Donnerstag, 27. November 2008

Charity

Das Ende ist nahe. Nicht nur das der Woche, weil Freitag ist, sondern in deren Schlepptau absolviert auch der November seinen Schlussauftritt. Ab Montag sagen wir schon Dezember zum Monat und beginnen die Kästchen an unseren Adventskalendern zu öffnen.
Eine komische Vorstellung, dies in kurzen Hosen machen zu müssen. Aber fein, ich habe sowieso keinen Adventskalender, und das ist gut so. Auch mein Glühweinkonsum wird sich in Grenzen halten, wird dieser Suff doch im sommerlichen Australien erst gar nicht angeboten. Das hat weniger mit Weltwirtschaftskrise denn mit purer Vernunft zu tun.
Zwar biegt der November gerade auf die Zielgerade ein, vorbei ist er aber noch lange nicht. Zumindest nicht für mich. Dieses Wochenende hat ziemlich viel zu bieten. Beinahe wäre ich der Versuchung unterlegen, es als stressig zu bezeichnen. Nur muss ich ganz ehrlich gestehen, dass bei dem Wort Stress keine Assoziationsketten in meinem Kopf zu wachsen beginnen, mir dieses Wort nichts mehr sagt. Egal.
Ein gutes Gefühl in mir steigert bereits seit einigen Stunden die Vorfreude auf das was in den nächsten Tagen folgen wird.
Zunächst spielen die Musiker von Bloc Party heute Abend auf der Riverstage auf. 9000 Menschen wollen sich das anschauen und anhören. 500 von ihnen werden in den Genuß kommen von mir und Melloy nach dem Konzert einen Flyer in die Hand gedrückt zu bekommen. Vorher werden wir zwei auch zu jenen gehören, die sich das Konzert geben. Allerdings mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass wir das gratis erleben dürfen. Oder umgerechnet für einen Stundenlohn von umgerechnet 160 Aussiedollars.
Morgen werden dann die Menschen von Brisbane wieder von uns beiden mit den selben Flyern beglückt. Dieses Mal allerdings bevor sie das Global Gathering-Gelände betreten um zu elektronischer Musik die letzten Hemmungen fallen zu lassen und exstatisch zu der Bumm-Zack-Mucke abgehen. Unter diesen Menschen werden sich wiederum der Melloy Pauli und der Zillner Flo befinden. Wieder ohne etwas dafür bezahlt zu haben.
Also Melloy und ich, plus Schnurrbart. Ja, liebe Heldinnen und Helden, es ist soweit. Nachdem der Monat November für karitative Zwecke in Australien und noch einigen anderen Länder zum Mo-Vember umgewandelt wurde, blieb mir keine andere Wahl als diese Opfer auf mich zu nehmen und meine Oberlippe zur Spielwiese der Gesichtsbehaarung verkommen zu lassen. Genau einen Monat war sämtlicher Kontakt zu Rasierern und Konsorten tabu. Kein einziges Haar wurde gekrümmt.
Es ist etwas gewachsen. Nicht viel, aber dennoch stehe ich als Sieger der internen Beattie Street Wertung fest. Mag sein, dass dies allein auf der Tatsache beruht, dass ich der einzige war, der sich dieser immensen Verletzung des guten Geschmacks uneingeschränkt hingeben konnte. Dennoch fühle ich mich Sieger.
Ich war nicht allein. Der Mo-Vember existiert wirklich. Auf den Straßen der Stadt haben Männer mit beeindruckenden Pornobalken für die Prostatakrebsforschung Geld gesammelt. Aus Solidarität mit dieser Aktion haben wir uns gefügt und selbst ein wenig Männlichkeit im Gesicht belassen.
Im Bewusstsein, dass man der eigenen Attraktivität dabei keinen Gefallen tut, bleibt mir nichts anderes übrig als dieses Wochenende über mich ergehen zu lassen. Das dafür mit Stil. Heute kommt der Bart, den ich zur Tarnung des Endzweckes habe ebenfalls sprießen lassen, ab. Nur die Rotzbremse bleibt.
Dies mag meine Chancen beim anderen Geschlecht trüben, aber dieses Opfer bin ich bereit einzugehen. Schließlich geht um den guten Zweck.
Und wie heißt ein altes mongolisches Sprichwort: "Wir Mongolen haben einen Bart, weil man als Mongole weiß, dass Schönheit von Innen kommt."
Die Mongolen haben recht. Und mir ist jetzt auch schon alles egal. Ab Montag heißt es Adventszeit. In kurzen Hosen und mit Stoppeln im Gesicht.


Hut ab.

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