Als er am Morgen des Tages, der auf jenen Tag folgte, der die Welt verändert hatte, aufwachte war er unzufrieden. Einfach so, ohne Begründung. Doch er spürte es mehr als deutlich. Nichts passte. Sein Bett fand er schrecklich ungemütlich, sodass er viel zu früh aus dem Schlaf gerissen wurde. Außerdem war es ihm bereits um die frühe Uhrzeit viel zu heiß.
Nachdem die Hitze gerade mal für einen Tag eine Pause eingelegt hatte, fand sie wieder zu alter Form zurück. Und wie! In dem Moment als er sich von seinem Lager erhob schlug sein Kopf gegen ein Wand aus drückender Schwüle und sonnengetränkter Wärme. Alles in allem verstärkte es nur noch den Zustand in dem er sich sowieso schon befand. Er verschaffte sich kurz einen Überblick in seinem Zimmer. Er fand sich selber grauslich. Wie konnte er sich nur so gehen lassen? Überall Spuren von überbordenden Bierkonsum und unpräzisen Nahrungsaufnahmen, die an seiner Kleidung hafteten. Eigentlich wollte er gar nichts anziehen, aber er war auch mit seinem körperlichen Zustand äußerst unzufrieden, sodass er es vorzog ein Shirt voll zu schwitzen anstatt mit nacktem Oberkörper zu frühstücken.
Irgendwie vermochte auch dies ihm an diesem Tage nicht zu genügen. Er fand allerdings keine Erklärung warum. Diese Unzufriedenheit hatte seine Gedankengänge umzingelt und wartete darauf jede neu ankommende Überlegung mit ihrem Gift zu infizieren. Deswegen schmeckten ihm seine Cornflakes auch nicht.
Um sich nicht noch mehr Vorwürfe an Kopf schleudern zu müssen, beschloss er seinen Gedanken eine Pause zu gönnen. Was sollte er mit sich selbst anfangen, fragte er sich. Und wieder war er unzufrieden, weil er sich verboten hatte solche komplexe Fragestellungen zu erörtern.
Nach zwei Stunden intensivem vor sich hin grantelns machte er sich auf den Weg. Er selbst hatte keine Ahnung wohin er gehen sollte, aber dieser Umstand verursachte wiederum bloß mehr Ärger in ihm, sodass er sich vorgaukelte in die Stadt zu wollen. Doch an diesem Tag half dieses Vorgehen auch nicht, denn er begann sich darüber aufzuregen, dass er sich selbst versuchte aufs Kreuz zu legen, gedankentechnisch gesehen.
Wie er so seines Weges ging, begann er wieder die Hitze zu verfluchen. Sie war nämlich nicht zu unterschätzen. Er fühlte, wie sich überall an seinem Körper Schweißperlen bildeten, die sich, wie für jedermann und frau auf seinem Shirt gut sichtbar, zu kleinen Rinnsalen und größeren Seen zusammenschlossen. Es blieb nichts anderes übrig als diese Schmach der öffentlichen Schweißflecken über sich ergehen zu lassen. Was nur seinen Ärger auf Gott, die Welt und sich selbst bestärkte. Die heilige Dreifaltigkeit der Unzufriedenheit, dachte er sich. "Amen!" sagte er laut und für einen Moment blitzte in ihm ein Gefühl von Freude auf. Es blieb bei einem kurzen Aufblitzen.
Er hatte die Innenstadt erreicht mit ihren zahlreichen Kaufhäusern, Menschen in feiner Kleidung und der kleinen Horde Punks, die auf dem Boden lungerten und "Fuck" in die Luft zu starren schienen. "Punks sind die Leute, die doch viel zufrieden sind unzufrieden zu sein, dass sie schon fast als ein fröhlicher Haufen Arschlöcher durchgehen könnten", dachte er sich. "Und außerdem haben die sowieso alle eine Freundin! Wie kann man da überhaupt noch an der Welt zweifeln, wenn man verliebt ist?"
Froh darüber kein Punk sein zu müssen, sondern eine durchschnittliche Grantscherben mitteleuropäischen Zuschnitts, ärgerte er sich nun darüber, sich beinahe mit Punks verglichen zu haben.
Aber auch bei den "normalen" Menschen wollte er keine Gemeinsamkeiten feststellen. Er versuchte ihnen in die Augen zu blicken, sie zu einem Lächeln animieren, sodass er auch ein unzufriedenes Schmunzeln nachschießen konnte. Nur musste er dazu zuerst freundlich sein und das wollte er wirklich nicht. Ihm fehlte die Einsicht, dass man manchmal den Schritt selber setzen muss, der die gewünschten Ereignisse ins rollen bringt.
In einem der viel zu großen Schaufenster betrachtete er sein Spiegelbild. Es gefiel ihm selbstverständlich nicht. Allerdings wollte er nur zu gerne wissen, warum das so war. Er war zwar in der Lage die Symptome seiner Unzufriedenheit zu benennen und zu beschreiben, aber der Grund dafür versteckte sich hinter einem schwarzen Vorhang in einem dunklen Raum, den er nahe an seinem Herzen vermutete. Kurz um, nicht zu entdecken.
So bezeichnete er die Situation als kafkaesk. Nicht nur, weil er den Klang des Wortes gern hatte. "Irgendwie wäre es cool zu sterben wie Franz Kafka. Vom eigenen Vater erschlagen zu werden, weil man sich in einen Käfer verwandelt. Echt brutal, aber schon wieder genial einzigartig," ließ er seinen Gedanken freien Lauf.
Er blickte durch das Schaufenster, vor dem er nun fünf Minuten gestanden war und plötzlich hatte er die Erklärung für seinen Unmut.
Die Weihnachtsdekoration in dem Kaufhaus machte ihm klar, dass es Anfang November war und er noch immer keine Geschenke besorgt hatte. Das musste der Grund für all die Negativität dieses Tages gewesen sein, befand er.
Und ärgerte sich, dass dies alles wegen eines solch banalen Anlasses geschehen war.
Er drehte sich um, ging nach Hause und hasste sich und den Tag bis zum Schlafengehen. In der Nacht, die auf die letzte Nacht folgte, die an den Tag anschloss, der die Welt verändert hatte, schlief er schlecht.
Hut ab.
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vor 4 Jahren
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