Dienstag, 4. November 2008

Horsepower

Blake Shinn überquerte die Ziellinie als Erster. Nur war ihm das zu genau diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Auf den letzten Metern hatte sein ärgster Rivale Corey Brown noch einmal ordentlich Gas gegeben und so kamen die beide zeitgleich ins Ziel. Es musste ein Fotoentscheid her.
Blake spürte aber, dass es gereicht habe musste. Irgendwie schien es zu passen. Über Melbourne strahlte die Sonne. Und für Blake schien sie am heutigen Tage so hell wie noch nie zuvor.
Dabei hatte es Blake nicht immer leicht im Leben. Bereits als kleiner Junge weigerte sich sein Körper auch nur im geringsten Ausmaß zu wachsen. Selbstverständlich gewann er an Körpergröße, aber immer blieb er um mindestens einen Kopf kleiner als seine Altersgenossen. Zumindest im Kindergarten. Danach hat Blake nie wieder einem Gleichaltrigen in die Augen schauen können.
Seine Eltern nahmen dies hin. Sie waren froh, dass Blake für immer auf das Schaukelpferd zu passen schien, das sie ihm zum dritten Geburtstag geschenkt hatten. Selbst als Blake die Pubertät erreicht hatte, konnte er noch problemlos dieses Schaukelpferd zur Vorbereitung auf wichtige Rennen im Esszimmer des elterlichen Hauses nutzen.
Denn als feststand, dass Blake nie eine normale, oder wie er es zu nennen pflegte, ordentliche Größe erreichen würde, wurde er Jockey. Jockey wider Willen. An sich wollte er immer Basketballer werden.
Heute aber war er froh Pferde reiten zu dürfen. Er hat den Melbourne Cup gewonnen. Nun, nicht er, sondern Viewed, sein Pferd.
Für ungefähr zwei Minuten war Blake der Held einer ganzen Nation. Denn wenn am zweiten Dienstag im November in Melbourne Pferderennen abgehalten werden, hält ganz Australien den Atem an. Für genau fünf Minuten. Danach wird der Sieger kurz gefeiert, interviewt, mit einem mickrigen Pokal abgespeist und von den meisten höchstens noch im Unterbewusstsein abgespeichert.
Ansonsten bietet der Melbourne Cup eine willkommene Gelegenheit für alle, die Arbeit für den Nachmittag niederzulegen, gut zu essen und sich bereits kurz nach Mittag die Kante zu geben. Weil es ist ja Melbourne Cup. Im Grunde scheint es egal zu sein, welches Pferd gewinnt, wie der Jockey heißt, der es geritten hat oder sonst was.
Allein für die Dauer des Rennens drehen sich alle kurz von der Bar weg und verfolgen wie ein Haufen fleischgewordener Wendy-Poster im Kreis laufen. Um dem ganzen ein wenig Spannung zu verleihen wetten halt sehr viele auf den Ausgang dieses einen Rennens. Was meistens in die Hose geht.
Blake kann das am heutigen Tag egal sein. Heute ist er der Größte. Aber schon morgen wird er wieder das kleine Zwutschkerl sein, das in der Kinderabteilung sein Gewand kaufen muss und den kein Türsteher der Welt für älter als zwölf Jahre hält. Heute werden sie sich vor seine Füßen werfen um sich nach einer wilden Nacht die Frage zu stellen, ob es überhaupt Schuhe in seiner Größe gibt. Heute muss Blake nicht allein zu Hause von seinem Schaukelpferd aus analysieren, wo er das Rennen verloren hat. Morgen wird das Schaukelpferd wieder sein einziger Freund sein. Heute ist seine Mailbox übergegangen, morgen wird er sich Zeit lassen können mit dem Akku aufladen. Es wird sehr ruhig sein.
Die Welt ist oftmals ungerecht. Blake hat das von klein auf mitbekommen, weil er immer klein war. Er kennt es nicht anders. Aber immerhin hat er den Melbourne Cup gewonnen. Heute. An Morgen sollte Blake lieber nicht denken. Denn an ihn wird morgen nicht mehr gedacht werden.


Hut ab.

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