Montag, 20. Oktober 2008

Ants

Nur kurz. Maximal zwei Stunden war ich weg. Nicht einmal richtig weg, im Sinne von den Ort verlassen zu haben, war ich. Einzig in der Küche habe ich mich nicht aufgehalten und schon war es passiert. Keinesfalls wollte ich mich vor der mir aufgetragenen Arbeit drücken. Ich sah nur nicht ein, warum ich es gleich erledigen sollte.
Ein paar Teller abzuwaschen ist ja auch nicht wirklich schwer. Das dauert maximal, bei geringer Lust oder genauerer Ausführung, fünf Minuten. Vielleicht auch zehn, aber da muss die Lust es zu tun schon sehr gering oder die Ausführung irrational genau sein. Wie gesagt, bei mir lag weder das eine noch das andere vor. Es fehlte mir einfach der Grund es sofort zu tun. Diese Teller abzuwaschen. Fünf Teller um genau zu sein. Ein typisches australisches Lunch hatte sich kurze Zeit davor darauf befunden.
Tomaten-Käse-Sandwiches sind an den heißen, sommerlichen (für mich jedenfalls, die Australier nennen es noch Frühling) Tagen ein willkommener Snack zur Mittagszeit. Leicht getoastet schmecken sie besonders gut, sind schnell gemacht und besitzen einen angenehmen Fülleeffekt.
Verzerrt waren sie auch innerhalb kurzer Zeit. Um Platz vor der Spüle zu sparen wurden die benutzten Teller aufeinander gestellt und zur weiteren Bearbeitung dort belassen. Neben der Spüle, so wie immer.
Ich warf einen kurzen Blick auf die Teller und sah ein paar Stückchen Tomate darauf kleben. Dachte nichts dabei und beließ es bei einer zweistündigen Denkpause in der Weiten des Internets.
Im selben Moment warf auch jemand anders einen Blick in Richtung der Teller. Ihm gefiel, was er sah und rief seine Freunde. Sie sollten gefunden haben, was sie bereits den ganzen Tag gesucht hatten. Nahrung. Ausgerechnet Tomate. Ihre Lieblingsspeise. Was für ein Glück. Wie aus dem Nichts tauchten all seine Freunde auf und sie begannen ihre Arbeit. Stück für Stück der Tomatenreste wurde den einzelnen Arbeitern auf den Rücken geladen und von diesen in Richtung Heimat transportiert.
Die Nachricht von dem Sensationsfund hatte sich schnell unter den anderen herumgesprochen. Ohne Verzögerung begannen die erfahrenen Vorarbeiter die Kolonnen, die einerseits zu den Tellern strömten und andererseits bereits bepackt auf dem Heimweg waren, zu ordnen. Jeweils 2 Spuren wurden für den Hin- und Rückweg gebildet. Artig und ohne zu drängeln ging das vor sich. Im Grunde war es ein Einsatz wie jeder andere. Alles lief wie am Schnürchen und alle freuten sich auf ein köstliches Samstagabendmahl.
Doch plötzlich tauchte der Schatten auf und legte sich über die vormals freudige Transportpartie.
Mit Befremden hatte ich beim Verlassen meines Zimmers die schwarze Spur wahrgenommen, die von den Tellern in Richtung Küchenfenster verlief. Ameisen, überall Ameisen. Sie hatten die Teller erobert. Es schien als würden zigtausende der fleißigen Insekten sich daran zu schaffen machen, nicht nur die Sandwichreste sondern auch gleich noch die Teller wegzutragen. Hatte ich eine Ahnung, wie stark australische Ameisen sein können? Hatte ich nicht.
Mein Ziel war es die Teller zu retten. Deshalb ließ ich Wasser in Spüle ein, gab Spülmittel hinzu und tauchte das oberste Teller ein. War es Augenblicke zuvor noch schwarz gewesen, so hatte im nächsten Moment der Schaum Oberhand gewonnen. Keine Ameisen mehr. Je mehr Teller ich hastig abspülte desto mehr verfärbte sich die Spüle schwarz. All jene Ameisen, denen die Flucht nicht gelungen war, hatte ich auf dem Gewissen.
Seitdem sind kaum noch Ameisen in der Küche zu finden. Ich frage mich, ob sie wieder kommen werden. In der Hoffnung beim nächsten Mal mehr Glück zu haben und ihren Job vollenden zu können. In Zukunft werde ich wohl lieber gleich abwaschen. Das bin den Opfern meines Abwaschmassakers schuldig. Darunter haben sich auch diverse Lebensmenschen (pardon, Lebensinsekten) befunden.


Hut ab.

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