Über den Hochhäusern der Stadt hatte sich die Sonne gerade eben erhoben. Nun stand sie da im Himmel und strahlte feuerrot. So wie sie das eigentlich jeden Tag gegen fünf Uhr am Morgen tut. Für sie war es ein Mittwoch wie jeder andere.
In den Straßen Mollooloobas herrschte die gewohnte Stille. Außer dem üblichen Gezwitscher der Vögel bei Morgengrauen und der leichten Brise, die vom Meer hereinwehte, war so gut wie nichts los. Nur vor dem McDonalds-Restaurant, das hier 24 Stunden geöffnet hat, saß eine kleine Gruppe betrunkener und sorgte für einigermaßen Lärm. Bei ihnen hatte sich noch nicht herumgesprochen, dass es bereits Mittwoch geworden war.
Eine halbe Stunde zuvor hatte in einem Zimmer des örtlichen Backpackers ein Wecker geläutet. Nicht aus Zufall oder technischem Unvermögen seines Besitzers. Nein, dies war aus purer Absicht geschehen. Der Wecker war gestellt worden um zwei Bewohner dieses Zimmers zu wecken. Sie erhörten den Weckruf, rieben sich den Schlaf aus den Augen und machten sich auf den Weg.
Auf den ersten Blick hatten die beiden nicht viel gemein, außer dass sie beide ein Surfbrett durch die Straßen schleppten und sie die Hoffnung vereinte zu dieser frühen Stunde ein paar ordentliche Wellen zu finden. Auf diesen Weg mussten sie über zerbrochenes Glas steigen und Erbrochenem ausweichen, das die Nacht auf den Gehwegen der Stadt angesammelt hatte. Es wurde hier viel getrunken.
Der Kanadier wusste, wo die Wellen am günstigsten für sie brechen würden. So ungefähr halt. Allerdings wusste auch nur er, dass es ein weiter Weg sein würde. Ihr Ziel sollte Strand von Morychyda sein. Er hatte in den wenigen Tagen, die er hier erst verbracht hatte, gleich ein australisches Mädel kennen gelernt, die eine besondere Leidenschaft für das Wellenreiten besaß. Für Liebe war es noch zu früh, nicht nur an diesem Mittwoch, sondern generell zwischen den beiden. Sie kannten sich halt und gingen gemeinsam surfen. Das Mädel tat das sowieso jeden Tag und er war wirklich gewillt surfen zu erlernen. Also, zwischen den beiden ging es wirklich nur um die Liebe zum Meer und zu den Wellen. Zumindest heute. Zumindest zu diesem Zeitpunkt.
Die Backpacker kamen überein, dass es ein großartiger Tag war. Zwar war dieser erst fünfeinhalb Stunden alt, aber ihnen reichte das um ein Urteil zu fällen. Sie wanderten über diverse Strände, kletterten Felsen entlang, immer den Blick auf den Ozean hinaus gerichtet. Auf keinen Fall wollten sie die perfekte Stelle für ihr Unterfangen verpassen. Dabei gab es allerdings ein kleines, wohl eher ein mittelgroßes Problem. Keiner der beiden besaß eine Ahnung, wie diese Perfektion einer Welle überhaupt auszusehen hatte.
Sicherlich, überall türmten sich mehr oder weniger surfbare Wellen auf, aber wie sollten diese blutigen Anfänger, die sie nun mal waren, erkennen, was ihrem Können entsprach. Der Einwurf, die Antwort wäre ein Hallenbad, wurde zwischen ihnen nicht erörtert.
Vielleicht verhält es sich beim Erspähen von guten Wellen wie bei Wein. Somelieres können die feinsten Unterschiede zwischen den diversen Sorten nach einem Schluck benennen und es bleibt einem nichts anderes übrig als zuzustimmen. Dazu benötigt es aber eine gewisse Zeit bis es soweit ist.
Der Kanadier und der Österreicher kannten, wellentechnisch gesprochen, gerade mal den Unterschied zwischen Rot- und Weißwein. Deshalb waren sie froh als nach fast einer Stunde Gehzeit die Australierin die Auswahl für sie traf.
Sie lag damit richtig wie nur was. Das Meer war angenehm warm und die Wellen kamen unregelmäßig, aber dafür umso mächtiger an den Strand gedonnert. So schwangen sich die drei auf ihre Bretter und paddelten in Richtung richtige Stelle. Das heißt, die Australierin zeigte den Weg vor und die beiden Anfänger folgten willig.
Da lagen sie auf ihren Brettern und starrten hinaus auf offene Meer. Der Australierin gelang es, die Wellen die sie für sich aussuchte zu erobern und mit ihnen zu machen was sie wollte. Im Gegenzug veranstaltete das Meer genau das gleiche mit den Backpackern. Doch es schien den beiden ziemlich egal zu sein. Mit einer Wurstigkeit, die fast an Arroganz grenzte, ließen sie sich von den Wellen erschlagen, von den Boards werfen und in den Sand stecken. Im selben Moment standen sie auf, schnappten sich ihre Bretter und paddelten unbeeindruckt wieder hinaus. „Nirgends ist versagen schöner als beim Surfen,“ dachte sich der Österreicher.
So ging dieses Spiel vor sich hin. Nach 90 Minuten wurde es abgepfiffen. Alle hatten sie genug.
Das Meer, die Australierin, die Backpacker. An ihren Gesichtern, beim Meer an der Wasseroberfläche, ließ sich ablesen, dass es ein schöner Tag war.
Zu diesem Zeitpunkt war der Mittwoch erst 8 Stunden alt. Trotzdem reichte es ihnen um dieses endgültige Urteil zu fällen. Es war ein gerechtes Urteil.
Hut ab.
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vor 4 Jahren
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