Matt besitzt etwas, abgesehen vom typischen und beneidenswerten Aussehen eines australischen Surfers, das ihm hoch angerechnet werden muss. Geduld. Beinahe täglich steht er für fast drei Stunden in hüfthohen Wasser an irgendeinem Strand und schiebt unfähige Europäer in Wellen, die er nicht einmal an einem Binnensee surfen würde. Danach schaut er ihnen zu, wie sie seine Anweisungen und Verbesserungsvorschläge wieder nicht umsetzen können und schlussendlich ins Wasser stürzen. Dabei wäre es so simpel. Kopf oben halten, nicht nach unten blicken, hoch krabbeln, Gewicht auf den Vorderfuss verlagern und nicht nach unten blicken. Watscheneinfach, trotzdem muss Matt feststellen, dass dieser patscherte Österreicher es ums Verrecken nicht kapieren will. Und verdient auf die Schnauze bzw. ins Meer fällt.
Matt ruft ihm kurz zu, dass der Verunglückte die Arme wieder völlig falsch am Board gehalten hat, aber dass er sich nicht ärgern soll, weil man das in Byron nicht macht. Gleichzeitig ist dem geborenen Engländer klar, dass dieser Tölpel es nie verstehen wird, allerdings den Kurs bezahlt hat und deshalb Aufmunterung statt eines Zusammenschiss verdient. Da fällt ihm das gestrige Yoga ein, wo er diese eine Übung zum ersten Mal zusammengebracht hat, was immerhin drei Wochen in Anspruch genommen hat. Dafür hat er sich um so mehr gefreut, wie er seine Füße hinter dem Kopf verschränkte und ihm die ganze Klasse applaudierte. Selbst die Kursleiterin, die seit einer gemeinsam verbrachten Nacht seltsam distanziert wirkt, ist zu ihm hin und hat gratuliert. Nicht aufgeben war der Schlüssel zum Erfolg, denkt Matt, und wenn man es dann wirklich schafft, ist es um so schöner.
Matt ist seinen Schülern niemals böse, mögen sie sich als noch so lernunfähig herausstellen wie dieser Österreicher. Wahrscheinlich hätte er es mit Mitte zwanzig auch nicht mehr gepackt, das mit dem Surfen. Sollen sie halt probieren! So bleibt ihm wenigstens das Schicksal eines langweiligen Bürojobs erspart. Davor hat sich der junge Matt immer am meisten gefürchtet. Für ihn gab es nur den Strand, die Wellen und das Surfen. Diese Liebe übersteht auch diese traurigen Stunden mit den Anfängern und manchmal ist ja auch ein Talent darunter und Matt freut sich für sie und schreit laut „Yiiiaahh!“ um seiner Anerkennung Ausdruck zu verleihen. Was anderes würde er gar nicht machen wollen. Nein, sicher nicht.
Matt mag sein Leben, seinen Job und einfach alles. Mit niemanden würde er tauschen wollen, ums Verrecken nicht. Der Pazifik und er sind eine Partnerschaft, die durch nichts erschüttert werden kann. Auch wenn es im Moment ein wenig kalt ist, er weiß, dass die Stunde bald vorüber sein wird und er zufrieden sein Tagwerk beendet haben wird. Vielleicht wird er selber noch ein paar Wellen suchen gehen, aber dafür ist der Wind heute einfach zu stark, das würde nichts bringen , da bleibt Matt lieber zuhause. Am Gescheitesten wäre es, wenn er wieder Yoga gehen würde. Nach der Session könnte er die Leiterin mal fragen, warum sie in letzter Zeit so allergisch auf ihn reagiert. Er könnte sie auf einen Kaffee einladen und sie hätten Gelegenheit sich auszusprechen. Genau, das wird er tun, beschließt Matt. Heute ist der richtige Tag für so was.
Matt dreht sich um, sieht den Österreicher vor sich, lächelt und meint, dass es schon viel besser geworden sei. Was nicht unbedingt stimmen muss, aber den Burschen freuts und Matt schiebt ihn die Welle. Matt braucht gar nicht hinzusehen um zu wissen, dass es wieder nichts geworden ist, das mit dem Nicht-nach-unten-Blicken. Anderseits, egal.
Matt besitzt Geduld.
Hut ab.
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vor 4 Jahren
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