Da liegst du. Du liegst einfach da als hättest du auf mich gewartet. Dabei haben wir nicht einmal ausgemacht, dass wir uns treffen. Ich meine, selbstverständlich hätte ich in diesen Tagen einen Blick auf dich werfen wollen, aber dass das gerade heute der Fall sein würde, davon konntest du nicht ausgehen. Kann ich dich an meinen Tisch mitnehmen und Zeit mit dir verbringen?
Haben dich heute schon viele an ihren Tische gehabt? Du siehst so aus als ob. Was ich damit meine? Nun, halt nicht mehr ganz so frisch. Wie du sonst am Morgen ausgesehen haben musst. Schau her, sei jetzt bitte nicht beleidigt, ich mein ja nur, dass du morgens besser, sagen wir, strukturierter ausgesehen hast. Nicht so in deine Einzelteile zerrissen wie im Moment. Ich weiß, dass man diesen Zustand mit ein paar Handgriffen wieder herstellen kann. Und ja, mir ist durchaus bewusst, dass du mir nicht exklusiv gehörst. Es ist nur so, dass du mir in deinem Urzustand am besten gefällst.
Ich mag es halt nur nicht, wie dich manche hier behandeln. Was das heißen soll? Na, schau dich doch an. Voller Falten und völlig falsch geordnet liegst du in Einzelteilen vor mir.
Na sicher rege ich mich auf. Was denn sonst? Sicher, du hast keine Wahl, kannst dir die Leute nicht aussuchen. Das verlange ich gar nicht von dir. Dich trifft keine Schuld daran, dass ich mit deinem Erscheinungsbild nicht einverstanden bist.
Ich weiß eigentlich gar nicht, warum mir dein Aussehen überhaupt so wichtig ist. Wir kennen uns doch gar nicht lang. Natürlich gab es vor dir andere. Du bist diesen sehr ähnlich. Zumindest habt ihr äußerlich viel gemeinsam. Deswegen bin ich bei unserer ersten Begegnung auf dich zugegangen. Du hast vertraut ausgeschaut. Als würde ich dich schon ewig kennen. Irgendwie war es auch aufregend.
Inzwischen bin ich aber weiter. Ich glaube dich besser zu kennen. Verstehe mich nicht falsch, ich mag dich wie du bist. Keine Frage. Du bist hübsch gemacht, intelligent, interessiert dich für Sport, Politik und Kultur. Genau wie ich. Am Donnerstag gewährst du mir sogar Einblicke in das australische Rechtssystem, das muss ich dir hoch anrechnen.
Dennoch wird da niemals mehr zwischen uns sein. Du weißt, dass ich bald wieder weg sein werde. Wir haben beziehungsweise hatten nie eine Zukunft. Keine gemeinsame. Wenn ich das gewollt hätte, wäre es nicht bei diesen unverfänglichen Treffen im Kaffeehaus geblieben. Dann hätte ich dich schon zu mir nachhause kommen lassen und von oben bis unten, oder besser gesagt, von vorne bis hinten... Ich hätte mich mehr um dich gekümmert als bloß zum Zeitvertreib bei einer Tasse Cappuccino vor mir liegen zu haben. Aber im Grunde wussten wir beide von Anfang an, dass wir nicht für immer und ewig einander gehören.
Du liebst Australien viel zu sehr als dass es Sinn machen würde, dich auch noch in meiner Heimat bei mir zu haben. Natürlich hätte dies seinen Reiz, aber auf die Dauer würde uns das nichts weiterbringen. Belassen wir es deshalb bei dem jetzigen Zustand. Ich komme zwei bis dreimal die Woche hierher und wir verbringen eine gemütliche Stunde zusammen. Nur wir zwei.
Denn, ich will ganz ehrlich sein, wenn du bei mir bist, brauche ich niemand anderen um mich herum. Du bist mehr als genug. Natürlich stöbere ich auch in den Alternativen herum, doch die können dir nicht annähernd das Wasser reichen. Du bist einzigartig in diesem Land. Gerade deshalb fällt es mir so schwer von dir zu lassen.
Jedoch, irgendwann wird die Stunde kommen und wir werden Abschied nehmen müssen. Ich glaube kaum, dass es dir schwer fallen wird. Du hast jetzt doch auch andere neben mir. Die haben dich sicherlich auch sehr gerne. Aber für mich wirst du immer die eine bleiben, die ich meinen Tagen von Brisbane gefunden habe und so herzlichst zu schätzen gelernt habe.
Auch ich werde weiter gehen. Gewiss, es wird auch andere geben. Mit manchen werde ich mehr zu tun haben, andere nur gelegentlich in die Hand nehmen, aber bitte glaube mir, ich werde dich nicht vergessen. Du wirst immer ein Teil meiner Reise sein und egal was die anderen behaupten, ich werde deine Meinung anhören und akzeptieren.
Du, meine Tasse ist fast leer. Ich werde dann mal wieder gehen. Komm in meine Arme, ich will dich ordnen. Begleite mich nach vorne. Ich werde dich dort ablegen, wo ich dich gefunden habe. Jetzt siehst du wieder besser aus.
Eines will ich dir noch schnell sagen: Wenn ich dich anblicke, sehe ich die Welt vor mir. So wie sie ist.
Schön, wenn man das von einer Zeitung behaupten kann.
Hut ab.
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vor 4 Jahren
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