniger schwingt sich Henning in seiner Laune hoch und mit seiner eindringlichen und relativ plastischen Darstellung der Begebenheit bringt er alle zum Lachen. Zumindest seine Tischgenossen. Alle anderen Besucher, die im Gartenbereich Platz genommen haben zwar auch zugehört. Besser, zuhören müssen. Aber den meisten fehlt es an den Sprachkenntnissen um der Komik der beschriebenen Situation folgen zu können. Die, die des deutschen mächtig sind, finden sie nicht lustig.
Aus reiner Höflichkeit weist keiner Henning auf diesen Umstand hin. Er glaubt natürlich, die Bombenstory der Woche angebracht zu haben, schütteln sich seine Kolleginnen doch scheckig.
Man muss Henning nicht unbedingt kennen um ihn nicht zu mögen. Was nicht unbedingt seine Schuld ist. Solche wie ihn gibt es der Stadt zuhauf. Er nennt sie Landsleute und die Australier Germans.
So einen wie Henning kommt man nicht aus. Irgendwann steht er auch vor einem und beginnt mit der typischen Eröffnungsfrage, die in den folgenden Dialog mündet.
"What's your name?"
"Flo. What's yours?"
"My name is Henning. Nice to meet you."
"Du bist Deutscher, oder."
"Yes, I am."
"Na, dann könnten wir ja auch Deutsch miteinander reden."
"We could."
"Also."
"Sorry, I have to go to se toilett."
Da steht Dörte vor dem Tisch. Es ist drei Minuten nach drei Uhr. Henning setzt schlagartig sein patziges Gesicht auf und begrüßt die Frischgebürstete unfreundlich. Plötzlich kann er nicht anders und fängt an zu lachen. "See, you have also buyed sat strange coffee, hahaha," brustet es aus ihm heraus, weil er den Cappuccino in Dörtes Hand gesehen hat." Und by se way, I must tell you sat story I just told se osers."
Am Nebentisch steht eine halb leere Tasse Cappuccino. Im Grunde war sie gut. Wäre da nicht der fatale Nebengeschmack vom großen Nachbarn gewesen.
Hut ab.
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vor 4 Jahren
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