Mittwoch, 19. November 2008

Greens

So kam es, dass ich anstatt den dritten Tag nach einander Löcher in die Luft zu starren, mich plötzlich auf einem Golfplatz wiederfand. Ohne Löcher kommt man aber beim Golfspiel eh auch nicht aus, dachte ich mir. Was allerdings keine Rechtfertigung darstellen sollte weitere Löcher in den Rasen der Anlage zu zaubern, war sich der Greenkeeper nachher sicher. Doch dafür war es schon zu spät. Genauer, 53 gezählte Schläge zu spät.
Der Regen von gestern hatte sich verzogen. Er hatte ganze Arbeit geleistet. Manche sprachen gar von einem Wintereinbruch. Kurze Zeit war ich versucht dies zu glauben, war Cameron doch zum ersten Mal seit er dort wohnte, am Morgen in einer Jogginghose in der Küche gestanden. Shirt trug er zwar keines, aber immerhin lange Hose.
Loch 1: Man nimmt es mit einer Prise Humor, wenn man fünf Minuten vor einem kleinen, weißen Ball steht und diesen in diesem Zeitraum nicht einmal trifft. Sollte man meinen. Das mit dem Humor gilt allerdings nur für die ersten viereinhalb Minuten. Das Gras um das Tee flog in hohen Bogen in die für den Ball vorgesehene Richtung, allein der Ball ruhte in sich.
In sich ruhen, gutes Stichwort. Viel hat nicht mehr gefehlt und ich hätte mir selber beim Schlafen zuschauen können. Der Regen, der in großen Mengen seit Sonntag Abend auf Queensland niedergegangen war, verhinderte zielgerichtete Aktionen außerhalb der eigenen vier Wände. So machte ich mich daran jede Couch auf ihre Liegeeigenschaften zu überprüfen. Sie haben alle bestanden.
Loch 2: Der Rückstand ließ sich nicht mehr aufholen. Besonders der zeitliche. Noch immer hackte ich auf dieses weiße Ungetüm von Ball ein. Erfolglos. Hin und wieder führte der Zufall Schläger und das Spielgerät zusammen und auf Grund dieser Tatsache blieben die Flugbahnen für das menschliche Gehirn unerklärbar.
Eigentlich könnte man es zur Kunstform erklären. Löcher in die Luft starren. In der Küche habe ich drei angelegt. Eines über der Spüle, das kleinste. Die andern zwei habe ich den Raum gelegt und so lange bearbeitet bis sie die gewünschte Form angenommen haben. Ich habe mich mit ihnen unterhalten, sie haben mir beim Schlafen zugesehen, als mir nach fünf Seiten Robert Musil wieder einmal die Augen zugefallen sind. In ihnen lege ich meine Pläne für das letzte Monat meines australischen Daseins. Doch wohin, wenn es die ganze Zeit regnet?
Loch 3: Golf wird beim Putten gewonnen. Eine alte Golferweisheit. Ob sie allerdings der Wahrheit entspricht, ließ sich für mich auch nach dem dritten Loch nicht feststellen. Zum Putten muss man ja bekanntlich aufs Grün gelangen. Sicherlich habe ich das gewusst, aber umsetzen und so, sagen wir: Ein Genügend mit Bauchweh. Irgendwann hatten meine Partner ein Einsehen mit mir und ließen mich den Ball in Richtung Loch werfen. Fünf Versuche später und der Ball, wie soll ich sagen, ja, versenkt.
Ich genüge mir selber im Regen. Pläne für die Zeit nach meiner Rückkehr werden konkreter. Die Zukunft verliert zusehends an Schrecken. Ich kann ja doch was.
Loch 4: Golfen zählt da wohl nicht dazu. Zwar werden die Prügelsequenzen, die den Ball in Richtung- tja, in welche Richtung?- befördern sollten, kürzer. Die Anzahl der benötigten Schläge sinkt dabei noch lange nicht. Zwar brauche ich den Ball nicht mehr zu werfen, aber was es bedeutet Par zu spielen, brauche ich den nächsten Jahren nicht zu planen erleben zu dürfen.
Es geht dahin. Die Zeit fließt dahin, wie das Wasser die Beattie Street hinab. Ein kurzer Blick vor die Haustür beschert mir die Gewissheit. Heute braucht mich da draußen keiner mehr. Und herinnen. Das Wohnzimmer hätte noch Platz für ein bisschen vor sich hinstarren.
Loch 5: Zeig mir einen Zaun, ich jage dir den Ball darüber. Ein Bunker? Nichts wie hinein! Ein Wassergraben, ein großer Strom für mich, ein Rinnsal für die Menschheit. Langsam, aber sicher wird deutlich, dass es so etwas wie Anfängerglück im Golfsport nicht existiert. Tiger Woods, der falsche Hund, bei ihm schaut das immer so leicht aus. Aber der muss ja auch nicht in schwülen Hitze der australischen Vorstädte seine Platzrunden drehen, sondern... Eine Sauerei jedenfalls. Kein Glück, kein gar nichts!
Im Spiegel betrachtet sehe ich aus wie immer. Nichts deutet auf eine Veränderung hin. Und doch, weiß ich inzwischen, dass manches in mir sich entwickelt hat. Ob das gut oder schlecht ist, mag ich nicht beurteilen. Weil ich es noch nicht kann.
Loch 6: Endlich ein Schlag, der sich sehen lassen kann. Hätte ich doch bloß hingeschaut. Trotzdem wird er mir zugesprochen. Es ist auch zu leicht. Man regt sich über alles auf, vergisst dabei das Gehirn zu verwenden und ballert instinktiv den Ball in die Wolken. Wieso und warum das auf einmal klappt, bleibt mir selbstverständlich unerklärlich. Es hindert mich aber nicht meine Arme in die Luft zu reißen und sie erst zur Ausführung des nächsten Schlages wieder herunter zu nehmen. Par gespielt? Sicher. Nicht.
Vielleicht lag es an einem Koffeinmangel, der mich doch in Regen hinaustrieb. Nicht weit, aber bis zum Three Monkeys konnte ich mich gerade noch schleppen. Einen Muffin zum Cappuccino, aber wer sitzt immer diese Deutschen neben mich? Bin ich ein Magnet oder was? Die haben erst Probleme, da mag mir der Kaffee schon gar nicht schmecken.
Loch 7: Auf der Suche nach dem Ball im kniehohen Gras des Nachbargründstücks verliert dieser Sport seinen letzten Reiz. Zwar ergibt sich eine nette Unterhaltung mit dem Ehepaar, welches mir erzählt, dass ich sicher nicht der erste bin, der da in ihrem Vorgarten steht, aber sicherlich der Nüchternste. Na bravo, denke ich mir und betreibe minutenlang Unkrautvernichtung in der Ein-Schläger-Klasse. Die Frau muss vor lauter lachen ins Haus zu ihrem Asthmaspray rennen und ihr Mann, Franc, erzählt derweilen derbe Altherren-Witze über die Gemeinsamkeiten von Golf und Sex. Interessant, aber ich kenne mich bei Golf nicht so aus.
Wenn es in Brisbane regnet, dann freuen sich die Menschen. Das Land leidet seit Jahren an Niederschlagsmangel, da kann ich mich noch ein paar Mal schlafen legen. Außerdem wissen sie, dass es bald wieder heiß wird. Schütten statt schwitzen ist angesagt. Ich liege trocken und fadisiert in der Küche und versuche Augenkontakt mit dem Hund zu vermeiden, der auf einen Spaziergang drängt.
Loch 8: Auf einen feinen Abschlag über 80 Meter folgt ein missglückter Annäherungsschlag aufs Grün über 80 Meter. Blöd nur, dass die gesamte Spielbahn 90 Meter misst. Anders als sonst üblich lasse ich kurz meinen Ärger an die Luft und teste den Rasen auf seine Widerstandsfähigkeit. Einem gezielten Hieb hält er Stand, doch bei jedem darauf folgenden Schlag fliegen die Fetzen. Solange, bis ich merke, dass das keiner auch nur im Ansatz verstehen kann und sie mich entrüstet anstarren. Um es wieder gut zu machen organisiere ich mir einen kleinen Kübel mit Sand und stopfe die neu entstandenen Löcher notdürftig und vergieße dabei einige Tränen des Zorns. Ich verfluche das Spiel und die Menschen, die es erfunden haben. Sadistische Saubande würde ich sie schimpfen, wenn ich sie mal treffen würde.
Ich gehe ins Bett und glaube nicht an eine Veränderung meines Zustandes. Träumen mag ich nicht mehr, weil ich weder die in deutsch noch die in englisch zur Zeit richtig zu deuten vermag. Untertitel könnten da vielleicht helfen. Was weiß ich schon?
Loch 9: Es ist tatsächlich das letzte Loch! Mit meinem fünften Schlag landet der Ball in diesem und kurze Zeit später verschwindet er endgültig in der Balltasche. Dem Platzwart stehen Tränen in den Augen, ich denke mir, er freut sich für mich. Ich danke ihm und da wird er ein wenig komisch. Wahrscheinlich zeigt er nicht gerne öffentlich seine Sympathie für Anfänger. Kann man nichts machen. In jedem Fall folgt nach zwei Stunden sportlichem Hochgenuss der richtige Abschluss. Ein kühles Bier. Es versöhnt für die Qualen am Platz und die Demütigungen während des Spiels.
Das Bier zwingt mich auf die Couch zurück. Eineinhalb Stunden Nachmittagschlaf und endlich weiß ich, warum.
Und es regnet schon wieder. Bravo.

Hut ab.

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