Donnerstag, 20. November 2008

Spread

Schön langsam wird es fad immer über das Wetter zu schreiben. Aber es bleibt das bestimmende Thema in diesen Tagen. Gestern Nacht hat es in Brisbane 108mm Niederschlag pro Quadratmeter gegeben. Innerhalb von wenigen Stunden fiel ein Achtel der Regenmenge des gesamten vergangenen Jahres. Zahlreiche Überschwemmungen, Verkehrsbehinderungen und vor allem viele zerstörte oder arg beschädigte Häuser waren die Folge.
Genug davon. Mir ist durchaus bewusst, dass der Eli ein putziges Baby ist. Er lacht sehr viel, krabbelt durch das Haus ohne Unterlass und schreit beim Niederlegen die Wände nieder. Alles in allem ein Sonnenschein, ein Wonnebrocken, ein kleiner Faymann möchte man fast sagen. Aber die Leute hier kennen den österreichischen Obama nicht. So halten sie Eli bloß für ein liebenswertes Baby, das er unbestritten ist.
Mit mir spielt er auch ganz gerne. Besonders dann, wenn ich wieder einmal ein Nickerchen auf einer der Couchen absolviere. Nach ungefähr fünf Minuten des vor mich Hindösens fühle ich meistens ganz kleine, zarte Fingerspitzen meine Hand abtasten. Meine Arme benützt der Kleine um sich aufzurichten. Danach tauchen die gleichen Fingerspitzen kurze Zeit später in meinem Gesicht auf und beginnen nach den Brillen zu greifen. Denn eines lehnt der Racker kategorisch ab. Kopfbedeckungen. Nicht nur Brillen fallen seiner rigiden Kopfschmuck-Politik zum Opfer, sondern auch Hüte, Kappen und Kopftücher verbietet er sich, dass sie von Erwachsenen getragen werden.
Doch das soll hier gar nicht das Thema sein. Ich sehe großes Unheil über dem Buben hereinbrechen. Wahrlich, ich hätte früher eingreifen sollen, dieser Problematik mehr Aufmerksamkeit schenken. Zu lange habe ich sie unterschätzt, dachte nicht, dass mein Eingreifen bereits jetzt von Nöten sein würde. Nun muss ich mit den Konsequenzen meines Zögerns leben. Und erst der kleine Bub. Ich weiß nicht, ob ich ihm noch in die Augen schauen werde können.
Jetzt werden mir viele mit australischer Kultur und Lebensweise daher kommen. Behaupten, dass das meine Sorge um Eli unbegründet und schlichtweg falsch ist. Von einigen werde ich mir den Vowurf gefallen lassen müssen, ein elitärer Kulturchauvinist zu sein.
Kein Problem, ich stehe dazu. Ich kenne die Wahrheit und die sagt meinem Herzen, dass dieser kleiner Mensch, den ich in der kurzen Zeit hier so lieb gewonnen habe, eine bessere Zukunft verdient hat. Zumindest was seinen kulinarischen Werdegang betrifft.
Ich kann mich noch nicht damit abfinden, dass wirklich zu spät ist. Letzte Woche war er noch weit davon entfernt richtige Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Er wollte auch meistens nicht. Wie es aber mit Babys nun mal so ist, hat sich auch Eli weiterentwickelt und stopft sich nun die meiste Zeit wahllos irgendwelche kleine Essensstückeln in den Mund. Mit seinen 4 bis 7 Zähnen kaut er dann elendslange an diesen Bissen herum um sie dann mit einem der komischsten Gesichtsausdrücken überhaupt hinunterzuschlucken.
Kein Problem, wie gesagt, es gehört eben zum Babysein dazu Fortschritte zu machen. Wo kämen wir denn da hin, wenn ein kleiner Fratz wie Eli plötzlich im 9. Lebensmonat plötzlich sagt:" So, das Leben hat mein Vertrauen in puncto sphärisches Sehen verletzt, hier sind zehn Fragen an das Leben. Bis das Leben mir diese Fragen nicht eindeutig beantwortet hat, setze ich mein Wachstum aus!" Derart ungeschickt würde sich kein Baby der Welt verhalten.
Es geht nicht um die Tatsache, dass Eli isst oder wie er isst. Vielmehr gilt meine Sorge dem was.
Brot schnabuliert er nämlich am liebsten. Oder was halt die Australier unter Brot verstehen. Toastbrot. Mit einer ungeheuren Ruhe zieht sich der Kleine Tag für Tag kleine Krümmel rein und lässt sich diese auch herzlich schmecken.
Meistens isst er es pur. Doch vor kurzem haben seine Eltern begonnen auf das Brot einen klebrigen, schwarzen und extrem grauslichen Schlatz zu pappen.
Sie nennen das Vegemite. Ich hingegen versuchte kulinarische Körperverletzung. Wer jemals versucht hat einen Suppenwürfel ohne alles zu essen, hat eine wage Vorstellung davon, was sich hier herunten die Leute in aller Herrgottsfrüh hineinziehen. Zum Davonrennen.
Und Eli bekommt das jetzt das regelmäßig serviert. Es scheint ihm zu schmecken. Vegemite! Wie kann er nur? Verräter!
Ich hätte ihm gerne die Vorzüge unsere Küche näher bringen wollen, nun aber lutscht der kleine Bub an diesem rein pflanzlichen Folterinstrument herum.
Eli ist leider auch ein Schuster geworden, der freiwillig bei seinen Leisten bleibt.
Irgendwann wird er bemerken, dass sein Magen mehr drauf hätte als dieses Gewirr an grausamen Geschmäckern zu verdauen.
Doch dann wird es zu spät sein. Und er zum Australier verdammt sein. Alles nur wegen diesem grauenhaften Brotaufstrich. Ich wünschte, es wäre anders, aber das ist wohl der Preis den man bezahlen muss um auf ewig in diesem Paradies leben zu können.
Auch wenn er es jetzt noch nicht weiß, Eli wird sich das sicher auch irgendwann denken, zwei Scheiben Toast nehmen und das Vegemite drüberschmieren.
Mahlzeit!


Hut ab.

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